Wort zum Tage, 18.02.2019

Diakon Paul Lang aus Amöneburg

Strohbär

„Tust du mir nichts, tu ich dir auch nichts!“ Vor mir steht ein vielleicht 5jähriger als Cowboy kostümierter Knirps. In der Hand hält er sehr beherzt, aber doch deutlich verschüchtert eine Spielzeugpistole.

Es ist Karneval. In meinem Dorf gehört dazu ein Umzug der kostümierten Kinder mit ihren Eltern. Das „Highlight“ dabei ist der Strohbär. Vor etlichen Jahren war ich dazu ausersehen, der Strohbär zu sein. Stunden vor dem Umzug fand ich mich mit einigen Helfern auf dem Hof eines Bauern ein. „Zieh‘ Dir die ältesten Sachen an, die Du im Schrank hast“, hatte mir der Landwirt vorher zum Glück geraten.

Strohbüschel um Strohbüschel wurde mir mit Presskordel um Beine, Arme und Körper gewickelt und gebunden. Nur ein winziger Sehschlitz blieb frei, während ich mich in ein unförmiges Wesen verwandelte. Einen Strohbären eben. Der Bauer chauffierte mich im Frontlader zum Startpunkt. Von da an führten mich zwei Helfer mit einer Eisenkette. Ein Furcht erregender Anblick!

Das Geheimnis, wer sich unter dem Stroh verbirgt, wird stets gut gehütet. Couragierte Kids trauen sich schon einmal, einen Blick in die Augen des Vermummten zu riskieren oder zupfen am Stroh, um den Bären zu enttarnen. Wenn der aber dann grimmig brummt, sinkt den Angreifern das Herz in die Hose. So war es auch dem kleinen Cowboy ergangen. Statt aber zu flüchten, griff der zu seiner Spielzeug-Bewaffnung: „Tust du mir nichts, tu ich dir auch nichts!“

Ich musste schallend lachen und war als Strohbär nicht mehr sehr bedrohlich. Was für einen Mut der Kleine aufgebracht hat! Das hat mir sehr imponiert. Woher hatte er den? Als ich später über die Situation nachdachte, verstand ich es. Er war nicht allein. Das war das entscheidende. Er wusste: „Meine Eltern sind in der Nähe. Mir kann nichts passieren!“

Das wünsche ich mir auch, wenn ich unsicher werde, wenn ich an meine Grenzen gerate: Dass dann jemand da ist, der mir den Rücken stärkt. Es ist ein gutes Gefühl, nicht allein zu sein, wenn es bedrohlich wird.

Im Römerbrief beschreibt der Apostel Paulus Gott als den, der uns Mut macht. „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch irgendeine Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes.“

Solche Zeilen lassen mich gelassen in den neuen Tag starten. Sie zeigen mir: Ich brauche nicht ängstlich zu sein, denn ich habe einen starken Helfer.

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 18.02.2019 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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