Wasser ist Leben: Vom Segen berührt

Morgenandacht, 12.02.2019

von Pastor Dietmar Schmidt aus Bochum

Wasser ist Leben: Vom Segen berührt

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Als Abraham a Santa Clara vor 350 Jahren diese putzige Bärenweisheit formulierte, hat er sicher noch nicht an die Brexit-Verhandlungen gedacht. Und doch trifft sein berühmtes Diktum auch hier den Nagel auf den Kopf: Austritt aus der EU und seine Vorteile, ja gerne! Nachteile aus den Konsequenzen, lieber nicht!

Wie oft ertappe ich mich selbst bei dem Versuch, in eleganter Windung für mich einen Vorteil herauszuschlagen, ohne dafür etwas einzusetzen: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Ganz offenbar ist diese Maxime nicht selten auch im Raum der Kirche anzutreffen. Kirchliche ‚Dienstleistungen‘ vom Kindergarten bis zum Begräbnis,- ja gerne! Kirchensteuer bezahlen - lieber nicht. 

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Auch Jesus ist selbst im Kreis seiner engsten Gefolgsleute mit dieser Mentalität konfrontiert. Als zwei seiner Apostel ihn bitten, ‚lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den anderen links neben dir sitzen‘, gibt er ihnen zur Antwort: ‚Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? - Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.‘ 

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass? Ich finde, die Feier des Gottesdienstes ist ein guter Ort für ein handfestes Dementi. Und deshalb bin ich froh über jede Gelegenheit, die mit Berührung zu tun hat und, ja, unter Umständen auch mit Nassmachen. Besonders deutlich wird das in unserer Gemeinde in der Feier der Osternacht: Ein Höhepunkt der Feier ist die Taufe kleiner und großer Menschen in der begehbaren Taufstelle. Die kleinen Kinder hat der Pastor behutsam ins Wasser getaucht, die erwachsenen Taufbewerber sind mit ihm in das Becken hinabgestiegen. Und gleich nach der Taufe sind alle in der Gemeinde eingeladen, durch den Mittelgang nach vorne zu kommen, an den Brunnenrand zu treten und sich selbst oder einander mit dem Wasser aus der Taufstelle zu segnen. Es berührt mich jedes Mal, wie dabei auch Ältere und Gebrechliche versuchen, zum Wasser zu kommen, auch wenn es ihnen erkennbar schwerfällt, sich so tief zu beugen. Offenbar ist in ihnen das Bewusstsein lebendig, dass der Glaube Zeichen braucht, und dass Gottesdienst besonders da lebendig wird, wo Berührungen geschehen, so wie beim Handschlag zur Begrüßung am Kircheneingang, so wie zum Vater Unser, bei dem sich ganz selbstverständlich alle einander die Hände reichen, um die verbindende Kraft dieses Gebetes zum Ausdruck zu bringen. Es tut dem Glauben und der Feier des Glaubens gut, wenn das, was wir in Worten und Liedern mit dem Munde bekennen, auch mit Händen zu greifen ist. 

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass? – Manchmal sehe ich junge Menschen nebeneinander auf der Bank sitzen, ohne Kontakt untereinander, weil jeder einzeln mit seinem Smartphone beschäftigt ist. Sicher ist es leichter, anonym oder pseudonym Meinungen im Netz zu verbreiten als selbst zu seinem Wort zu stehen. Offenbar verleitet digitale Technik eher zu blutarmer Kommunikation als zum persönlichen Kontakt. Vielleicht sind ja die Berührungsängste vieler Menschen und ihre Sehnsucht nach freundlichem Hautkontakt nur die beiden Seiten derselben Medaille. 

Ich wünsche Ihnen jedenfalls für diesen Dienstag viele gute Begegnungen. Ich wünsche Ihnen den Mut, Herausforderungen anzunehmen, und auch die Bereitschaft, zu den Konsequenzen zu stehen. Ich wünsche Ihnen viel Phantasie für behutsame Berührungen, ohne Aufdringlichkeit, aber mit herzlicher Zuwendung, und ganz offene Augen für Menschen, die vielleicht nur darauf warten, gerade von Ihnen ein gutes Wort zu hören.  Und gehen Sie selbst zuversichtlich in diesen Tag, berührt und gesegnet, in Gottes Namen.        

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 12.02.2019 gesendet.


Über den Autor Pastor Dietmar Schmidt

Dietmar Schmidt, geboren 1943, wurde 1970im Bistum Essen zum Priester geweiht. Nach Kaplans-Jahren in Essen und Bochum war Schmidt als Hochschulseelsorger an der Ruhruniversität Bochum tätig, es folgten zehn Jahre als geistlicher Rektor der Katholischen Akademie des Bistums und Diözesanfrauenseelsorger, zwanzig Jahre als Pfarrer in St. Maria Magdalena in Bochum-Wattenscheid mit dem pastoraler Schwerpunkt: Taufpastoral, Katechumenat, begehbare Taufstelle nach frühchristlichem Vorbild.  Seit 40 Jahren ist Pastor Schmidt in medialer Verkündigung in Hörfunk und Fernsehen aktiv und seit Ende 2018 im Ruhestand. Kontakt: d.schmidt@gmx.li

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