Wort zum Tage, 19.02.2019

Diakon Paul Lang aus Amöneburg

Dem Geheimnis auf der Spur

"Seit wir umgebaut haben“, berichtet die Ordensschwester, „kommen viel mehr Besucher in unsere Klosterkirche als vorher. Aber wir Schwestern haben das Gefühl, dass unsere Betzeiten und Gottesdienste sie eher zu stören scheinen. Die Besucher wollen den Raum ‚einfach so‘ erleben.“

Ich bin zu Besuch in der Abtei Herstelle bei Bad Karlshafen an der Weser. Die Gemeinschaft der Ordensfrauen hat notwendige Sanierungsarbeiten an der altehrwürdigen Klosterkirche genutzt, um den Kircenraum völlig neu zu konzipieren.Als ich zum ersten Mal seit dem Umbau die Kirche betrete, bin ich angenehm überrascht. Wie schön es geworden ist! 

Warum kommen jetzt so viele Besucher hierher? Was suchen die Menschen? Ich überlege. Eigentlich geht es mir auch so. Manchmal macht mich ein Gebäude neugierig, weil es nicht ohne weiteres zugänglich ist. Oder ein Bauwerk reizt mich, weil es groß ist, sich von anderen unterscheidet. Manchmal ist die Funktion rasch erschlossen: Es ist ein Museum, ein Verwaltungsgebäude. Selbst manche Bahnhöfe sind imposant.

Bei Kirchen ist das oft ganz anders. Die Funktion ist eigentlich auch klar: Hier feiert man Gottesdienst. Aber irgendwie spürt der Besucher: Das ist noch nicht alles. Viele Kirchen sind Räume, die still werden lassen. Manches im Inneren ist mehr als Funktion, mehr als Zweck. Das macht neugierig. Da ist ein Geheimnis in einem solchen Raum. Dem möchte ich auf die Spur kommen.

Ein neuer Altar aus weißem Stein wird in der Klosterkirche Herstelle nun umrundet von Bänken aus hellem Holz. Das Gewölbe ist in ein sanftes Blau gefasst worden. Mit dem Weiß der Wände bildet das einen belebenden Kontrast. Die Ausleuchtung durch Strahler und einen Lichtkranz unterstützt die freundliche Atmosphäre.

In der Mitte der abgerundeten Bänke vor dem neuen Altar aber ist nichts. Nur der Fußboden. Der Altar, der als Zeichen für Christus gilt, ist ein wenig weg von der Mitte aufgestellt. Eine Schwester erklärt: „Christus ist von zentraler Bedeutung in unserem Glauben. Er führt uns zur Mitte, zum Geheimnis. Das Geheimnis selbst aber, Gott, können wir nicht fassen. Deswegen ist die Mitte frei.“

Ob Besucher das spüren? Freier Raum. Raum für das Geheimnisvolle. Im Gottesdienst halten die Schwestern mehrfach Stille. Manchmal einige Minuten lang. Auch das ist Raum, Raum zum Innehalten und Nachsinnen.

Wie gut mir das tut, merke ich, als ich nach ein paar Tagen Auszeit wieder auf dem Heimweg bin. Ich fühle mich wunderbar erholt. Innerlich plane ich schon den nächsten Besuch an der Weser: Dem Geheimnis auf der Spur bleiben.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 19.02.2019 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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