Morgenandacht, 16.03.2019

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Anthofer Herz

In Bad Gögging in Niederbayern gibt es eine Rehaeinrichtung. Dort gibt es sogar eine eigene Kirche, in der zurzeit ein besonderes Kunstwerk von Wilfried Anthofer zu sehen ist: Ein Herz aus schwarzen Draht- und Kunststofffasern. Im Inneren des Herzens befinden sich zwei interessant geformte Kunststoffelemente – ein weißes und ein schwarzes. Das Herz entstand im Rahmen eines Wettbewerbs über das Thema „Eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Weinen.“ (Koh 3,3) Diese Worte stammen aus dem Buch Kohelet, im Alten Testament der Bibel. Kohelet war ein Gelehrter, der das Leben mit kritischer Brille betrachtete.

In dem Herzen von Wilfried Anthofer sind all die guten und die schlechten Zeiten durch die Farben schwarz und weiß symbolisch aufbewahrt: Die Licht- und Schattenseiten des Lebens, das Helle und das Dunkle. Natürlich wissen wir heute aus der Medizin, dass das Herz zwar ein zentrales Organ im Menschen ist, nicht aber der Sitz der Gefühle und des Gedächtnisses. All das verorten wir im Gehirn mit seinen verschiedenen Regionen. Und dennoch hat das Herz in allen Religionen und Kulturen immer eine Bedeutung zugedacht bekommen, die alles Menschliche umfasst. Die Bibel gibt vielfach Zeugnis davon. Der Mensch denkt, versteht und liebt in seinem Herzen (Mk 8,17; Mt 22,37). Das Herz ist Ort der Gesinnung, auch des Gewissens, mit dem sich der Mensch selbst beurteilt (Röm 2,15). Das Herz ist Ort der Gefühle und Empfindungen und schließlich auch Ort des Glaubens (Röm 10,9f), also der Begegnung mit Gott. Daher schreibt der Evangelist Lukas: „Gott kennt die Herzen.“ (Lk 16,15 und Apg 15,8)

Es hat Zeiten gegeben, da wurde damit den Menschen Angst gemacht. Damals haben wohl alle Kinder den Satz auswendig gelernt: „Ein Auge ist, das alles sieht, auch was in dunkler Nacht geschieht.“ Gott erscheint da als eine Art Polizist, der vor allem auch die Fehler sieht. Deshalb haben manche Menschen immer noch ein komisches Gefühl gegenüber moralischer Durchleuchtung von Seelsorgern. In meiner klinischen Seelsorgeausbildung verbrachte ich zwei Wochen in der Kardiologie. Zunächst wunderte ich mich, dass ich sehr schwer mit den Patienten dort ins Gespräch kam. Dann lernte ich, dass Herzpatienten besonders verschlossen im Kontakt sind, weil das Herz ja sozusagen schon medizinisch offen liegt, daher möchten sie es nicht selten gegenüber weiteren Einblicken schützen.

Für mich persönlich ist diese Überzeugung „Gott kennt die Herzen“ eher eine Ermutigung. Mit all dem, was in meinem Herzen zu finden ist, was sich in meinem Leben ereignet, brauche ich mich nicht zu verstecken. Es kann sich vor Gott sehen lassen und ich muss mich dafür nicht in Grund und Boden schämen. Ich denke beim Herz-Kunstwerk von Wilfried Anthofer daran, was da auf kunstvolle Weise offen liegt: Helles und Dunkles, alle Freuden und alle Leiden eines Menschen. Diese unterschiedlichen Erfahrungen prägen einen Menschen, nichts davon kann rückgängig gemacht werden. Aber es kann integriert und bearbeitet werden. Es kann einen neuen Platz bekommen. Besonders wichtig sind im Umgang mit einem offenen Herzen Menschen, die andere samt ihrer Lebensgeschichte gelten lassen. Das weiß sogar die Medizin. Der Arzt Dietrich Grönemeyer hat ein Buch über das Herz geschrieben. Da kommt er zu folgendem Schluss: „Jedes Herz, das schmerzt, braucht immer und zuallererst menschliche Zuwendung; einen Katheter oder andere technische Verfahren dagegen braucht es seltener.“[1]

Wenn ich Wilfried Anthofers Herz betrachte, wird mir neu bewusst: Jedes Menschen Herz braucht auch ein Gegenüber, das es annimmt mit seiner Geschichte. Nicht nur in einer Rehaeinrichtung!


[1]      Dietrich Grönemeyer, Dein Herz. Eine andere Organgeschichte Frankfurt/Main (S. Fischer) 2010, S. 354.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 16.03.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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