7. Sonntag im Jahreskreis, 24.02.2019

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Josef, Verden


Predigt von Propst Matthias Ziemens

Liebe Schwestern und Brüder am Radio du hier in der Kirche:

„Viel Feind, viel Ehr“. Damit rühmen sich manche Machthaber und Politiker. In der jüngeren Vergangenheit etwa der rechtspopulistische italienische Innenminister Matteo Salvini.

„Viel Feind, viel Ehr“. Das ist auch der Titel eines meiner Lieblingsbücher aus Kindertagen:  um einen Comic aus der Reihe „Hägar, der Schreckliche“. Hägar ist der Anführer einer Gruppe von lustigen Wikingern. Sie rauben, plündern und erobern, vorzugsweise in England. Denn die Engländer sind die Feinde von Hägar und seinen Mitstreitern. Der Leser identifiziert sich natürlich mit den Guten, den Wikingern. Das versteht jedes Kind und amüsiert sich über die humorvollen Geschichten der munteren Truppe. Gut und Böse, Freund und Feind, diese Unterscheidung findet sich überall, nicht nur im Comic, auch in Büchern und Filmen. Und natürlich in der Politik. Ja, sogar in der Kirche. „Freund und Feind“, das zieht sich durch den Alltag.

Aber: Haben Sie Feinde? Die meisten werden wohl denken; „Nein, ich habe keine Feinde“. So weit möchte ich nicht gehen, Menschen in meinem Umfeld als Feinde zu bezeichnen. Aber es gibt Menschen, mit denen ich überhaupt nicht zurechtkomme, weil sie mich ungerecht behandeln. Da ist eine extrem unfreundliche Nachbarin, die ich so ganz und gar nicht ausstehen kann.  Ein Arbeitskollege, der über Leichen geht und bei dem ich gar nichts Positives sehe. Oder der hinterhältige Neffe: als die wohlhabende Tante verstarb, da hat er sich den größten Teil des Erbes unter den Nagel gerissen Es gibt Menschen, die ich nicht leiden kann, weil sie Böses getan haben. Ihnen kann ich nicht verzeihen.

Jesus sagt: „Liebt eure Feinde!“ Aber: Wie wird ein Mensch zu meinem Feind? Feindschaft entsteht durch Grenzen. Grenzen, die in uns und um uns sind.¹ Da gibt es einen Konflikt, ein Problem, dass nicht gelöst werden kann. Zwei Menschen begegnen sich, geraten aneinander, es wird laut, unsachlich und hochgradig emotional. Ein böses Wort wird ausgesprochen, dass der andere nicht stehen lassen kann. Und der schlägt verbal mit einer Beleidigung zurück. Man geht wütend und grußlos auseinander. Wenn sich dann nach diesem Sturm Ruhe eingestellt hat, werden Grenzen gezogen, der Kontakt abgebrochen, Mauern gebaut. Die Beziehung ist zerrüttet. Keiner geht mehr auf den anderen zu, sucht das Gespräch, bemüht sich um eine Lösung des Konflikts. Soll doch zuerst der andere zu mir kommen und sich entschuldigen. Bevor der das nicht tut, ist er für mich gestorben. Bei diesem Denken komme ich nicht mehr zur Ruhe. Von wegen „der andere ist gestorben“, der andere lebt. Er lebt weiter in mir und wird dabei immer größer. Aus dem Nachbarn oder dem guten Bekannten wird der Feind.

„Liebt eure Feinde!“ Das ist keine Moralpredigt Jesu. Es geht um viel mehr, als um ein „Tu dies“ und „Vermeide das“. Es geht darum, auszubrechen; auszubrechen aus dem ewigen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt. Noch nie hat Rache ein Unrecht wieder gut gemacht. Und Hass heilt keine Wunden, es betäubt bestenfalls für kurze Zeit den Schmerz. Wenn der Frieden eine Chance haben soll, muss einer anfangen umzudenken, auf den anderen zugehen, die Hand reichen.

Der evangelische Theologe Jörg Zink formuliert es so: „Liebe zum Feind und Gewaltlosigkeit, wie Jesus sie fordert, bedeuten: Schau dir deinen Gegner gut an. Er ist niemals das Böse schlechthin, du musst unterscheiden lernen: Vor dir steht ein Täter, der Unrecht begeht, das ist das eine. Vor dir steht aber auch ein Mensch, das ist das andere, und das verbindet euch trotz aller Feindschaft. Wenn sich das Bild, das du von ihm hast, auf das des Täters beschränkt, vergibst du die Chance auf Versöhnung.“²

Es ist also kein Zeichen von Schwäche, im Feind den Menschen zu sehen, das Ebenbild Gottes. Es ist Ausdruck von menschlicher Größe. Und das ist der Auftrag Jesu an alle, die ihm folgen wollen. Er selbst hat Barmherzigkeit gelebt, hatte keine Vorbehalte und Berührungsängste gegenüber Menschen, die Schuld auf sich geladen hatten. Die Ehebrecherin rettete er vor dem sicheren Tod, weil er die Männer, die sie steinigen wollten, mit einem Satz irritiert hat: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Die Männer ließen die Hände sinken. Sie haben die Steine fallen lassen und sind gegangen, einer nach dem anderen. Jesus hat in der Ehebrecherin Gottes Ebenbild gesehen. Er widerstand den Versuchungen des Teufels, Böses mit Bösem zu vergelten. Das Böse hatte keine Macht über ihn. Jesus grenzt sich nicht ab gegen Sünder, baut keine Mauern, er reicht die Hand zur Versöhnung. Dieses Handeln Jesu wirkt bis heute nach. Und so heißt es gleich im Hochgebet: „Dein Geist bewegt die Herzen, wenn Feinde wieder miteinander sprechen, Gegner sich die Hände reichen und Völker einen Weg zueinander suchen. Dein Werk ist es, wenn der Wille zum Frieden den Streit beendet, Verzeihung den Hass überwindet.“

Das klingt ganz anders als „Viel Feind, viel Ehr.“ Aber dieser Gegenentwurf Gottes, die Feindesliebe, führt mich an meine Grenzen. So ein Handeln fordert Mut. Es ist auch riskant, weil ich den Kürzeren ziehen kann.  Ich glaube, ich kann nur die Kraft dafür aufbringen, wenn ich im anderen Gottes Ebenbild sehe: Einen Menschen wie mich, der angenommen und geliebt ist von seinem Schöpfer. Ich gebe zu, das kann eine Zumutung sein: meine Angst und meine Vorbehalte zu überwinden und anderen offen zu begegnen. Doch es ist vermutlich die einzige Chance zur Versöhnung.   

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¹ Vgl. Frank Abt, Artikel „Feindschaft entsteht durch Grenzen“, Welt am Sonntag, 29.5.2011

² Jörg Zink, Artikel „Den Feind lieben!“, Zeitschrift des Wiener Stephansdoms, Weihnachten 2014

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 24.02.2019 gesendet.





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