Morgenandacht, 15.03.2019

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Endlich leben

Das war eine Befreiungsaktion – mein Arbeitszimmer habe ich komplett auf den Kopf gestellt! Es gab neue Möbel, bei der Gelegenheit einen neuen Anstrich – und dazu habe ich Fach um Fach gesäubert und jeden Ordner in die Hand genommen, alles durchforstet und eine Menge Papier entsorgt. Doch dabei tauchten plötzlich unterschiedlichste Bilder und Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auf. Vor manch kleinem Papierstapel verbrachte ich eine Stunde und mehr. Bei einer ähnlichen Aktion vor vielen Jahren ging es darum, mich von Studienunterlagen zu trennen. Eine Studienkollegin sagte mir damals: „Das waren doch nur die Krücken, um gehen zu lernen. Jetzt kannst du selber gehen, die Krücken musst du nicht aufheben.“ Das hat mir damals sehr geholfen. Aber manchmal hängen noch mehr Erinnerungen mit Aufbewahrtem zusammen und es fühlt sich so an, als würde mit den Dingen, die man wegwirft, auch ein Stück Leben verloren gehen. Genau genommen sind die Erinnerungen jedoch nicht mit den Dingen verbunden, sondern sie sind im Herzen oder – etwas exakter gesagt – im Gehirn des Menschen gespeichert. Materielle Dinge können zwar eine Gedächtnishilfe sein, aber sie können eben auch verstauben und Platz rauben, möglicherweise sogar die Luft zum Atmen.

Offensichtlich liegt eine wesentliche Kunst des Lebens darin, sich immer wieder von Liebgewordenem zu verabschieden. Zunächst ganz praktisch von dem, was sich materiell so ansammelt. Dann aber auch im übertragenen Sinn von Lebensabschnitten und auch von Menschen, die für eine Zeit meine Wegbegleiter sind. Verabschieden muss ich mich von verschiedenen Fähigkeiten und Kräften, weil ich älter werde; irgendwann einmal von meiner Arbeit, weil ich in den Ruhestand gehe. Und nicht zuletzt muss ich mich auch von Menschen verabschieden, die mir der Tod nimmt. Ich persönlich lerne da viel von den Frauen und Männern, die in der Hospizbegleitung tätig sind. Sie erzählen von Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, in der so viele Dinge, die früher notwendig erschienen, plötzlich keine so große Rolle mehr spielen. Stattdessen tritt der gegenwärtige Moment in den Vordergrund. Erinnerungen werden erzählt und so werden sie gegenwärtig. Durch das Gegenüber entsteht ein Resonanzraum, und da beginnen die Erfahrungen und Begegnungen lebendig zu werden. Die Menschen, die ich als Seelsorger selbst auf ihrer letzten Wegstrecke begleite, lehren mich stets den Blick auf das Wenige, worauf es wirklich ankommt. Ein wichtiges Leitwort der Hospizbewegung heißt deshalb „endlich leben“. Je nachdem, wie man diese Worte betont, bedeuten sie Unterschiedliches: Sage ich „endlich leben“ meine ich, dass ich die Endlichkeit des Lebens nicht aus dem Blick verlieren möge. Das kann mich traurig stimmen. Sage ich dagegen „endlich leben“, dann steht das Leben im Vordergrund. Und diese Betonung zielt darauf ab, dass das Leben viel freier und entlasteter werden kann, wenn mancher Ballast weggeschafft ist und das Wesentliche zum Vorschein kommt: die persönlichen Überzeugungen, die guten Beziehungen, die Liebe. Eigentlich schade, dass es ganz oft die schwierigen existenziellen Situationen sind, die den Blick auf das Wesentliche freigeben. Aber umso mehr lerne ich von Menschen in diesen Situationen.

Endlich leben – so banal es klingt: es beginnt dabei, dass ich mich immer wieder von Ballast befreie. Die Tage der Fastenzeit - jetzt in den Wochen vor Ostern - könnten dazu ein willkommener Anlass sein.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 15.03.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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