Wort zum Tage, 05.03.2019

Juliane Bittner aus Berlin

Das Hochzeitsgeschenk

Irgendwo soll eine Hochzeit gefeiert werden. Die Brautleute haben wenig Geld, wollen aber gern viele Verwandte und Freunde einladen: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Doch alle wollen ja auch essen und etwas Gutes trinken. Da kommt ihnen eine Idee: Sie bitten die Gäste, jeder möge eine Flasche Wein als Geschenk mitbringen. Am Eingang des Hochzeitshauses würde ein Fass stehen, in das sie den Wein gießen können. So soll jeder von der Gabe des anderen trinken, und alle können miteinander fröhlich sein.

Als das Fest eröffnet ist und die Gäste mit dem jungen Paar anstoßen wollen, laufen sie zum Fass und schöpfen daraus. Doch in dem Fass ist - Wasser. Wie versteinert stehen alle da. Ihnen wird bewusst: Jeder von ihnen hatte gedacht, ach, die eine Flasche Wasser, die ich da hineingieße, die wird schon keiner schmecken.

Als um Mitternacht die Musik verstummt, gehen alle bedrückt nach Hause. Jeder spürt: Das Fest hat nicht stattgefunden. Was nicht daran lag, dass es nur Wasser zu trinken gab. Nein: Weil jeder auf Kosten der anderen feiern wollte, war das Fest ins Wasser gefallen.

Die Moral von der Geschichte: Von Egoisten kann die Welt nicht leben. Da käme keine Freude auf. Wer immer der Erste sein will und dafür seine Ellenbogen einsetzt, mag auf den ersten Blick als clever gelten. Auf Dauer geht das aber schief, weil der Egoist an sich selbst scheitert: Ihm fehlt es an Empathie, es mangelt ihm an Bereitschaft zum ehrlichen Miteinander und zum Teilen. Doch nur so kann das Leben gelingen – im Mikrokosmos der Familie wie im Makrokosmos der Nationen. Egoismus bringt die Menschheit nicht weiter.

„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Das steht so ähnlich schon in der Bibel. Nur nicht gereimt. Ich kann diese Aufforderung gut nachempfinden: weil ich nicht möchte, dass man mir die Freude am Leben verdirbt oder auf meine Kosten lebt. Ich hasse Egoismus, egal, aus welcher Ecke er mich angrinst.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, heißt es auch in der Bibel. Der jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt diesen Satz so: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist  - wie du“.  Auch er will kein Wasser schöpfen, wo er Wein erwarten darf.

Zitat Buber aus: Levinas, Emmanuel: Wenn Gott ins Denken fällt, Freiburg/München 1985, S. 115, eine Zeile

 

 


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 05.03.2019 gesendet.


Über die Autorin Juliane Bittner

Juliane Bittner, 1951 in Leipzig geboren, studierte in Ost-Berlin Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Diplom-Ökonom im staatlichen wie im konfessionellen Gesundheitswesen. Parallel dazu war sie als Autorin und Lektorin für den katholischen St.-Benno-Verlag Leipzig sowie als "DDR-Korrespondentin" für die deutschsprachige Sektion von Radio Vatikan tätig. Seit der deutschen Wiedervereinigung ist sie Journalistin und Medienseelsorgerin im Print- und Hörfunkbereich. Inzwischen im Ruhestand, halten fünf Enkelkinder sie frisch. Kontakt
(030) 509 04 11
juliane.bittner@erzbistumberlin.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche