5. Fastensonntag, 07.04.2019

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Augustinus in Gelsenkirchen


Predigt von Pastor Mirco Quint

Liebe Hörerinnen und Hörer hier in der Kirche oder wo immer sie zugeschaltet sind!

Ich muss gestehen: Immer, wenn ich dieses Evangelium von der Ehebrecherin höre, dann schlage ich mich automatisch auf die Seite der Frau und freue mich über die vergebenden Worte Jesu. Diese frohe und befreiende Botschaft Jesu für die Frau ist klar und offensichtlich. Doch wie geht Jesus eigentlich mit den Pharisäern und Schriftgelehrten um? Enthält das Evangelium auch eine frohe Botschaft für sie? Genau dieser Frage möchte ich nachgehen.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren damals die Verantwortlichen für die jüdischen Gemeinden. Für diese Aufgabe mussten sie ein langes und schwieriges Studium absolvieren, um gut gerüstet zu sein für ihre Leitungsaufgaben. Sie mussten wichtige Entscheidungen treffen, wie das heutige Evangelium berichtet: Sie hatten unter anderem Rechtsfragen zu klären, um das Zusammenspiel innerhalb der Gemeinde zu regeln. In schweren und komplizierten Fragen sollten sie den betroffenen Menschen und der Gesamtheit des Volkes gerecht werden.

Sie können sich vorstellen: das ist eine Verantwortung, die nicht gerade leicht auf ihren Schultern lastet.

Wem andere Menschen anvertraut sind und wer für jemanden Sorge tragen muss, der weiß, was für eine schwierige und belastende Aufgabe dies ist. Ich denke zum Beispiel an Menschen in hohen öffentlichen und wirtschaftlichen Positionen. Was müssen dort für weit reichende Entscheidungen getroffen werden! Aber ich muss gar nicht so weit nach oben schauen, liebe Schwestern und Brüder. Ich denke konkret an die vielen Eltern, die Verantwortung tragen für ihre Kinder. Eltern müssen heute eine Unzahl von Entscheidungen treffen und überlegen: In welchen Kindergarten soll mein Kind gehen? Welcher Schultyp ist der richtige? Welche Ausbildung könnte für meine Tochter/meinen Sohn passen? Oder: Was braucht mein Kind an Förderung, was überfordert es, wo ist es unterfordert? Wann muss ich meinen Kindern die nötige Freiheit lassen und wann ist es richtig, Grenzen zu setzen? Was bei einem Kind vielleicht richtig war – ist das auch förderlich für das andere? Und und und. Das ist ein riesiges Paket an Verantwortung.

Erwartet wird, dass Eltern diese vielen unterschiedlichen Fragen immer richtig angehen. Ähnlich steigen die Anforderungen an die Menschen, die im Beruf stehen. Heute kann man es sich kaum noch leisten, krank zu sein, geschweige denn einen Fehler zu machen, weil Abmahnung und Kündigung drohen.

Ich meine, in unserem Alltag schleicht sich die Gefahr ein, dass wir selbstverständlich davon ausgehen: in unserer Gesellschaft können nur perfekte Menschen gebraucht werden: perfekte Eltern zu Hause, die perfekten Erzieher im Kindergarten und der Schule, die super perfekten Unternehmer und die fehlerfreien Angestellten. Die Forderungen und Anforderungen werden immer höher – bis hin zur Überforderung.

Wo, liebe Schwestern und Brüder, dürfen wir denn noch Fehler machen?

Dieser schleichenden Gefahr eines Perfektionismus setzt Jesus in dem heutigen Evangelium ein auf den ersten Blick unverständliches Verhalten entgegen. Auf die Frage der Pharisäer, wie mit der Ehebrecherin umgegangen werden soll, macht Jesus sich erst einmal ganz klein. Es heißt ausdrücklich: Er bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Ich frage mich: Was will er den verantwortlichen Pharisäern mit dieser Geste eigentlich zeigen?

Wenn Jesus sich beugt und gekrümmt ist und seine Finger die Erde berühren, dann sind das Zeichen, die etwas über den Menschen sagen. Jesus zeigt mit dieser Geste, dass der Mensch klein und ein Geschöpf Gottes ist. In der ersten Seite der Bibel heißt es von Adam als dem ersten Menschen, dass er aus dem Ackerboden, aus der Erde gemacht ist. Daran erinnert Jesus auch die Pharisäer als die Verantwortlichen in der Gemeinde. Er sagt ihnen damit: Aus der Erde seid ihr geschaffen, ihr seid Gottes Geschöpfe und nicht Gott selbst. Die Pharisäer müssen also nicht als die Perfekten eine perfekte Gemeinde mit fehlerfreien Menschen leiten! Sie brauchen nicht Schöpfer sein, sie sind – wie alle – Geschöpfe! Sie müssen nicht die Verantwortung tragen, die Gott zukommt. Die Ältesten haben das sofort verstanden und gehen! Die Pharisäer und Schriftgelehrten dürfen die Frau Gott überlassen, dem Schöpfer, der sie alle erschaffen hat. Die Pharisäer und Schriftgelehrten können so einen Teil ihrer Verantwortung ablegen. Sie dürfen sie in die Hände Gottes zurücklegen.

Mit ganz anderen Worten hat es einmal der große Papst Johannes XXIII. ausgedrückt, als er zu sich selbst gesagt hat: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Damit wollte er es sich nicht bequem machen und nicht mehr arbeiten. Nein, er wollte sich durch diesen Satz immer wieder in Erinnerung rufen: Wir Menschen können und sollen tun, was in unserer Macht steht. Aber wir dürfen auch darauf bauen: Wir sind nur Menschen – und hoffen, dass Gott auch das Seine tut!

Mir hat einmal ein Familienvater einen ähnlichen entlastenden Gedanken gesagt: In einer großen Familie fallen jeden Tag so viele Worte, da finden so viele kleine Begegnungen statt, da muss man auf die Schnelle so viel entscheiden und tun – das kann einfach nicht immer alles fehlerfrei ablaufen. Da bleibe ich mir und den anderen immer etwas schuldig. Dieser Vater hat auch gemeint: „Für mich ist die große Entlastung das Gebet. Da kann ich meine große Verantwortung immer wieder in Gottes Hände legen. Ich bitte ihn darum, dass er das, was ich nicht schaffe, zum Guten wandelt und ich kann so jedes einzelne meiner Kinder Gott anvertrauen. Ich tue gerne, was ich kann, aber letztlich hat Gott sie geschaffen, also bitte ich ihn auch darum, dass er sie führt und begleitet.“

Liebe Schwestern und Brüder, das ist für mich die frohe Botschaft dieses Evangeliums für uns und besonders alle Leistungsträger unserer Gesellschaft, die eine große Verantwortung zu schultern haben: Wir müssen als Geschöpfe Gottes nicht perfekt sein. Es liegt nicht alles in unseren Händen!

Hier im Gottesdienst gibt es eine Stelle, wo diese Haltung genau zum Ausdruck kommt: Im Kyrie-Ruf, dem „Herr, erbarme dich!“ Immer, wenn zu Beginn des Gottesdienstes dies vor- und miteinander gesagt wird, dann stützen sich alle, die das beten, gegenseitig und werfen dabei einen ehrlichen und realistischen Blick auf das eigene Leben – mit allem, was dazugehört, auch mit seinen Fehlern. Genau so darf sich jeder vor Gott, den Schöpfer stellen.

Übrigens gibt es noch einen zweiten Moment im Gottesdienst, wo dieser realistische Umgang mit sich selbst zum Tragen kommt: Gleich in der Eucharistiefeier, bei der Gabenbereitung. Da wird nicht bloß Geld gesammelt, Brot und Wein auf den Altar gestellt, sondern jeder darf sein Leben ungeschönt zum Altar bringen, es vor Gott ausbreiten. Und wenn dann von Wandlung die Rede ist, verstehe ich das so: Gott wandelt nicht nur Brot und Wein, sondern auch mein Leben. Er wandelt und handelt gerade dort, wo ich nicht perfekt und fehlerfrei bin. Er wird schließlich mein Tun zum Guten hin verwandeln.

Sonntag für Sonntag wird so Wandlung gefeiert. Und mit dieser entlastenden Botschaft Jesu kann ich getrost an meine Aufgaben gehen, die in der kommenden Woche auf mich warten.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 07.04.2019 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche