Wort zum Tage, 18.02.2019

altfried g. rempe, Trier

Biene: gerettet

Es war in der Mittagspause – irgendwann im Sommer. Nur ein kleiner Teich im Park – aber doch wären meine Arme zu kurz gewesen, um rettend einzugreifen. Auf dem Teich nämlich – oder eigentlich schon mehr im Teich – da schwamm eine Biene. Aufmerksam gemacht hatte mich, dass da was Kleines ziemlich hektisch herumzappelte auf der Wasseroberfläche. Eine Biene gehört nicht ins Wasser – schon klar. Kann ja auch nicht schwimmen. Muss wohl beim Trinken abgerutscht sein oder mit den Flügeln ins Wasser geraten und das hat sie dann runtergezogen. Wer weiß. Jedenfalls ist sie kurz vor dem Ertrinken.

Wie gesagt: Kein sehr großer Teich – aber doch zu groß, als dass ich hätte hinlangen können. Und der Park war schön aufgeräumt – kein Ast weit und breit, den ich zur Rettung hätte einsetzen können. Aber da: Ein paar Grashalme schwammen ganz in der Nähe von Biene in Not. Ob sie die gesehen hat und hinpaddelt – oder ob es nur Zufall ist und ein bisschen günstiger Wind: Die Biene stößt an einen der Grashalme; und weil der halb unter Wasser schwimmt, kriegt sie ihn zu fassen und klettert hinauf. Gerettet?

Leider hätte sie wohl ein bisschen mehr Zeit gebraucht, um die Flügel zu trocknen. Oder sie ist einfach nur erschöpft und ungeschickt – jedenfalls purzelt sie noch mal ins Wasser. Schade – aber gerade, als ich sie verloren geben will und weitergehe, hat die kleine Biene schon die nächste Gelegenheit ergriffen, hat einen neuen Halm bestiegen und ist diesmal ein wenig geschickter ins Trockene gekommen. Flügel ausgebreitet, damit sie schnell trocken werden, ein paar Mal auf und zu gefaltet, wie zum Test – und dann fliegt sie in kleinen Spiralen steil fast senkrecht hoch und verschwindet – vielleicht an ein ruhiges und sonniges Plätzchen, wo sie sich erst mal putzen und ganz trocken werden kann. Vielleicht nach Hause zu ihrem Volk, zu dem sie unterwegs war. Oder zur nächsten Blüte, weil sie ja noch ihre Ernte einbringen muss…

Ich blieb unten zurück, klar. Schon weil die Mittagspause ja bald vorbei war. Ich bin dankbar an meinen Schreibtisch zurückgegangen. Ich hatte so was wie ein kleines Wunder gesehen – und jedenfalls aus der Geschichte was gelernt. Ich war ja nur Zuschauer gewesen; keine Chance, selbst was zu tun und zu helfen. Hätte ich natürlich getan, für Schwester Biene. Von Franz von Assisi erzählt man das ja: Auch wenn er eilig unterwegs gewesen ist, soll er plötzlich angehalten haben; er soll ein paar Schritte zurückgegangen sein und habe eine Schnecke oder eine Ameise vom Boden aufgehoben und am Wegrand abgesetzt – damit dich keiner aus Versehen tottritt, liebe Schwester. Aber ich mit den Büroklamotten in den Teich im Park – für eine Biene?

Die hat mir selbst gezeigt, dass es auch so in Ordnung ist: Sie – und vielleicht ja die ganze Schöpfung mit ihr – sie kann sich anscheinend auch ganz gut selber helfen. Vielleicht sollten die Menschen sie sowieso lieber öfter mal in Ruhe lassen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 07.02.2019 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe ist 1953 in Essen geboren. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

Kontakt
altfried.rempe@bistum-trier.de

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