Wort zum Tage, 21.02.2019

Diakon Paul Lang aus Amöneburg

Yussuf spricht

Ich arbeite als Lehrer an einer Schule. Wenn die Schüler ihr Sozialpraktikum machen, bedeutet das für mich, Praktikumsbesuche zu machen: im Altenheim, im Krankenhaus und vielen anderen Einrichtungen. Im letzten Jahr stand ein integrativer Kindergarten auf meinem Plan. Dort werden Kinder mit und ohne Handicaps gemeinsam betreut.

Als ich ankomme, herrscht großes Gewusel. Die Schülerin, die ich besuchen will, erklärt mir: „Wir gehen in den Garten.“ Die kleinen Leute strömen zur Garderobe. Vor allem gilt es: Schuhe anzuziehen. Eine große Herausforderung. Manche kommen alleine zu recht, andere brauchen Hilfe. 

Plötzlich bemerke ich einen kleinen Mann, der mit großen Augen zu mir aufblickt und von mir auf seine Stiefel zeigt. Beherzt aber mit wenig Erfolg ist er dabei, sie an seine Füße zu bekommen. „Soll ich dir helfen?“ frage ich. Seine Augen und ein vorsichtiges Lächeln antworten mir, ehe ich im Getümmel irgendetwas höre. Im Vorbeigehen erklärt meine Schülerin: „Das ist Yussuf. Er ist sehr eigen.“ Ob er eigen ist, weiß ich nicht. Wir haben genug zu tun mit dem Stiefel Anziehen.

Wenig später sind wir im Garten. Kleine Hügel, Klettergeräte, Sandkästen. Alle haben ihre Lieblingsorte und sind in Gruppen unterwegs. Mich interessiert, was die Praktikantin macht. Während ich nach ihr ausschaue, zupft jemand – an meinem Hosenbein. Yussuf streckt mir ein Spielzeugauto entgegen. Die Aufforderung ist eindeutig. Also runter auf den Boden. Mit dem Mini-PKW legen Yussuf und ich kurze Strecken im Sand zurück. Die Zeit ist vergessen.

„Ich muss weiter“, schießt es mir durch den Kopf, der nächste Besuch steht an. Ich teile das meinem kleinen Spielkameraden mit, wechsle noch ein paar Worte mit der Praktikantin und verabschiede mich gerade von der Leiterin. Da steht abermals Yussuf vor uns. „Auto!“ sagt er und hält uns sein Spielzeug entgegen. Er strahlt über das ganze Gesicht. „Was haben Sie gemacht?“, entfährt es der verblüfften Erzieherin. „Yussuf kann nicht sprechen! Dachten wir zumindest bis jetzt!“ Nach dem Praktikum erfahre ich mehr von den Sprecherfolgen des Kleinen. Erst spät hatten seine Eltern ein Hörproblem bemerkt. Als das endlich behoben war, war er schon im Kindergartenalter, ohne sprechen gelernt zu haben.

Sprechen hat mit Vertrauen zu tun und Beziehung. Wir sagen deshalb „Muttersprache“. Endlich hatte Yussuf ein Wort gefunden und den Mut nachzusprechen. Gut, wenn jemand da ist, der mich ganz unbekümmert annimmt und zu mir spricht.

Ein Psalm aus dem Alten Testament macht das zu einer Bitte, die mir gut gefällt: „Schon beim Morgengrauen komme ich und flehe. Herr, ich warte auf dein Wort. Durch dein Wort belebe mich.“

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 21.02.2019 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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