Wort zum Tage, 07.03.2019

Juliane Bittner aus Berlin

Eigentum verpflichtet

„Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.“ Klingt wie ein Märchen, die Geschichte vom reichen Mann. Dem geht es richtig gut. Er hat es geschafft, gehört zur Oberschicht. Wie es anderen zumute ist, interessiert ihn nicht. Er merkt nicht, was sich vor seiner Haustür abspielt. Da nämlich sitzt ein armer Mann, der Lazarus. Er ist schwer krank, verzweifelt, hat nichts zu essen. Wie gern würde er seinen Hunger stillen mit den Abfällen aus der Küche des Reichen. Doch der nimmt ihn nicht wahr: Was kümmert ihn fremdes Leid.

Dann stirbt Lazarus. Engel kommen und tragen ihn „in Abrahams Schoß“, heißt es in der Bibel. Er hat keine Schmerzen mehr. Sein Hunger ist gestillt. Die Tränen sind getrocknet. Einige Zeit später stirbt auch der Reiche - und findet sich in der Unterwelt wieder. Dort ist nun er arm dran. Er leidet Höllenqualen. Sein Besitz nützt ihm auch nichts mehr. Von weitem sieht er Lazarus: Gehört der jetzt etwa zur Oberschicht? Unglaublich.

Hilfesuchend wendet sich der reiche Mann an Abraham: „Vater Abraham, hab Erbarmen! Schick doch den Lazarus zu mir; er soll wenigstens seine Fingerspitze ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, ich leide große Qual“, so fleht er.

Doch Abraham schüttelt den Kopf: „Denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast. Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet“, erwidert er dem armen reichen Mann. 

Jesus von Nazaret hat diese Parabel erzählt. Und das nicht, um den Reichtum zu verteufeln. Wohl aber, um vor den Risiken zu warnen: Der Mensch kann sich so sehr in Besitz und Status verlieben und verstricken, dass seine Wahrnehmung gestört ist. Er nicht mehr merkt, wie es einem Arbeitslosen, einem Wohnungslosen zumute ist. Oder wie eine alleinerziehende Mutter sich von einem Job zum anderen hangeln muss. Jesus appelliert an die soziale Verantwortung der Besitzenden. Eigentum verpflichtet, heißt das in unserem Grundgesetz.

Und während der reiche Mann in den Gleichnis namenlos bleibt, hat der Arme einen Namen: Lazarus. Der Name bedeutet: Gott hat geholfen. 

(Vgl. Art.14, Abs.2 GG: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“)

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 07.03.2019 gesendet.


Über die Autorin Juliane Bittner

Juliane Bittner, 1951 in Leipzig geboren, studierte in Ost-Berlin Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Diplom-Ökonom im staatlichen wie im konfessionellen Gesundheitswesen. Parallel dazu war sie als Autorin und Lektorin für den katholischen St.-Benno-Verlag Leipzig sowie als "DDR-Korrespondentin" für die deutschsprachige Sektion von Radio Vatikan tätig. Seit der deutschen Wiedervereinigung ist sie Journalistin und Medienseelsorgerin im Print- und Hörfunkbereich. Inzwischen im Ruhestand, halten fünf Enkelkinder sie frisch. Kontakt
(030) 509 04 11
juliane.bittner@erzbistumberlin.de

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