Wort zum Tage, 09.03.2019

Juliane Bittner aus Berlin

An der Supermarktkasse

In der Schlange an der Kasse des Supermarkts geht es einfach nicht weiter. Eine alte Frau versucht, ihr Kleingeld loszuwerden. Prompt fehlen ihr am Ende zehn Cent. Schließlich wechselt sie doch den Fünfzigeuroschein. Na toll, denke ich, wieder fünf Minuten verloren. Wenn das so weitergeht, komme ich nicht pünktlich zum Italienischkurs. Und dann muss ich mich entschuldigen und auch noch begründen, warum ich zu spät komme. Und zwar auf Italienisch, da kennt der Lehrer kein Erbarmen.

Noch fünf Leute vor mir. Und zwei von ihnen haben wohl seit Wochen nicht mehr eingekauft, so vollgepackt sind ihre Wagen. Wenn jeder von denen auch nur drei Minuten braucht, komme ich zu spät. 

Die Diskussion einer Mutter mit ihrem kleinen Sohn reißt mich aus meinen Berechnungen. Die Frau ist die nächste an der Kasse. Der Junge versucht, in letzter Minute noch einen Schokoriegel durchzuboxen. Die Mutter will ihr Kind wohl zu einer maßvollen Persönlichkeit erziehen. Und so bahnt sich ein Konflikt an.

Das kann dauern. Ich atme tief durch und drehe mich um. Die Frau hinter mir hebt die Augenbrauen und blickt genervt. Sie hat nur eine Tüte Nudeln im Korb. Ich starre auf meinen Liter Milch, den Käse, die Tomaten, die Äpfel und die Filtertüten. Ich drehe mich nochmal zu der Frau um und biete ihr an, sich vor mir in die Reihe zu stellen. Die Unmutsfalten auf ihrer Stirn glätten sich. Sichtlich erleichtert nimmt sie mein Angebot an. Im Vorrücken in der Schlange fragt sie, wie ich denn darauf gekommen sei, dass sie ganz schnell nach Hause muss. 

Ich sage so etwas wie „ist schon in Ordnung“ - da nimmt plötzlich der ältere Herr, einer von denen mit einem vollgeladenen Erntewagen, der jungen Frau die Nudeln aus der Hand, legt sie aufs Band und sagt zur Kassiererin: „Bevor Sie mit meinen Sachen anfangen, kassieren Sie doch das hier erstmal ab!“

Ein Lächeln huscht über die Gesichter der Kunden in der Schlange. Manchmal genügt so wenig, um anderen gut zu sein und über den Alltag einen Hauch von Freundlichkeit zu zaubern. So mancher lässt sich davon anstecken. Verzichtet auf sein gutes Recht und schenkt einem anderen den Vortritt. 

Wenn bei aller Einkaufshektik nicht nur geschwiegen und auch nicht geschimpft wird, so gleicht das einem kleinen Stein, der ins Wasser fällt: Er zieht Kreise.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 09.03.2019 gesendet.


Über die Autorin Juliane Bittner

Juliane Bittner, 1951 in Leipzig geboren, studierte in Ost-Berlin Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Diplom-Ökonom im staatlichen wie im konfessionellen Gesundheitswesen. Parallel dazu war sie als Autorin und Lektorin für den katholischen St.-Benno-Verlag Leipzig sowie als "DDR-Korrespondentin" für die deutschsprachige Sektion von Radio Vatikan tätig. Seit der deutschen Wiedervereinigung ist sie Journalistin und Medienseelsorgerin im Print- und Hörfunkbereich. Inzwischen im Ruhestand, halten fünf Enkelkinder sie frisch. Kontakt
(030) 509 04 11
juliane.bittner@erzbistumberlin.de

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