Wort zum Tage, 06.03.2019

Juliane Bittner aus Berlin

Bildbetrachtung

Der Wiener Künstler Gustav Klimt (1862-1918) erhielt von einer Baronin den Auftrag, ein Porträt von ihr zu malen. Der Künstler sagte zu, wollte aber nicht nur eine Momentaufnahme von ihr zeichnen. Er bat sie, eine Weile an ihrem Leben teilhaben zu dürfen, um sie so darzustellen, wie sie in ihrem Inneren sei. Äußerlich betrachtet war die adlige Dame keine Schönheit. Ein hartes Leben hatte sie gezeichnet; sie war verbittert, wirkte depressiv.

Gustav Klimt malte das Porträt. Das Ergebnis überraschte: Das Bild zeigte eine schöne Frau, kraftvoll, optimistisch, dem Leben zugewandt.

Die Baronin kaufte es und hängte es in ihr Wohnzimmer. Jahre später besuchte der Künstler sie und sah das Wunder: Sie hatte sich in eine Frau voller Kraft und Lebensfreude verwandelt - in die Frau, die das Gemälde zeigte.

Der Maler hatte einen Entwurf von ihr gezeichnet. Er hatte sie so gesehen, wie sie sein könnte und im Innersten wohl auch sein wollte. Das hatte die Baronin vermutlich intuitiv verstanden und begonnen, diesem Entwurf ähnlicher zu werden. Sie hat Neues in sich beginnen lassen.

Neues beginnen zu lassen ist der Sinn der Fastenzeit, die heute, am Aschermittwoch,  beginnt. Beim Fasten „wie Gott es liebt“, nachzulesen beim Propheten Jesaja (Jes 58,1-12), geht es nicht darum, mit grimmiger Entschlossenheit auf alles zu verzichten, was Spaß macht. Oder mal vierzig Tage lang gesünder zu leben als im Rest des Jahres. Es geht darum, sich neu zu orientieren an dem Bild, das Gott vom Menschen, von mir entworfen hat. Richtig verstandenes Fasten ist der Einspruch gegen ein festgefahrenes, inhaltsleeres, ja, gegen ein glückloses Leben.

Sicher kann man die schwere Kindheit oder die Verhältnisse verantwortlich machen für das traurige Bild, das man abgibt. Damit machte man es sich aber unnötig schwer.  Denn das Leben wird lebenswerter, wo Neues zugelassen wird.

„Wandelt Euch und erneuert Euer Denken“, hat schon Paulus den Römern geraten. (vgl. Röm 12,2)Wenn ich eingefahrene Gleise verlasse und nach neuen Wegen suche, dann kann ich mein Leben gestalten, es neu formatieren.

Um dem Bild, das Gott von mir entworfen hat, ein wenig ähnlicher zu werden.  

(Klimt erzählt nach: Helmut Rodosek/Christa Carina Kokol: Lichtpunkte des Vertrauens; Verlag Salesianische Mitarbeiter Don Boscos, Graz; in: Pfarrbriefservice.de)

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 06.03.2019 gesendet.


Über die Autorin Juliane Bittner

Juliane Bittner, 1951 in Leipzig geboren, studierte in Ost-Berlin Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Diplom-Ökonom im staatlichen wie im konfessionellen Gesundheitswesen. Parallel dazu war sie als Autorin und Lektorin für den katholischen St.-Benno-Verlag Leipzig sowie als "DDR-Korrespondentin" für die deutschsprachige Sektion von Radio Vatikan tätig. Seit der deutschen Wiedervereinigung ist sie Journalistin und Medienseelsorgerin im Print- und Hörfunkbereich. Inzwischen im Ruhestand, halten fünf Enkelkinder sie frisch. Kontakt
(030) 509 04 11
juliane.bittner@erzbistumberlin.de

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