Morgenandacht, 14.03.2019

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Welt voller Fehler

Als Albert Einstein gestorben und in den Himmel gekommen war – so erzählt eine Anekdote -, da wollte man ihm wegen seiner großen Verdienste einen Wunsch erfüllen. Einstein dachte nicht lange darüber nach und sagte: „Wenn ich wirklich einen Wunsch frei habe, dann möchte ich doch jetzt in Erfahrung bringen, woran ich in meinem Denken und Forschen immer wieder gescheitert bin.“ Und Einstein erbat sich, von Gott selbst endlich die von ihm so sehnsüchtig erforschte Weltformel hören zu dürfen. Gott begann, so heißt es, eine lange und komplizierte Formel aufzusagen. Einstein hörte aufmerksam zu, stutzte bald, schüttelte den Kopf, wurde immer unwilliger und rief schließlich: „Aber diese Formel ist voller Fehler!“ Da lächelte Gott und sagte: „Ich weiß.“

Ich mag diese Geschichte sehr. Vielleicht hält sie jemand für kindlich naiv. Vielleicht auch für zu einfach, um das viele Fehlerhafte in der Welt schön reden zu wollen. Ich jedoch bin dankbar für die Sichtweise des Christentums, das den Menschen zwar immer lockt zu einem guten oder besseren Leben, aber das den fehlerhaften oder gar gescheiterten Menschen nicht verurteilt. Ich liebe darum das bekannte Gleichnis von der Suche nach dem einen verlorenen Schaf. Jesus von Nazareth, so berichtet es die Bibel, erzählte es seinen Jüngern. Von 100 Schafen heißt es da, hat sich nur dieses einzige verirrt. Und der Hirte lässt die 99 alleine, um das einzige verirrte zu suchen. Die 99 spielen also gegenüber dem einen eine untergeordnete Rolle. Und da lese ich: „Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lk 15,7)

Schon im Alten Testament ist von der besonderen Fürsorge Gottes gegenüber dem fehlerhaften Menschen die Rede, zum Beispiel im Buch Ezechiel. Da wird Gott der Spruch in den Mund gelegt: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt.“ (Ez 33,11) Deutlich wird das in der recht bekannten Geschichte von Kain und Abel. Obwohl Kain seinen Bruder erschlagen hat, macht Gott ihm ein Mal auf die Stirn als Schutzzeichen (vgl. Gen 4,15). Es soll bewirken, dass niemand Kain etwas zuleide tut. Selbst der Übeltäter steht unter Gottes besonderem Schutz.

Natürlich ist das alles andere als eine Einladung, möglichst viele Fehler zu machen. Im Gegenteil: Der Schuldige soll ja einen Neuanfang wagen, und wenn er wieder gefehlt hat, soll er es wieder versuchen. Die Österliche Bußzeit, in der wir uns zur Zeit befinden, ist gerade die Aufforderung, sich zu besinnen und eingeschlichene Fehler zu korrigieren. Auf der anderen Seite kann es auch gerade in dieser Zeit eine gute Übung sein, sich nicht selbst über fehlerhafte Menschen zu erheben. Vielleicht beginnt es schon damit, sich selbst nicht als das Maß aller Dinge zu verstehen und großmundig über die Fehler anderer zu urteilen. Oder wie es biblisch heißt: den Splitter im Auge des Bruders zu sehen, den Balken im eigenen Auge aber nicht zu bemerken (vgl. Mt 7,3).

Albert Einstein würde heute 140 Jahre alt. Von ihm ist ein weiteres Zitat überliefert: „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“[1] Und wie zertrümmert man eine vorgefasste Meinung? Der griechische Philosoph Sokrates hat empfohlen, jede scheinbar noch so wichtige Neuigkeit durch drei Siebe zu filtern:

Erstens: Ist das, was du erzählen willst, sicher wahr?
Zweitens: Ist es gut?
Und Drittens: Ist es notwendig?
Wenn nicht, dann belaste dich und mich nicht damit. Und schon gäbe es eine Fehlerquelle weniger auf der Welt!


[1]      https://zitatezumnachdenken.com/albert-einstein/page/2

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 14.03.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche