2. Fastensonntag, 10.03.2019

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Johannes Baptista, Forbach


Predigt von Pfarrer Thomas Holler

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer am Radio, liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

„Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Lk 4,4). Mit diesen Worten hat Jesus in der Wüste die Versuchung des Teufels zurückgewiesen, seine Macht als Sohn Gottes zu missbrauchen, um damit für sich selbst zu sorgen anstatt für die Menschen.

„Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Lk 4,4). Diese Worte könnten heute viele unterschreiben: Es ist ja kein Geheimnis, dass wir Menschen zum Leben mehr brauchen als nur Nahrungsmittel.

Wir brauchen Wasser, Licht, Luft zum Atmen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Wir brauchen Gemeinschaft und menschliche Zuwendung, ohne die wir gar nicht wirklich leben können.Wir brauchen eine Aufgabe oder Tätigkeit, einen Lebensinhalt oder Lebenssinn, etwas, das uns innerlich erfüllt. Und wir brauchen immer wieder etwas, worauf wir uns freu¬en und wovon wir zehren können, etwas, das uns aufrecht hält oder wieder aufrichtet, wenn es uns nicht gut geht.

Ich denke, die meisten Menschen spüren, bewusst oder unbewusst, dass sie all das brauchen und nicht nur von Brot leben. Aber sie gehen ganz unterschiedlich mit diesen Bedürfnissen um:

Die einen versuchen, sie irgendwie in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren. Das kann bis zu einem gewissen Grad gelingen. Es kann aber auch aus dem Ruder laufen: Zum Beispiel, wenn der Hunger des Körpers in Magersucht umschlägt, wenn die Sehnsucht der Seele nach Gemeinschaft und Zuwendung nur noch durch soziale Medien gestillt wird statt durch echte menschliche Kontakte, wenn das Bedürfnis des Geistes nach Sinn und Erfüllung verdrängt wird durch Ablenkung und Zerstreuung bis hin zur Sucht. Wer keine Freude in sich trägt, braucht den dauernden Nervenkitzel, um die Leere des Daseins zu überspielen.

Andere versuchen vorzusorgen und Reserven zu schaffen, um die Bedürfnisse des Leibes, des Geistes und der Seele immer abdecken zu können. Auch das kann bis zu einem gewissen Grad sinnvoll sein und gut gehen. Aber es kann sich auch verselbständigen und ins Gegenteil umschlagen: Wenn aus der klugen Vorsorge für die Zukunft eine krankhafte Habsucht wird und ein rücksichtsloser Egoismus, wie wir ihn ja zum Teil schon erleben im Kampf um die Güter der Erde, in der Plünderung der Natur und in der unstillbaren Lebensgier vieler Menschen. Wenn das Herz des Menschen leer bleibt, dann ist alles zu wenig. Aber wenn es von Freude und Liebe erfüllt ist, dann genügt wenig, um glücklich zu sein.

Wie oft habe ich das schon erlebt, zum Beispiel:

Wenn ich mir Zeit genommen habe für Kinder, um mit ihnen zu spielen oder mir von ihnen zeigen zu lassen, was sie so alles gemalt und gebastelt haben.

Wenn ich die Gelegenheit hatte, Menschen in Not zuzuhören, ihnen ein Stück weit zu helfen oder wenigstens einen Zuspruch zu geben, nicht zuletzt in der Beichte.

Wenn ich alte und kranke Menschen, Sterbende oder Hinterbliebene besucht habe, ihnen mein Mitgefühl zeigen und sie auf ihrem schweren Weg begleiten konnte.

Sie alle haben nichts Unmögliches von mir erwartet und waren sehr dankbar, allein schon für mein Kommen, selbst wenn ich nicht viel für sie tun konnte. Manche von ihnen haben sich sogar tagelang darauf gefreut und ebenso lang davon gezehrt. Manchmal hat es mich geradezu beschämt zu erkennen, wie wenig ich ausrichten konnte und wie wertvoll es trotzdem für sie war.

„Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Lk 4,4), hat Jesus gesagt, „sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4). Diese Aussage mag uns heute etwas übertrieben erscheinen. Was sie bedeuten kann, wird aber vielleicht deutlich, wenn wir sehen, dass es auch heute Menschen gibt, die wirklich vom Wort Gottes zehren:

Sei es, dass sie sich bewusst mit der Bibel beschäftigen und darin Impulse für ihr Leben suchen, Anregungen für ihr Handeln oder Orientierungshilfen bei wichtigen Fragen und Entscheidungen.

Sei es, dass sie zufällig an einem Wort aus der Heiligen Schrift hängen bleiben, das sie nicht mehr loslässt, vielleicht auch herausfordert oder ihnen ganz aus der Seele gesprochen ist und in schwierigen Situationen hilft.

Oder dass sie sogar einen Bibelvers zu ihrem Lebensmotto machen wie etwa Brautleute ihren Trauspruch. Für mich als Priester sind die Worte Jesu an den Apostel Thomas zu einem solchen Motto geworden: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du! Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29). In diesen Worten finde ich mich mit meinem Leben und Glauben wieder. Sie sind das Leitbild für meinen Dienst als Seelsorger. Denn sie sagen mir: Glauben gibt es nicht ohne Zeugen, die ihn glaubwürdig vermitteln. Glauben gibt es auch nicht ohne Zweifel, die jeden einmal erfassen können. Und Glauben gibt es nicht ohne Vertrauen und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, nicht naiv und leichtgläubig, sondern vernünftig und wohlüberlegt.

Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Lk 4,4). Im Hinblick auf die Eucharistie könnten wir sagen: Wir leben nicht nur von gewöhnlichem Brot, sondern auch und vor allem vom „Brot des Lebens“ (vgl. Joh 6,35), das uns in der Kommunion gereicht wird, das uns die Kraft zum Guten geben will, auch über unseren guten Willen hinaus, das für uns Christen ein Zeichen der bleibenden Nähe und Liebe Gottes ist, ein Zeichen der Gemeinschaft mit ihm und untereinander und vor allem Speise zum ewigen Leben, wie wir nachher im Danklied singen: „Jedes Geschöpf lebt, von der Frucht der Erde, / doch dass des Menschen Herz gesättigt werde, / hast du vom Himmel Speise uns gegeben / zum ewgen Leben“ (Gotteslob, Nr. 484/2).

„Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Lk 4,4). Aber wovon lebt er wirklich? Wovon leben wir, als Menschen und als Christen? Ich glaube, es lohnt sich, diesen Fragen nachzugehen, gerade jetzt bei der Vorbereitung auf das Osterfest. Und ich bin überzeugt: Je mehr wir tragfähige Antworten auf diese Fragen finden, desto mehr können wir, wie es Anselm Grün einmal ausgedrückt hat: „selber leben, anstatt gelebt zu werden.“


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Dieser Beitrag wurde am 10.03.2019 gesendet.





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