"Lasst alles wachsen bis zur Ernte" - Ist Geduld noch zeitgemäß?

Feiertag, 24.03.2019

von Stefan Förner aus Berlin

Geduld klingt mühsam und langweilig – und scheint überhaupt nicht mehr in die gegenwärtige Zeit zu passen. Stefan Förner lobt im „Feiertag“ die Tugend der Geduld. Dabei hat er nicht nur die Bibel auf seiner Seite, die für die Erwartung einer reichen Ernte zur Geduld rät und dafür plädiert, Unkraut und Weizen gleichermaßen wachsen zu lassen. Auch angesagte Wirtschaftsforscher schlagen sich auf die Seite der Bibel und empfehlen dringend, die Geduld neu zu entdecken. Sie sei ein „mentales Werkzeug“ mit Erfolgsgarantie.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune! (Matthäusevangelium 13,24-30)

Jesus kannte sich wohl gut aus in der Landwirtschaft. Oder aber der Evangelist Matthäus, der dieses Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen aufgeschrieben hat. Ob die Empfehlung darin als aktueller Beitrag zu ökologischer Landwirtschaft verstanden werden darf, mag ich nicht entscheiden. Aber das Gleichnis gibt eine kluge Antwort auf die Frage nach Recht und Unrecht: Geduldet Euch mit Eurem Urteil, wartet ab, bevor ihr das Falsche tut. Und es ruft die bäuerliche Grundtugend auf: geduldig wachsen lassen! Und es geht bei Matthäus geduldig-bäuerlich weiter im Text: 

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.(...)Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war. (Matthäusevangelium 13,31-33) 

Keine Geduld ohne Hoffnung – keine Hoffnung ohne Geduld

Alle drei Gleichnisse – vom Unkraut unter dem Weizen, vom Senfkorn und vom Sauerteig – fordern auf, Geduld zu haben; geduldig zu ertragen, dass auch das Unkraut wächst; sich in Geduld zu üben, bis aus dem kleinen Senfkorn endlich der versprochene große Baum gewachsen ist; nicht die Geduld zu verlieren, bis der Sauerteig das ganze Mehl durchsäuert hat. Die Gleichnisse passen gut in die Zeit der frühen Kirche, manche haben Jesus selbst noch kennen gelernt oder kennen einen Augenzeugen persönlich. Voller Ungeduld leben die ersten Christen in der Erwartung, auch die „letzten Christen“ zu sein, jedenfalls gehen sie zunächst davon aus, die Wiederkunft Christi bald erleben zu können. Eine Zeit voller Erwartung und Ungeduld. Matthäus ermahnt im Gleichnis dazu, wie auch Paulus die Gemeinde in Rom, die Geduld nicht zu verlieren. Das ist umso schwerer, da die ersten Christen viel Unverständnis für ihren Weg und massive Verfolgung von außen erfahren, anfangs bekanntlich von Paulus selbst. In diesen Bedrängnissen erkennen sie das im Gleichnis beschriebene „Unkraut“. 

Mehr noch, wir rühmen uns ebenso der Bedrängnisse; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen. (Römerbrief 5,3-5)

„Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen“, schreibt Paulus. Geduld ist also überlebenswichtig für die frühe Kirche und umgekehrt: wer keine Hoffnung mehr hat, wird auch die Geduld verlieren. So weit – so historisch, aber ist Geduld wirklich nur etwas für historisch interessierte? Sind die Gleichnisse für uns keine „Frohe Botschaft“ mehr? Nur eine sympathische Erinnerung an Aufbruch und Neubeginn? Wer will noch die Geduld als eine Tugend anpreisen, wenn es mich schon nervös macht, wenn die Seite im Internet nicht in wenigen Sekunden lädt, wenn der ICE schon wieder mehr als zehn Minuten Verspätung hat, wenn die Schlange an meiner Kasse mal wieder die langsamste ist und der Verkehr auf meiner Spur – egal wie oft ich wechsle – am langsamsten vorankommt? 

„Geduld nicht mehr zeitgemäß? – Weit gefehlt!“

Geduld klingt altmodisch, mühsam und langweilig. Es klingt nicht so, dass man mit Geduld zum Erfolg kommt. Wenn ich nur mal kurz zuschaue, wie beispielsweise in Bruchteilen von Sekunden hyperaktive Menschen mit ruckartigen Bewegungen Millionen-Beträge von einem Konto auf das andere überweisen, wird mir schlecht und es verfestigt sich mein Eindruck: Der wirtschaftliche Erfolg ist nicht geduldig, er ist vor allem schnell.

Kann man so sehen, muss man aber nicht so sehen. Das Wirtschaftsmagazin „brand eins“, das dafür bekannt ist, die üblichen Einsichten und Positionen gegen den Strich zu bürsten, das den Mut zu Perspektivwechseln hat, überschrieb sein Mai-Heft des vergangenen Jahres mit „Stop it! #Geduld“. Und fragte: „Sie glauben, dass Geduld nicht mehr zeitgemäß ist? Und dass alles immer schneller werden muss? Weit gefehlt!“ In vielen Beispielen von geduldigen Managern und langsamen Unternehmensprozessen zeigt das Heft auf, dass nicht hektischer Aktionismus den Erfolg bringt. Unter der Überschrift „Geduldsproben“ schreibt Wolf Lotter: 

„Wer weiß, wo er hinwill, ist bereit, dafür auch länger zu gehen – und nicht nur, wenn die Sonne scheint. Ein Ziel zu erreichen braucht Geduld. Das ist gleichbedeutend mit: die beste Lösung anstreben, nicht irgendeine. Etwas Ganzes. Nichts Halbes.“ (1)

Wolf Lotter ist Wirtschafts-Journalist, daher greift er auch nicht auf biblische Gleichnisse zurück, um seine Thesen von der Geduld zu untermauern. Er verweist beim Thema Geduld auf Studien aus dem Bereich des Sports. Demnach bringen hektische Trainerwechsel im Fußball nachweislich überhaupt nichts. Und auch die Langstrecke im Sport ist selbst bei bester Kondition nicht im Sprint zu bewältigen. 

„Die Geduld ist ein mentales Werkzeug, eine Sammlung von Kniffen, Methoden und Einstellungen, die uns erlauben, schwierige Probleme zu lösen. Für solche Fälle hat die Evolution uns mit Verstand ausgestattet, der greift, wenn sich die Dinge nicht von selbst erledigen. Wer denkt, nimmt sich Zeit. Der Geduldige muss sich bewusst anstrengen und verstehen lernen, warum. Das ist keine Nebenfrage, sondern entscheidend, wenn es darum geht, langfristige Ziele zu verstehen – und unsere Rolle dabei. Wer sich nur am Rande mit Innovationen, Zukunftsgestaltung, Entwicklung, Strategie oder Nachhaltigkeit beschäftigt, müsste eigentlich hier anfangen.“ (2)

Geduld ist verwandt mit der Frage nach Sinn und Zweck

Für Wolf Lotter ist es die Fähigkeit zu differenzieren, die die Geduld ausmacht: Was ist dringend, was wichtig? Dies fällt umso leichter, wenn man sich darüber im Klaren ist, was man eigentlich will, so Lotter. Und hier verweist er auf die, wie er es nennt, „unvermeidliche Verwandtschaft zwischen Geduld, Sinn und Zweck“. Damit zusammen hänge der Wert des Abwartens. Wieder eine Haltung, die schwer in unsere Gesellschaft passe, denn:

„Warten gilt als ungerecht. Wer wartet, ist selber schuld und ganz schön doof. Denn wer wartet, der nimmt billigend in Kauf, dass jemand anderer ihm etwas wegnimmt. Und zwar ganz egal ob wir das nun brauchen oder nicht. Das steht mir zu! Hier haben wir den Haupterreger der Ungeduld, die Gier, den Neid, die Angst, zu kurz zu kommen, und da ist der Durchschnittsbürger im Sozialstaat sich mit dem Turbokapitalisten ganz einig. Man ist verbunden durch das eiserne Band der Anspruchskultur, in der alle alles wollen und einer dem anderen nichts gönnt oder ihm nicht traut. Jeder will ‚seinen‘ Anteil. Sofort.“ (3)

Geduld ist für den Wirtschafts-Journalisten Lotter „ein mentales Werkzeug“, eine Einstellung und ein Erfolgskriterium, auch – und gerade wenn es um die Führung von Unternehmen geht, um weitreichende Entscheidungen über Investitionen oder Personalführung. Das Wirtschaftsmagazin „brand eins“ lässt den Verhaltensökonomen Matthias Sutter zu Wort kommen. Von ihm stammt das Buch „Die Entdeckung der Geduld“. Der heutige Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn legt sich fest: 

„Geduldige (...) sind erfolgreicher als Talentierte. Der kreative Wissensarbeiter kennt seine Ziele. Er arbeitet konzentriert darauf hin. Mit Geduld und Spucke. Beides braucht es.“ (4)

Ausdauer ist nicht passiv sondern tatkräftig 

In der Geduld steckt das Verb „dulden“, manchem wird noch die etwas verstaubte Formulierung vom „Dulder Hiob“ im Ohr sein. Und im Zusammenhang mit Asylverfahren hat das Wort „Duldung“ es wieder in unseren Sprachwortschatz geschafft. Der Duden nennt zwei verschiedene Bedeutungen für „dulden“:

„Erstens: ‚etwas aus Nachsicht fortbestehen lassen, ohne bestimmte Gegenmaßnahmen zu ergreifen‘;
Zweitens: die gehobene Formulierung dafür, ‚etwas Schweres oder Schreckliches mit Gelassenheit ertragen‘.“
(5) 

Der Österreicher Matthias Sutter reklamiert für sich „Die Entdeckung der Geduld“, so jedenfalls der Titel seines vielbeachteten Buchs. Sutter lässt dieses eher passive „dulden“ im Wort „Geduld“ fast völlig außer acht. Geduld ist für ihn etwas sehr aktives, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Er stellt im Interview mit brand eins klar:

„Geduld darf nicht missverstanden werden in dem Sinne, dass man das Schicksal entscheiden lässt. Geduld ist ein tatkräftiges Hinarbeiten auf etwas. Ausdauer ist in diesen Zusammenhängen der bessere Ausdruck.“ (6) 

Geduld ist für Sutter auch eine Führungsqualität. Wer ein guter Chef sein will, muss auch ein geduldiger Chef sein, stimmt er im Interview zu. Jedenfalls darf der Chef seine Ungeduld nicht an seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auslassen. Und was für die Arbeitswelt gilt, trifft in überraschender Weise auch auf den Glauben an Gott zu. Wenn der Psalmist im Alten Testament der Bibel Gott, den „Chef ganz oben“ als „langmütig und reich an Huld“ bezeichnet, ist der Lobpreis eines geduldigen Gottes natürlich auch der dringendste Wunsch: Gott möge sich als geduldig erweisen und mit uns Menschen nicht die Geduld verlieren. Gott ist geduldig, so wird er im Psalm 103 beschrieben. Es ist der Antwortpsalm, der in den Gottesdiensten des heutigen Sonntags gebetet wird. Im Psalm kommt ein weiterer benachbarter Begriff zum Tragen, der so ähnlich klingt: Gott ist nicht nur geduldig, er ist „reich an Huld“:

Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld.
Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.
Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden

und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,

so mächtig ist seine Huld über denen, die ihn fürchten.
So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang,

so weit entfernt er von uns unsere Frevel.
Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt,

so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten
. (Psalm 103, 8-13)

Gott ist „langmütig, reich an Huld“

Auch hier lohnt der Blick in den Duden. Dieser erklärt Huld als „Freundlichkeit, Wohlwollen, Gunstbeweis, den jemand einem ihm gesellschaftlich Untergeordneten [mit einer gewissen Herablassung] zuteilwerden lässt“. Es leitet sich ab von mittelhochdeutsch „hulde“ für Gunst und Wohlwollen  und verweist auf das fast vergessene Adjektiv „hold“, was so viel bedeutet wie günstig, gnädig und treu. (7)

Über die Huld und „einander hold sein“ kommt ein anderer Aspekt bei der Geduld zum Tragen, der für das Bild, das wir uns von Gott machen entscheidend ist: Geduld ist nicht allein eine zeitliche Perspektive, es geht um eine Wahrnehmung, eine Haltung, die dahinter steht. Es geht eben nicht nur um „Aussitzen“, am Fluss zu sitzen und darauf zu warten, bis die sprichwörtlichen „Leichen meiner Feinde“ vorüberziehen. Geduld ist eine positive, zugewandte Haltung. Das bringt auch das Evangelium zum Ausdruck, das in den Gottesdiensten am heutigen Sonntag verlesen wird. 

Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen! (Lukasevangelium 13,6-9)

Wie gesagt: ein guter Chef ist ein geduldiger Chef. Er lässt den Feigenbaum ein viertes Jahr stehen, obwohl er schon drei Jahre keine Früchte mehr trägt. Er folgt dem Rat seines Winzers, denn er weiß: umhauen lassen kann er ihn nur einmal, dann ist der Baum für immer weg, dient bestenfalls noch als Brennholz. Gleichzeitig ist aber Geduld kein Ausdruck von Entscheidungs-Schwäche. Der Mann mit dem Weinberg scheint sehr genau zu wissen, was er will, und ein Mann der klaren Worte zu sein. Das Gleichnis spricht vom Gericht, das wir Christen alle erwarten, und während man aus dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen noch eine Erwiderung auf die Ungeduld heraushört, lobt das Gleichnis vom Feigenbaum, der keine Früchte trägt, die Geduld Gottes mit uns. „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld“ (Psalm 145,8) heißt es in Psalm 145. Da ist es wieder „langmütig und reich an Huld“, das ist unser Glaube. Ein Glaube für Geduldige.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

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Zitate:
(1) - (3) Wolf Lotter, Geduldsproben, in: „Stop it! #Geduld“, brand eins Heft 05, Mai 2018, S. 41
(4) ebd., S.42
(5) nach https://www.duden.de/rechtschreibung/dulden
(6) Martin Sutter, „Aktionismus ist ein Blödsinn“ im Interview mit Nicola Kuhrt in: „Stop it! #Geduld“, brand eins Heft 05, Mai 2018, S. 103
(7) nach https://www.duden.de/rechtschreibung/Huld, https://www.duden.de/rechtschreibung/hold#Bedeutung2


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Dieser Beitrag wurde am 24.03.2019 gesendet.


Über den Autor Stefan Förner

Stefan Förner ist Diplom-Theologe und Pressesprecher des Erzbistums Berlin. Kontakt
Stefan.Foerner@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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