Wort zum Tage, 22.02.2019

Diakon Paul Lang aus Amöneburg

Kopf in der Schale

Wenn die Schüler meiner Schule zum Essen gehen, kommen sie an einem Sandsteinrelief vorbei. Es ist in die Wand unserer Mensa eingelassen, dem Johanneshaus. Es hat seinen Namen von Johannes dem Täufer. Er ist Patron unserer Schule.

Obwohl alle das Relief täglich sehen, nehmen nur wenige wahr, was es darstellt. Einen Engel erkennt man mit langem Haar und ausgebreiteten Flügeln. Vor sich hält er ein rundes Gefäß und wendet es dem Betrachter zu. Man muss den Kopf um 90 Grad drehen, um zu erkennen, was in der Schale liegt. Als ich in zwei zehnten Klassen nachfrage, was da zu sehen ist, weiß es niemand. „Schade“, denke ich. In beiden Klassen steht im Musikunterricht das Thema „Oper“ an. Ich möchte die Strauß-Oper „Salome“ erarbeiten.

In der Oper „Salome“ geht es um diese Schale. Die Story dazu findet sich im Markus-Evangelium. Johannes der Täufer ist von König Herodes gefangen genommen worden. Zu heftig hatte er die Unrechtmäßigkeit der königlichen Ehe kritisiert. Herodes fürchtet seinen Gefangenen, zugleich respektiert er ihn allerdings auch. Am Geburtstag des Königs nehmen die Ereignisse eine tragische Wendung. Herodes bittet seine Stieftochter Salome um einen Tanz. Als Belohnung verspricht er: „Wünsch dir, was du willst; ich werde es dir geben.“ Da fordert Salome: „Lass mir in einer Schale den Kopf des Täufers bringen!“

Herodes ist entsetzt: In Strauß‘ Oper bietet er dreimal Ersatz an: Einen wertvollen Safir, 100 weiße Pfauen, einen gewaltigen Schmuckschatz. Es nützt nichts. Um seinen Eid nicht zu brechen, wird Herodes zum Mörder. Er lässt Salome bringen, was sie verlangt. Dramatisch unterstreicht die Musik die inneren Vorgänge und Konflikte vor allem des Königs. Die Oper wird mit seinem Befehl enden, Salome zu töten. Die Episode um Salomes Tanz ist unerfreulich. Die ganze Erzählung, in der Schuld und Versagen schließlich zu Unheil führen, ist jedoch lebenswahr und -echt.  

In der Oper „Salome“ misslingt es fast allen Personen, miteinander zu kommunizieren. Hass und Begierde, unerwiderte Liebe binden die Handelnden aneinander. Alles Sprechen erschöpft sich in unerwiderten Monologen. Obwohl Herodes seine innere Stimme hört, folgt er ihr nicht. So kommt es zur Katastrophe.

Ein bisschen ist das typisch menschlich: Entscheidungen aufschieben wollen, Probleme verdrängen, das Unangenehme irgendwo einkerkern, statt Aufgaben zu lösen.

Ich bin gespannt, was die Schüler alles entdecken werden, wenn sie sich in den kommenden Wochen mit „Salome“ beschäftigen. Ich bin sicher, es wird uns gut tun.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 22.02.2019 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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