Am Sonntagmorgen, 31.03.2019

von Patrick Becker aus Aachen

Hoffnung worauf? Jenseitsverlust der Gesellschaft

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Würde es für Ihr Leben einen Unterschied machen, wenn Sie wüssten, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Oder umgekehrt, hätte es für Ihr Leben konkrete Folgen, wenn Sie wüssten, dass es kein Leben nach dem Tod gibt? Vielleicht ist der Tod für Sie weit weg. Zumindest ist der Tod in der modernen Gesellschaft nicht mehr so präsent wie er es früher war. Wir Menschen leben viel länger, Krankheiten verlaufen weniger dramatisch, und Tote werden auch nicht mehr zuhause aufgebahrt. Der Prozess des Sterbens wird oft aus der gesellschaftlichen Mitte in Krankenhäuser und Hospize verschoben. Damit fällt auch die Beschäftigung mit dem Tod weg. Der Tod hat zwar nicht seinen Stachel verloren, aber dieser Stachel ist kaum mehr in unserem Bewusstsein. Der moderne Mensch fragt nicht mehr nach dem Danach im Jenseits, er will das Leben im Diesseits gestalten.

Dadurch werden die Gesellschaft und ihr Bezug zur Religion drastisch umgekrempelt. Dieser Prozess hat sich schon lange bemerkbar gemacht. August Bebel, einer der führenden Sozialdemokraten im Deutschland des 19. Jahrhunderts, legte in seinem visionären Werk „Die Frau und der Sozialismus“ eine Beschreibung der modernen Gesellschaft vor. Darin gab er auch eine Prognose für die Rolle der Religion ab:

„Religion (…) wird nicht ‚abgeschafft‘… Doch ohne gewaltsamen Angriff und ohne Unterdrückung der Meinungen (…) werden die religiösen Organisationen und mit ihnen die Kirchen allmählich verschwinden (…), sobald die Erkenntnis des wirklichen Glückes und die Möglichkeit seiner Verwirklichung die Massen durchdringt… Für die neue Gesellschaft existieren keine Rücksichten. Der unausgesetzte menschliche Fortschritt und die unverfälschte Wissenschaft sind ihr Panier.“

Nun kann man an dieser Prognose kritisch anmerken, dass die Kirchen nicht wirklich verschwunden sind. Sie haben in unserer Gesellschaft eine anerkannte Rolle und werden wohl auch in absehbarer Zeit ihre Bedeutung behalten. Und dennoch haben die Analysen Bebels einen Wert. Er behauptet darin, dass in der modernen Gesellschaft ein „wirkliches Glück“ erreichbar wird. Dieses wirkliche Glück ist also innerhalb der Welt. Die religiöse Kernbotschaft von einem erst im Jenseits zu findenden ewigen Seelenheil spielt dann keine Rolle mehr. Die christliche Verkündigung von einem jüngsten Tag, von Gericht, Himmel und Hölle verblasst entsprechend.

Und in der Tat: Ganz wie es August Bebel prognostiziert hat, suchen wir das „wirkliche Glück“ nicht mehr außerhalb der Welt. Als Ergebnis aktueller Studien kommt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel zu einem deutlichen Befund:

„Fast alle Deutschen sehen den Sinn des Lebens innerweltlich begründet. Sie sind der Überzeugung, man ist für sein Leben selbst verantwortlich und kann ihm nur selbst einen Sinn geben.“

Die Deutschen schöpfen ihren Lebenssinn und auch den Maßstab für das eigene Handeln also nicht mehr aus dem Jenseits, aus dem Glauben an Gott und einen jüngsten Tag.

Das hat etwas Befreiendes. Seniorenstudierende an der Universität erzählen mir immer wieder, wie Gott und das bevorstehende Gericht in ihrer Erziehung als Drohkulisse benutzt wurden. Auch diente die Jenseitsbotschaft als Vertröstung: Die gesellschaftlichen Verhältnisse müssten demnach ja gar nicht verändert werden, weil alles Leid in der Welt im Jenseits entlohnt werde. Mit dieser Logik kann Religion benutzt werden, um ungerechte Gesellschaftsverhältnisse zu zementieren.

Spätestens hier wird deutlich, dass das Jenseits vielleicht auch deshalb abgeschafft wurde, weil es Zeiten gab, in denen die christlichen Kirchen selbst ein Zerrbild davon verkündeten. Umso mehr scheint es mir nötig, heute neu darüber nachzudenken, was eigentlich die christliche Botschaft vom Jenseits bedeutet.

Es fällt auf, dass die ausgeprägten Bilder, die wir vom Jenseits im Kopf haben, in der Bibel keine große Rolle spielen. Die Ausgestaltung des Jenseits in Himmel, Hölle und Fegefeuer ist später entstanden und auch erst im Mittelalter dogmatisiert worden. Dafür steht in den Evangelien ein anderes Bild im Vordergrund: Das vom Reich Gottes. Die Ankündigung des Reiches Gottes kann als die zentrale Botschaft Jesu angesehen werden.

Interessanterweise wird das Reich Gottes nicht konkret ausgemalt. Die Evangelien sprechen in Gleichnissen davon. Im Matthäusevangelium heißt es: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

Mit diesem Bild erhalten wir zum einen eine Ahnung, was im Reich Gottes wichtig sein könnte. Es dürfte dort um Gerechtigkeit, Ausgleich, um gleichwertiges Miteinander gehen. Zum anderen ist eine klare Ansage für das Hier und Jetzt gemacht. Die Reich Gottes-Botschaft ist moralisch hoch aufgeladen.

Wer diesen moralischen Appel allerdings auf ein bevorstehendes Endgericht als Drohgebärde beschränkt, verpasst eine wichtige Pointe. In den Evangelien wird nämlich auch betont, dass das Reich Gottes bereits jetzt angebrochen ist. So sagt Jesus im Lukasevangelium: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.“

Mit dieser Botschaft wird allen Versuchen der Boden entzogen, das Reich Gottes als rein jenseitig zu nutzen, etwa als Vertröstung oder Drohgebärde,. Das Reich Gottes beinhaltet eine Vision von Gerechtigkeit, eine Hoffnung auf Vollkommenheit, den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Aber alles das wäre nur leeres Gerede, wenn damit nicht auch ein Anspruch an uns im Hier und Jetzt erfolgen würde. Jesus gibt mit der Botschaft vom Reich Gottes den Auftrag, schon jetzt innerhalb der Geschichte die Welt gerecht zu gestalten und es damit erfahrbar zu machen. Damit haben wir auch umgekehrt den Auftrag, Gott in der Welt zu suchen, uns für ihn zu öffnen und ihn so zu erfahren. Die Ausrichtung auf Gott im Hier und Jetzt ermöglicht, ihn als Maßstab für unser Handeln zu nehmen.

Zugleich ist das Reich Gottes eine Zukunftsvision, Jesus hält die Verheißung wach, dass wir Menschen die letzte Gerechtigkeit nicht herstellen können und das auch nicht tun müssen, weil uns dazu die Gnade Gottes erreichen wird. Das Reich Gottes ist also auch ein Geschenk, das erst im Jenseits vollendet wird. Mit diesen beiden verschränkten Denkbewegungen bringt die Reich-Gottes-Botschaft die christliche Hoffnung auf den Punkt: die Hoffnung auf den Menschen und seine Fähigkeiten im Diesseits und die Hoffnung auf einen über das Individuum hinausgehenden Sinn im Jenseits.

Kann uns diese biblische Botschaft heute noch etwas sagen? August Bebels Analyse kann auch hier weiterhelfen. Er behauptet nämlich nicht nur, dass der moderne Mensch das wirkliche Glück in der Welt findet, sondern er gibt auch eine Begründung, warum das heute gelingt und früher nicht: Wir verdanken demnach die Befreiung von religiösen Jenseitshoffnungen den modernen Naturwissenschaften, die die Welt entzaubern und beherrschbar machen. Der moderne Mensch glaubt nicht mehr an das Jenseits, sondern an den technischen Fortschritt.

Auch hier geben ihm aktuelle Studien Recht. So beschreibt der bereits zitierte Gert Pickel ebenso einen Prozess der ‚Rationalisierung‘ im Sinne eines naturwissenschaftlichen Begreifens der Welt. Nur wer naturwissenschaftlich denke, sei demnach rational. Pickel erklärt:

„Religion gerät hier in eine schwache Position, weil ihre Kritiker sie als irrational klassifizieren. Zudem finden sich immer mehr Lebensbereiche, die rein rational erklärt werden und in denen eine religiöse Erklärung (und damit Religion) nicht mehr benötigt wird.“

Teil dieser naturwissenschaftlich-technischen Rationalität ist es, die Welt funktional zu betrachten. Physikalische Formeln lassen keinen Platz für Sinnfragen oder moralische Kategorien. Auch die Biologie, die das Leben beschreibt, arbeitet mit Nützlichkeiten: Es setzt sich evolutiv das durch, was letztlich der Genverbreitung dient.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um diesen Fokus auf Funktionalität auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu entdecken. Aktuelle Debatten um das Gesundheits-, Bildungs- und Wirtschaftssystem zeigen, dass ‚Funktionalität‘ zu einem gesellschaftlichen Paradigma geworden ist. Mit dem Erfolgszug der Naturwissenschaften ist eben auch das dahinter stehende Denken populär geworden.

Hier stellt sich nun die Frage, ob die Botschaft vom Reich Gottes nicht doch ein Angebot darstellt, das den modernen Menschen erreichen kann. Sie stellt nämlich die Fähigkeiten des Menschen und seinen Gestaltungswillen gerade nicht in Frage. Wir haben den Auftrag, die Welt zu verändern. Was hinzukommt, ist ein Kompass: Nämlich die Antwort auf die Frage, wohin der Fortschritt gehen soll. Wer gesellschaftliche Entwicklung dahingehend will, dass der eigene Kontostand steigt, den wird das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr erschüttern. Die Reich-Gottes-Botschaft stellt nicht die Technik in Frage, sondern das funktionale Weltbild. Es gibt uns eine Vision vom gelingenden Leben, das ein gerechtes Miteinander umfasst.

Das ist aber nicht alles. Entscheidend ist, dass zum moralischen Anspruch an das Diesseits die Überzeugung kommt, dass es einen Ort gibt, der unsere Unvollkommenheit übersteigt. Es ist keine Frage, dass es uns Menschen nie gelingen wird, echten Frieden, echte Gerechtigkeit oder vollkommenes Glück herzustellen. Wer diesen Gedanken wirklich an sich heranlässt und aushält, wird eine tiefe Sehnsucht nach mehr empfinden. Hier ist ein Ort für echte religiöse Erfahrungen. Genau in dieser Sehnsucht können wir Gott erfahren, der uns eine Hoffnung spendet: Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns am Ende der Tage – wann auch immer das sein mag – in einen Zustand tiefen Friedens und Glückes führen wird.

Wer diese Hoffnung hat, der relativiert das Diesseits: Das eigene Leben, die eigenen Leistungen und auch das eigene Versagen sind eben nicht alles. Wir müssen nicht alles erleben, wir dürfen auch Fehler machen. Es gibt ein Mehr als das, was wir hier und jetzt erreichen. Der Mensch ist mehr als seine innerweltlichen Erfolge und als sein Gehaltsscheck. Das Jenseits stellt alle Beschränkung auf den innerweltlichen Nutzen, die Leistungsorientierung und die Gier nach mehr in Frage, indem es den Menschen und seine diesseitige Rolle relativiert und unter eine höhere Wertigkeit stellt.

Was diese höhere ‚Wertigkeit‘ ist, wird Jesus in den Evangelien selbst gefragt. Er gibt uns eine prägnante Antwort: „Liebe dich selbst, den Nächsten und Gott“. Es geht also um die Liebe. Wenn wir lieben, verlassen wir das naturwissenschaftlich-funktionale Schema. Wer mit Menschen funktional umgeht, ist berechnend und damit gerade nicht liebend. Wer liebt, verschenkt sich ohne Erwartung einer Gegenleistung. Wer liebt, will gerecht und barmherzig zugleich sein. Vielleicht ist das die Summe aus allen Überlegungen zum Reich Gottes, das einerseits eine moralische Dimension der Gerechtigkeit umfasst, andererseits auch als ein Geschenk der Barmherzigkeit verheißen ist.

Der Glaube an das Jenseits ist also letztlich auch das Bauen auf diese Liebe. Mit dem Bild vom Reich Gottes ist die Liebe in vollendeter Form für die Zukunft verheißen. Das ist eine Zusage, die Mut machen und Hoffnung geben kann. So gestärkt, kann der Glaube an das Jenseits neue Optionen im Hier und Jetzt eröffnen: Die Liebe ist der Kompass für das Diesseits. So kann uns die jenseitige Perspektive ins Nachdenken bringen: über uns selbst, unseren Sinn und unser Handeln. Wir können gesellschaftliche Strukturen hinterfragen. Bildung, Gesundheit, selbst unser Wirtschaftssystem könnten so reflektiert werden. Und wenn es uns dann gelingt, Liebe erfahrbar zu machen, dann wird das Jenseits auch schon in dieser Welt greifbar. Das Reich Gottes ist nahe, heißt es in den Evangelien. Ist das nicht etwas, worauf es sich zu hoffen lohnt?

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 31.03.2019 gesendet.


Über den Autor Patrick Becker

Patrick Becker, 1976 geboren, ist Professurvertreter für Systematische Theologie an der RWTH Aachen University. Dort analysiert er den Wandel religiöser Überzeugungen in der deutschen Gesellschaft. Einen aktuellen Schwerpunkt legt er auf den Verlust von Jenseitsvorstellungen in den letzten beiden Jahrhunderten.  Kontakt: patrick.becker@kt.rwth-aachen.de

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