Feiertag, 19.04.2019

von Martin Korden aus Köln

Ein Zeugnis des Karfreitags? Warum die Faszination um das Turiner Grabtuch anhält

1988 datierte ein Radiocarbontest das Grabtuch von Turin ins 13. Jahrhundert. Annahmen, es könnte sich womöglich um das Tuch handeln könnte, in dem Jesus Christus nach seiner Kreuzigung bestattet wurde, waren damit widerlegt. Zunächst, denn jahrzehntelange wissenschaftliche Untersuchungen haben immer mehr Details in dem Leinen entdeckt, die mit den biblischen Berichten über die Passion Christi übereinstimmen. Nicht nur darum zweifeln einige Wissenschaftler den Test von 1988 bis heute an. Für die Faszination rund um das Grabtuch sorgt vor allem der bis heute unerklärte Abdruck, der das Gesicht eines bärtigen Mannes zeigt.

„Das Grabtuch von Turin ist eine Fälschung und stammt aus dem 13. bis 14. Jahrhundert.“

So lautete im Jahr 1988 das Ergebnis des Radiocarbontests, mit dem das Alter des berühmten Leinentuchs ermittelt wurde. Jenes Tuches, von dem viele annehmen, Jesus Christus selbst sei darin nach seiner Kreuzigung um das Jahr 30 bestattet worden. Die Radiocarbonmethode wird in der Archäologie zur Bestimmung des Alters angewandt – ihr Entdecker wurde dafür mit dem Nobelpreis belohnt, Zweifel scheinen unangebracht.

Die Kirche, die den Test damals in Auftrag gegeben hatte, erkannte das Ergebnis von 1988 darum auch umgehend an. Gläubige, die auf eine Reliquie unschätzbaren Werts gehofft hatten, zeigten sich enttäuscht – und in der Öffentlichkeit entbrannte eine heftige Diskussion, die im Grunde bis heute anhält. Sie wird geführt zwischen denen, die schon immer eine natürliche Skepsis gegenüber einem angeblichen Grabtuch Jesu zeigten und jenen, die nach allem, was sie darüber schon gehört hatten, nicht wahrhaben wollten, dass es sich um eine Fälschung handeln soll. Doch gerade unter letzteren sind nicht wenige Wissenschaftler, die selbst dafür gesorgt hatten, dass das Grabtuch von Turin zu dem am meisten untersuchten Stück Stoff der Welt wurde. Einige zweifeln gerade deshalb das Ergebnis des Radiocarbontests bis heute an. 

Das Grabtuch von Turin zeigt den Abdruck eines Gekreuzigten

Das Grabtuch von Turin hat seinen Namen, weil es seit dem 16. Jahrhundert im Dom der norditalienischen Metropole aufbewahrt wird. Öffentlich gezeigt wird es nur selten, zuletzt im Jahr 2015. Es handelt sich um ein 4einhalbMeter langes und etwa 1Meter breites Leinentuch. Darauf zu sehen ist der schwache Abdruck eines bärtigen Mannes, und zwar von vorne und von hinten. Es wirkt wie ein Spiegelbild. Der Mann wurde auf die untere Hälfte des Tuches gelegt und mit der oberen Hälfte bedeckt. Noch stärker als die Abdrücke sind die Beschädigungen zu sehen, die das Tuch über die Jahrhunderte davongetragen hat: darunter Brandlöcher und Löschwasserflecken, die im 16. Jahrhundert bei einem Feuer entstanden - in einer Kapelle in Frankreich, in der das Tuch damals aufbewahrt wurde.

Wenn man vor dem ausgestellten Grabtuch steht, muss man also ganz genau hinschauen: der eigentliche und so vieldiskutierte Abdruck des Mannes ist mit dem bloßen Auge nur schemenhaft und unscharf zu erkennen. Der Kopf, der Brustkorb, Arme und Beine. Mancher mag sich bei diesem Anblick zunächst fragen, warum sich weltweit etwa fünfzig wissenschaftliche Einrichtungen alleine der Erforschung dieses Leines widmen. Ja, warum es sogar einen eigenen Forschungszweig begründet hat, die sogenannte Sindonologie – abgeleitetet vom altgriechischen Wort für Tuch.

Dass es überhaupt in den Focus der Wissenschaft gerückt ist, hat vielmehr mit der allerersten Fotografie zu tun, die von dem Turiner Grabtuch angefertigt wurde. Der Hobby-Fotograf Secondo Pia hatte 1898 in der Turiner Kathedrale das Grabtuch abgelichtet. Er nutzte dazu einen 50x60cm großen Kastenapparat. Als Secondo Pia in der Dunkelkammer die riesigen Fotoplatten aus dem Entwicklerbad nah, ließ er sie nach eigener Aussage vor Aufregung fast fallen. Denn diese brachten plötzlich deutlich zutage, was man bis dahin nicht erkennen konnte.

Erst die moderne Technik machte Details sichtbar

Auf der Fotoplatte, die eigentlich das Negativ zeigt, war ein positives Bild zu sehen. Der Mann auf dem Grabtuch war plötzlich klar zu erkennen, auch seine Gesichtszüge. Es zeigte sich, dass der Abdruck auf dem Tuch einen Negativcharakter hat. Mit der Umkehrung der Hell-Dunkel-Werte auf dem Foto-Negativ wurde der Abdruck sozusagen zum Positiv und der Mann im Tuch deutlich sichtbar: Die Augen geschlossen, der Mund ebenfalls, voller Bart, lange Haare, der Kopf auf die Brust gesunken, die Nase wie gebrochen, der Körper übersät mit Wunden. Darunter deutlich zu sehen: größere Wunden in  den Handwurzeln und Füßen, eine schwere Seitenwunde am Brustkorb. Die Arme über dem Schoß überkreuzt, der Mann im Tuch tot – offensichtlich gekreuzigt, auf die Art und Weise wie die Evangelien es von Jesus Christus berichten.

Als die Aufnahmen von Secondo Pia veröffentlicht wurden, lösten sie ein regelrechtes Erdbeben aus. Das Bild ging um die Welt. Zeitungen titelten ganz offen, man habe nun die authentische Abbildung, die zeige, wie Jesus Christus ausgesehen habe. Während die einen von einem Wunder sprachen, vermuteten die anderen einen Betrug. Secondo Pia wurde massiv angefeindet. Der Vorwurf lautete: er habe die Negative in der Dunkelkammer retuschiert. Die Anschuldigungen widerlegen konnte er nicht, denn das Grabtuch wurde gleich nach den Aufnahmen wieder im Schrein der Grabtuchkapelle verschlossen. Bis zur nächsten Ausstellung im Jahr 1931. Der renommierte Fotograf Guiseppe Enrie machte damals unter notarieller Aufsicht ein weiteres Bild vom Grabtuch – und kam zum gleichen Ergebnis. Der inzwischen 75jährige Pia musste 33 Jahre lang warten auf seine Rehabilitation.

1,80 m groß – Blutgruppe AB – Nagelwunden – Lanzenstich

Mit den Fotoaufnahmen begann die moderne Erforschung des Turiner Grabtuchs. Sie war nun auf eine völlig neue Grundlage gestellt und wurde vor allem von Naturwissenschaftlern vorangetrieben. Durch Aufnahmen mit infrarotem und ultraviolettem Licht rückten bis dahin unentdeckte Details ins Blickfeld. In den 1970er Jahren entstand schließlich eine eigene Forschergruppe aus 40 Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. Das sogenannte Shroud of Turin Research Project – kurz STURP. Sie arbeiteten mit Methoden aus der Mikroskopie, Thermographie und Röntgentechnik. Selbst ein für die Weltraumforschung entwickelter Bildanalysator kam zum Einsatz – und zu erstaunlichen Ergebnissen:

Bei dem Bildnis auf dem Tuch kann es sich nicht um ein Gemälde handeln, da sich keine Spuren von Farbe auf dem Tuch befinden. Der Abdruck des Körpers zeigt sich nur an der äußersten Oberfläche der Flachsfasern. Durch die unterschiedliche Intensität der Verfärbung liefert der Abdruck dreidimensionale Informationen, durch die der Körper in seinen Ausmaßen und der Beschaffenheit rekonstruiert werden kann. Demnach war der Mann im Tuch etwa 1,80 m groß und knapp 80 kg schwer. In den Blutflecken ließ sich menschliches Blut der Blutgruppe AB nachweisen. Der auf die Brust gesunkene Kopf und die unnatürliche Stellung der Arme und Hände sind klare Anzeichen für den Zustand der Leichenstarre. Der ganze Körper ist übersät mit Wunden, hauptsächlich Abschürfungen, Platzwunden und Spuren einer Geißelung. Selbst die zur Geißelung genutzten Instrumente lassen sich aufgrund der Beschaffenheit der Verletzungen rekonstruieren. Punktförmige Wunden rund um das Haupt zeugen von einer Dornenkrone, besser gesagt von einer Dornenhaube, die wohl über den gesamten Kopf ging, und nicht wie in der christlichen Ikonographie, in der sie als Ring nur um die Stirn herum dargestellt wird.

An den Füßen befinden sich größere Wundmale, die von Nägeln herrühren. Dasselbe ist am linken Handgelenk erkennbar. Auch hier besteht ein wesentlicher Unterschied zur Ikonographie, die die Nagelwunden traditionell im Handteller des Gekreuzigten zeigt. Die große Seitenwunde an der rechten Brustseite könnte sich tatsächlich durch einen Lanzenstich erklären. Auf dem Tuch ist an dieser Stelle der größte Blutfleck zu erkennen. Spuren von Aloe und Myrrhe ließen sich genauso auf dem Tuch nachweisen wie Pollen von insgesamt 60 Pflanzenarten. 17 dieser Pflanzen kommen in Italien und Frankreich vor. Die übrigen 43 nur im Nahen Osten.

Auffallend war, dass keinerlei Zeichen von Verwesung festgestellt wurden. Die Wissenschaftler kamen darum zu dem Schluss, dass der Körper wohl nur zwei Tage im Grabtuch gelegen hat.

Viele Erkenntnisse – aber keine Erklärung

Die Ergebnisse, die Wissenschaftler über Jahrzehnte mithilfe der immer besser werdenden technischen Möglichkeiten gewannen, sprachen mehr und mehr für eine Echtheit des Grabtuchs – also dafür, dass es tatsächlich das Leinen sein könnte, in dem Jesus Christus nach seiner Kreuzigung bestattet wurde. Gerade der Fund der Pollen stützte die These, dass das Tuch vor seinem ersten urkundlich erwähnten Auftauchen im 14. Jahrhundert in Frankreich bereits im Nahen Osten bekannt gewesen sein muss – möglicherweise also durch Kreuzfahrer  nach Europa kam. Bei allen Erkenntnissen konnte jedoch keine überzeugende Erklärung dafür gefunden werden, wie es zu dem Abdruck gekommen sein kann. Das ist bis heute so. Zwar gibt es viele Thesen: etwa, dass lebende Organismen elektromagnetische Energie in sich speichern – wenn diese nach Eintritt des Todes freigesetzt werden, könnten sie unter Umständen für den Abdruck auf dem Tuch gesorgt haben. Eine andere Theorie geht von einem mittelalterlichen Fotogenie aus, der sozusagen eine Urfotografie herstellte. Dazu habe er das Leinentuch, in dem der Leichnam bestattet war, gewissermaßen als Film benutzt und durch eine bestimmte Art der Belichtung sei dann der Abdruck des Körpers auf dem Tuch entstanden.

Doch während die Frage nach dem Abdruck bisher nicht geklärt werden konnte, so gibt es doch die Methode zur Ermittlung des Alters. Der Radiocarbontest hatte sich seit den 1950er Jahren generell zur Altersbestimmung archäologischer Funde etabliert und gilt als nahezu sicher. Bei dieser Methode werden Materialproben des untersuchten Gegenstands verbrannt. Die dabei freigesetzte Menge an Kohlenstoff 14 – auch C14 genannt – wird bei dem Test gemessen. Da dieser C14-Gehalt in kohlenstoffhaltigen Materialien nach festen Gesetzen im Laufe der Zeit gleichmäßig abnimmt, kann das Alter des untersuchten Materials ermittelt werden. Als 1988 das Turiner Grabtuch dem Radiocarbontest unterzogen wurde, kamen beauftragte Laboratorien aus England, den USA und der Schweiz zu dem Ergebnis, dass das Grabtuch aus der Zeit stamme zwischen 1260 und 1390.

Oder doch der Betrug eines mittelalterlichen Genies?

Der wachsenden Faszination um das Grabtuch schien damals mit einem Mal der Boden unter den Füßen entzogen zu sein. Es konnte sich nicht um das Grabtuch Jesu handeln. Stattdessen: Ein mittelalterlicher Betrug – und was für einer!

Man muss also im Mittelalter einen Mann gekreuzigt haben, der dem aus der Kunstgeschichte bekannten Christusbild ähnlich sah. Die Kreuzigung muss auf die Art und Weise geschehen sein, wie es die Evangelien von Jesus berichteten. Es hätte nach dem auf diese Weise erzwungenen Tod eine Bestattung in einem Leinentuch erfolgen müssen, aus dem der Tote dann aber vor Eintritt der Verwesung wieder herausgenommen wurde. Wenn dieses Ereignis nicht im Nahen Osten stattgefunden haben sollte, so musste mindestens das verwendete Leinentuch von dort stammen.

Doch wozu das alles? Sicher: Unter dem Eindruck des Reliquienkultes im Mittelalter würde das vermeintliche Grabtuch Jesu einen unschätzbaren Wert haben. Doch wenn man es schon für diesen Zweck hergestellt haben sollte, um welches Genie muss es sich bei dem Fälscher gehandelt haben, dass er eine Kenntnis besaß, die modernste Technik heute nicht hat: nämlich die, einen Abdruck zu erzeugen, dessen Detailsichtbarkeit jedoch noch nicht gegeben war, 600 Jahre vor Erfindung der Fotografie und der damit verbundenen Foto-Negativtechnik.

Zweifel am Radiocarbontest von 1988

Es ist also nicht sehr überraschend, dass der Radiocarbontest von 1988 auch angezweifelt wird. Hier wurde auf die mögliche Verunreinigung des Leinens verwiesen, die sich durch den häufigen Transport und die vielen öffentlichen Ausstellungen über die Jahrhunderte ereignet haben müsste. Darum stellte eine Gruppe von Wissenschaftlern die Auswahl der für den Test entnommenen Stoffstücke infrage. Bernd Kollmann, Professor für Neues Testament an der Universität Siegen, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Turiner Grabtuch:

„Ein entscheidender Diskussionspunkt ist die Frage, ob das Gewebe an der Stelle, wo es entnommen wurde, nicht so verunreinigt war, dass es für den Test nicht mehr so von Kontamination zu befreien war, als dass es reguläre Testergebnisse hätte geben können. Es war im Vorfeld des Radiocarbontestes erwogen worden, Grabtuchproben von mehreren unterschiedlichen Stellen des Leinens zu entnehmen. Man hat sich letztlich, um Material zu schonen, dafür entschieden, nur oben links an einer Stelle Materialproben zu entnehmen, die den Laboren zugegangen sind. Das ist eine Stelle, die in der Tat wahrscheinlich durch häufiges Anfassen verunreinigt war. Es gibt aber auch viele Wissenschaftler, die den Radiocarbontest mit seinen Ergebnissen nach wie vor für richtig halten.“

Auch wenn es enttäuschend sein mag, eine eindeutige Antwort, ob das Grabtuch von Turin tatsächlich das Leinen war, in dem Jesus von Nazareth bestattet wurde, wird es nicht geben. Es mag auch eben dieser „Schleier des Geheimnisvollen“ sein, der zu der anhaltenden Faszination um das Turiner Grabtuch führt. Doch alleine die Vorstellung, es könnte sich um das authentische Grabtuch handeln, hat nicht nur für Christen ergreifende Konsequenzen. Es gäbe einen – wenn auch nicht glasklaren so doch zumindest gut erkennbaren – Eindruck davon, wie Jesus von Nazareth ausgesehen hat. Die ewige Sehnsucht des suchenden Frommen wäre zumindest anfanghaft gestillt, jenes Verlangen, das Dante in seiner Göttlichen Komödie ausrufen ließ: „Mein Herr Jesus Christus, wahrer Gott, wie hat dein menschliches Gesicht denn nun ausgesehen?“

Ein Zeugnis des Karfreitags

In vielerlei Hinsicht bestätigt das Gesicht auf dem Grabtuch ja sogar die gängige christliche Ikonographie – womöglich hätte man dann in dem Grabtuch den Grund gefunden, warum Jesusbilder seit jeher einem ähnlichen Muster folgen. Vielleicht eben deshalb, weil der Abdruck auf dem Tuch am Beginn der Erstellung von Jesusportraits bereits bekannt war?

Ob authentisch oder gefälscht: In jedem Fall ist das Grabtuch von Turin als ein Dokument des Leidens zu sehen, denn der Mann, der in diesem Tuch gelegen hat, musste einen besonders grausamen Tod erleiden.  So wie es die Bibel über Jesus berichtet.

Pilatus ließ Jesus geißeln. Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt. Und Pilatus lieferte Jesus den Hohenpriestern aus, damit er gekreuzigt würde.

Jesus selbst trug das Kreuz hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn.

Als die sechste Stunde kam, brach eine Finsternis über das ganze Land herein - bis zur neunten Stunde. Jesus schrie mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus.

Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge ihnen die Beine zerschlagen und sie dann abnehmen. Als die Soldaten zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus.

Josef aus Arimathäa bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Es kam auch Nikodemus. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe. Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.

An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war. Dort setzten sie Jesus bei.
(Vgl. Markusevangelium Kapitel 15, Johannesevangelium Kapitel 19)

Im Licht dieser Passagen über die Passion Christi aus dem Markus- und Johannesevangelium erscheint das Grabtuch von Turin mit seinen erkennbaren Details wie ein „Zeugnis des Karfreitags“.

Die Bibel berichtet vom Fund des Grabtuchs im leeren Grab

Während Markus von einem Leinentuch spricht, in dem man Jesus bestattete, ist bei Johannes von Leinenbinden die Rede. Sie kommen auch am Schluss der Erzählung von der Entdeckung des leeren Grabes wieder vor. Demnach finden die Apostel Petrus und Johannes dort am Ostermorgen lediglich noch die Leinenbinden und ein Schweißtuch vor. Würde man jene Leinenbinden mit dem Grabtuch von Turin identifizieren, dann wäre das heute noch erhaltene Tuch in ganzer Konsequenz sogar der Ort, an dem die Auferstehung stattfand – oder eben nicht stattfand. Alleine diese Aussicht hat Eiferer aus dem Lager der Befürworter wie Gegner zu wilden Spekulationen gebracht, zu denen Neutestamentler Kollmann eine klare Meinung hat.

„Das Turiner Grabtuch, wenn es denn echt wäre, würde weder die Auferstehung Jesu beweisen noch widerlegen. Es ist ja für beide Positionen im Laufe der Geschichte in Anspruch genommen worden. Das Turiner Grabtuch belegt weder, dass der Auferstandene durch eine Projektion sein Bild dort hinterlassen hat, so wurde es oft behauptet. Noch lässt sich das Turiner Grabtuch dafür in Anspruch nehmen, dass Jesus Christus die Auferstehung überlebte und dann als alter Mann in Indien starb und was es da noch an weiteren aufregenden Hypothesen gibt.“

Das Grabtuch von Turin wird also auch in Zukunft nichts endgültig beweisen oder widerlegen. Auch darum wird die Faszination um das Leinen anhalten. Und erst recht kann es dem Gott-Suchenden Betrachter keine Gewissheit vermitteln. Am Ende bleibt der Verweis auf den Apostel am Ostermorgen, der im leeren Grab nur die zurückgebliebenen Tücher vorfand. Von ihm heißt es im Johannesevangelium:

„Er sah und glaubte.“

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 19.04.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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