Morgenandacht, 13.03.2019

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Papst Franziskus – und sie bewegt sich doch

Heute vor sechs Jahren, am 13. März 2013, wurde auf der Loggia des Petersdoms in Rom der Name des neugewählten Papstes verkündet: Jorge Mario Bergolio! „Jorge was?“ fragte ich damals meinen Nebenmann in dem überfüllten Fernsehzimmer eines Bildungshauses, in dem ich grade eine Fortbildung machte. „Keine Ahnung“, sagte der, „nie gehört.“ Sechs Jahre ist es heute her – und mittlerweile hat Papst Franziskus viel von sich reden gemacht. Und er hat – wie wohl jeder Mensch – unterschiedliche Reaktionen ausgelöst: Freude und Aufatmen einerseits über einen neuen Sprachgebrauch und einen neuen Aufbruch. Auf der anderen Seite aber genau darüber auch Grimmen und inneren Widerstand, manchmal allerdings auch Enttäuschung, weil seine Ideen nicht schnell und weit genug umgesetzt werden.

Mir scheint, Papst Franziskus hat jedenfalls ganz schön was in Bewegung gebracht. Ich denke da zum Beispiel nur an sein erstes Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ - über die Freude des Evangeliums. Da ging es gleich im ersten Jahr des Pontifikates darum, sich wieder mehr auf die Ursprungsidee von Kirche zu besinnen. Themen sind zum Beispiel die Option für die Armen, eine neue Glaubwürdigkeit und weniger Machtgebaren derer, die die Kirche vertreten. Mehr Selbstkritik forderte der Papst und eine Öffnung der Kirche für die Menschen und ihre Nöte. Aus diesem ersten apostolischen Schreiben stammt das berühmte Zitat: „Mir ist eine 'verbeulte' Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist."[1] Für mich ist das immer noch ein sehr programmatisches Wort. Und es gibt bei allem, was die Kirche in die Schlagzeilen bringt, Gott sei Dank auch die Menschen, die für dieses „Hinausgehen“ stehen – in der Seelsorge für Obdachlose, für Menschen mit Behinderung, für Krisensituationen, für Schwerkranke und Sterbende, nicht selten rund um die Uhr.

Bevor sich die Kardinäle damals 2013 zum Wahl-Konklave zurückzogen, hielt der damalige Kardinal Bergolio eine vielbeachtete Rede. Darin betonte er, die Kirche sei aufgerufen, „aus sich herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz“, an die Grenzen „ … des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.“[2]

Auch wenn Papst Franziskus nicht als Revolutionär auftritt, er steht in meinen Augen für eine neue Zeit, von der schon im Neuen Testament die Rede ist. Für Jesus von Nazaret bedeutet diese neue Zeit das Reich Gottes. Es bricht überall dort an, wo sich Menschen davon in Bewegung setzen lassen. Die Aufforderung „Andiamo avanti“ - Lasst uns vorangehen! - gehört zu den von Franziskus am häufigsten gebrauchten Wendungen.[3] Und wenn sich Menschen vom Evangelium bewegen lassen, verändert sich Leben – nicht unbedingt revolutionär, aber doch nachhaltig. Davon erzählt das biblische Gleichnis vom Senfkorn (vgl. Mt 13,31f): so klein es zunächst ist, so groß kann es sich entwickeln! Wichtig ist das unermüdliche Säen, der täglich neue Aufbruch!

In meiner täglichen Arbeit im Bereich der Kranken- und Hospizseelsorge merke ich wohl, dass Kirche mittlerweile vielfach auf Gleichgültigkeit, nicht selten auf Ablehnung stößt. Aber wo immer ich aufbreche, um Menschen in ihren Grenzsituationen aufzusuchen, spüre ich, dass auch bei ihnen etwas in Bewegung kommt. Und so gehe ich jetzt wieder ans Werk!


[1]      Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium (24.11.2013), Nr 49.

[2]      Hans Waldenfels, Sein Name ist Franziskus. Der Papst der Armen, Paderborn (Schöningh) 2014, S. 30.

[3]      Vgl. Eva-Maria Faber, Lasst uns vorangehen! In:Paul M Zulehner / Tomáš Halík (Hrsg.), Rückenwind für den Papst, Darmstadt (wbg THEISS) 2018, S. 82.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 13.03.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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