Feiertag, 07.04.2019

von Elena Griepentrog aus Berlin

Vom Wunder der Umkehr - Wie ein Neonazi-Mädchen sein Leben änderte

Heidi Benneckenstein wächst in einer rechtsextremen Familie auf. Ihre Sommer verbringt sie in Ferienlagern der inzwischen verbotenen HDJ – der Heimattreuen Deutschen Jugend. Dort lernt sie, dass es bald Krieg geben wird. Empathie und Individualität spielen keine Rolle, sie erlebt Schläge und eine verschworene Gemeinschaft. Mit 15 Jahren wird sie gewalttätig und straffällig. Das Opfer wird zur Täterin. Doch die erlebte Gemeinschaft und der Stolz, auf der richtigen Seite zu stehen, sind größer als aufkommende Zweifel – zunächst.

Der Kinderausweis mit Foto - es zeigt ein niedliches, kleines, hellblondes Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt. Runde blaue Augen, unschuldiges Lächeln: Heidi Benneckenstein, geboren 1992, aufgewachsen in einem bayerischen Dorf. Der Vater ist angesehener Beamter und Mitglied im Schützenverein, die Mutter eine freundliche, hilfsbereite Frau. Und doch: Die Familie ist anders. Über dem Esstisch hängt statt des Kreuzes ein spezieller Kalender: Kinder in Uniform. Im Regal Bücher wie „Baska und ihre Männer“, ein Buch über die legendäre Wolfshündin im Dienst der Wehrmacht. Biografien von NS-Größen, Bildbände über den zweiten Weltkrieg. Die vier Kinder haben alle altgermanische Namen. Für Heidis Familie existiert bis heute das Deutschland in den Grenzen von 1937. Nach dem Krieg sind die Großeltern einfach Nazis geblieben, der Holocaust sei eine Lüge, sagten sie. Großeltern, Vater, Mutter – alle Nationalsozialisten, Ende des 20. Jahrhunderts. Schon als fünfjährige muss Heidi, eigentlich Heidrun, mit ihren beiden älteren Schwestern ins Ferienlager der so genannten Heimattreuen Deutschen Jugend, kurz HDJ. Die ist nach dem Vorbild der Hitlerjugend aufgebaut. Gegründet 1990, wurde der rechtsextreme Jugendverband 2009 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble verboten. Für Heidi Benneckenstein, heute Mitte 20, sind die Bilder aus dem HDJ-Ferienlager noch immer präsent.

„Es fängt damit an, dass man morgens aufsteht, von einer Fanfare geweckt wird, das geht damit weiter, dass man Frühsport machen muss in kurzen Hosen und im T-Shirt auch bei minus zwanzig Grad, es geht weiter damit, dass eine Stubenabnahme oder eine Zeltabnahme gemacht wird, und wo ganz penibel geschaut wird, ob man aufgeräumt hat, und wenn man nicht aufgeräumt hat, dann muss man Liegestützen machen. Und auch nach dem Frühstück tritt man zur Morgenfeier an, bei der man Lieder singt, die eins zu eins aus der NS-Zeit übernommen worden sind.“

Alles Empathische und Individuelle musste ausgeschaltet werden

Die über 100 Kinder bekommen eine militärische Ausbildung, müssen stundenlange Geländemärsche machen. Die ersten Jahre im Lager der HDJ waren für sie die Hölle, sagt Heidi. Anstand, Kampf und Härte sind die Ideale. Einfühlung in Kinderseelen gibt es nicht, kein Auge wird je zugedrückt, stattdessen: Kasernenhofdrill, Disziplin, auch Schläge. Alles Weiche, Empathische und alles Individuelle soll ausgeschaltet werden. Jungs sollen strategische Kämpfer werden. Die Mädchen Hausfrau und Mutter. Die Kinder begrüßen sich gegenseitig mit „Heil dir“, hören täglich nationalsozialistische Vorträge – es ist das Jahr 2000.

Handys, MP3-Spieler oder Süßigkeiten sind im Lager und in den Familien streng verboten. Alles Moderne oder Amerikanische ist untersagt, Heidi und ihre Schwestern tragen Dirndl oder geflickte Cordhosen, die Haare zu akkuraten Zöpfen geflochten. Jeans sind tabu.

„Das war bei uns zu Hause sehr streng, dass Schlaghosen, T-Shirts, Pullover mit großflächigem Aufdruck absolut verboten waren. (Lachen)….ja, man sich optisch schon sehr unterschieden hat von anderen Kindern.“

Vorbereitung auf einen baldigen Krieg

Die Kinder lernen, dass es bald wieder Krieg geben werde. Noch heute erinnert sich Heidi, dass sie als Siebenjährige oft nicht schlafen kann, aus Angst vor dem Krieg. Überlegt verzweifelt, wo sie Nahrungsmittel deponieren könnte. Ob die Kellerwände die Bomben aushalten werden.

Prügelbeziehen vom Vater ist für Heidi und ihre Schwestern ganz normal. Wenn er sich ein Kind vornimmt, müssen die anderen zusehen. Früh lernt sie, dass es geheim bleiben muss, ihr spezielles Familienleben, die Ferienlager, die als Pfadfinderlager getarnt werden. Das Weihnachtsfest, das ausfällt, stattdessen feiert die Familie das heidnische Julfest. Die Gewalt. In der Schule scheint niemand ihren seelischen Stress zu sehen. Sie ist ängstlich, schüchtern, verliert sich in Tagträumen. Und ist schlecht in ihren Leistungen.

Das Umfeld der HDJ ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die Teilnahme an den Lagern für die Mitglieder Pflicht. Bei ihren geheimen, streng abgeschirmten Lagern sollen sie zu einer nationalen Elite aufgebaut werden. Viele Eltern sind Akademiker, auch Professoren-Kinder sind dabei. Jeder kennt jeden, man heiratet untereinander. In der HDJ-Szene ist der Nationalsozialismus keine jugendliche Rebellion gegen Eltern und Gesellschaft. Sondern eine frühkindliche Besetzung jeder Gehirnzelle, jeder Faser des Körpers, jeden Winkels der Seele. Wie in einer Sekte. Und wie in einer Sekte steigt kaum jemand wieder aus ihr aus.  

Auch die junge Heidi ist gefangen im Nazi-Umfeld. Als sie zehn ist, lassen sich ihre Eltern scheiden, sie bleibt zunächst bei der Mutter.

„Da hatte ich da zum ersten Mal die Möglichkeit, Abstand zu meinem Vater, zu diesem großen Einfluss, den der hatte, zu gewinnen. Und konnte dann da auch so ein bisschen raus und ganz normaler Jugendlicher sein, und da kamen schon die ersten Zweifel. Aber ich glaube tatsächlich, dass der Einfluss trotzdem noch so groß war, dass ich irgendwie dachte, ich muss ihm jetzt beweisen, dass ich ja doch irgendwie nicht so blöd bin und doch irgendwie was hinbekomme. Und bin dann aus freien Stücken zurück in die Szene und hatte dann auch wieder mehr Kontakt mit ihm, er hat mich natürlich darin bestärkt, hat mich auf Nazi-Konzerte gehen lassen, die er selbst auch veranstaltet hat, um mich da irgendwie dran zu binden. Zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Zweifel, überhaupt nicht, da habe ich so eine Aufgabe da gehabt und hab mich da so aufgehoben gefühlt, dass da überhaupt keine Zweifel aufkamen.“ 

Das Wir-Gefühl und der Stolz

In der Schule ist Heidi nun aggressiv und respektlos, bekommt die Diagnose ADS – das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Zu Hause gibt es viel Streit zwischen dem Vater und der pubertierenden Heidi. Und dennoch bleibt sie voller Hochachtung für ihn, den Anführer.

Gerade so schafft Heidi ihren Hauptschulabschluss, zieht dann wieder zur Mutter. Beginnt eine Ausbildung auf einer Hotelfachschule. Zum ersten Mal hat sie ganz normale Freunde. Die abends ins Kino gehen, ab und zu etwas trinken, fernsehen. Eine Zeit lang ist alles gut. Dann fängt Heidi an, sich zu langweilen. Sie trinkt viel. Sie will nicht einfach vor sich hinleben und ein bisschen Spaß haben. Es fehlt ihr „der Kampf, Rebellion, ein Ziel“. Und sie vermisst damals, „den tieferen Sinn, ein Gefühl für Identität, Tradition und Herkunft. Wo waren der Mut und der Stolz auf die eigene Familie, die deutsche Sprache, das deutsche Volk und die deutsche Kultur geblieben?“ Nun sucht Heidi selbständig die Nähe zur NPD, tritt mit gerade 14 Jahren in die Junge Nationale ein, die Jugendorganisation der NPD. Mit ihren Kameraden reist sie zu rechtsradikalen Demonstrationen, quer durch Deutschland. Das Wir-Gefühl ist groß. Der Stolz ebenso, sie fühlt sich als Auserwählte, als Teil einer Elite. Mit Feuereifer demonstriert sie gegen die USA, gegen Juden, Pädophile, aber auch gegen Kapitalismus, moderne Selbstverwirklichung und die bürgerliche Konsumgesellschaft. Sie macht Wahlkampf, verteilt Flugblätter in der Fußgängerzone. Für Ernsthaftigkeit statt einer Spaßgesellschaft.

Mit 15 Jahren dann der Dammbruch: Auf einer Demonstration gerät sie mit einer jungen Punkerin aneinander. Es ist eine ernsthafte Prügelei. Als ein Polizist sie festnehmen will, schlägt sie wie von Sinnen auch auf ihn ein. Sie bekommt die erste Anzeige wegen Körperverletzung, die Regionalzeitung berichtet. In der Szene wird sie als Heldin gefeiert. Immer wieder mal prügelt sie nun: verhasste Punks, Linke, Fotografen.

Aus dem Opfer wird die Täterin

Aus dem Opfer Heidi ist die Täterin Heidi geworden. Opfer und Täterin zugleich. Wie viel Verantwortung hat eine 15jährige, aufgewachsen in diesem Umfeld?

Die christliche Theologie kennt zwei Kategorien von Schuld. Die erste ist die Schuld im Sinne von Mangel, lateinisch „debitum“: Niemand ist vollkommen, wir leben nicht im Paradies. Viele wollen eigentlich etwas Gutes, und doch neigt der Mensch zum Schlechten. Dies ist sozusagen eine ererbte Schuld, sie gehört zum Menschsein. Jeder bleibt irgendjemandem etwas schuldig. Und jedem wird etwas von anderen Menschen vorenthalten, manchem mehr, anderen weniger. Die zweite Kategorie ist die persönliche Schuld, lateinisch: culpa. Die Schuld, die man aus eigener Verantwortung trägt. Nicht immer jedoch lassen sich diese beiden Kategorien klar trennen. Viele Ältere haben sie selbst noch am eigenen Leib erlebt, diese Schwarze Pädagogik. Haben erfahren, wie ein erlittener starker Mangel an Zärtlichkeit und Wärme in der Kindheit, ein Übermaß an Härte, dazu führen kann, dass man selbst anderen gegenüber hart wird, unbarmherzig, vielleicht sogar gewalttätig. Wie leicht man dann vom Opfer zum Täter werden kann. Täter und Opfer.

Doch trotz ihrer eigenen Gewalt: Die junge Heidi hält an ihren Werten fest, an den erlernten Idealen aus der Zeit der HDJ. Den Manieren, dem Familienideal, der Solidarität unter Gleichgesinnten. Irgendwann wird ihr bewusst, dass viele Anführer sich anders verhalten, als sie es im HDJ-Lager gelernt hat. Statt Selbstdisziplin und strenger Moral häufig Saufgelage, primitive Parolen und Schlägereien. Die Zweifel wachsen.

„Die Zweifel waren gar nicht an der Ideologie am Anfang, sondern was läuft in der Szene eigentlich falsch, warum leben die Leute nicht so, wie es doch eigentlich im NS gedacht ist. So wie ich das zum Beispiel in der HDJ auch gelernt hatte, wie man sich eigentlich verhalten müsste, wie man leben müsste. Und über diese Zweifel an den Leuten kommt dann irgendwann der Zweifel an der Ideologie.“

Die Ideologie ist stärker als der Zweifel - noch

Doch noch ist er nicht stark genug, der Zweifel. Heidi hält sich selbst einfach für den besseren Nazi. Bis sie wieder kommen, die nagenden Fragen. Und wieder.

„Es gab halt eben nicht dieses Schlüsselerlebnis, wo ich gesagt habe, so jetzt ist Schluss, sondern über Jahre gab es diese Zweifel, sie sind stärker geworden, dann habe ich eben wieder die Zweifel beiseite geschoben, habe für alles irgendwie eine Erklärung gefunden, habe mich dann wieder so engagiert, dass überhaupt keine Zweifel aufkommen konnten. Die Ideologie leitet das alles weiter. Ja, die Ideologie ist da der Leitfaden für alles.“

Das Gefährliche an jeder Ideologie - ob Nationalsozialismus, Linksextremismus, Islamismus - ist wohl: Wenn man aufhört, selbständig zu denken. Wenn man unmündig Parolen und Weisheiten nachplappert, ohne sie erwachsen zu hinterfragen. Und wenn man nur noch mit Seinesgleichen zusammen ist. Selbst edelste Gedanken können dann zur Ideologie werden.

Mit 18 Jahren hat Heidi Benneckenstein ihr ganzes bisheriges Leben in einem rechtsradikalen Umfeld gelebt. Ihre Familie, ihre Freunde, ihre Bekannten, alle teilen das gleiche Weltbild, wenn man so will: den gleichen Glauben. Heidi hört rechtsradikale Musik, geht auf rechtsradikale Konzerte und Demonstrationen, liest rechtsradikale Schriften. Das Nazi-Weltbild ist ein großer Teil ihrer Identität. Wer sie ohne dieses Weltbild ist, weiß sie nicht. Und doch: Die Zweifel kommen wieder. Erlebnisse vertiefen den Riss: So wie der Kamerad, der wegen eines Irokesenschnitts zusammengeschlagen wird, von den eigenen Leuten. Sie lernt den rechtsextremen Liedermacher Felix Benenneckenstein kennen. Auch er denkt längst an einen Ausstieg aus der Szene. Sie wird schwanger. Überlegt mit Felix, ob sie dieses Kind wirklich nationalsozialistisch aufziehen will. Nein – das wollen sie beide nicht! Dann: eine Fehlgeburt. Heidi ist nun alles egal. Alles, was sie gelernt und gelebt hat, ihre eigene Kindheit und Jugend, kommt ihr lächerlich vor. Die Ideologie wie eine Kompensation für nicht gelebtes Leben. Doch ein Ausstieg ist nicht einfach möglich. Die rechtsradikale Szene sei wie ein Krake, sagt Heidi Benneckenstein.

„Die Krakenarme waren zum Beispiel die Freundschaften oder die Kameradschaften, die man in der Szene hatte. Also, als wir uns schon abgewandt hatten, gab es immer noch die Anrufe von Freunden, hey, wollen wir uns mal auf ein Bier treffen, und wir haben da noch eine Einladung zur Hochzeit bekommen, diese Gemeinschaft ist da schon sehr eng, und es ist wirklich schwierig auszubrechen und sich da auch so rauszuschleichen, weil man ja nicht so sagen kann, ach übrigens, Leute, ich bin ausgestiegen. Das würden die nicht zulassen.“ 

Die Gefängnisstrafe bringt den nötigen Abstand

Gleichzeitig fühlt Heidi, wie ihre Identität zusammen bricht. Die gemeinsamen Rituale, die Gemeinschaft, die Freunde, alles weg. Noch schlimmer allerdings: ihre eigene Biografie. Sie ist nicht auf einmal gelöscht, stellt Heidi fest. Und ausgerechnet rechtsextreme Kameraden sind es, die Geld für sie sammeln - als Felix und sie in akuter Geldnot sind. Es ist ein Teufelskreis. Ausgerechnet ihre Schulden kommen Heidi und Felix schließlich zur Hilfe.

Zum Glück muss man im Nachhinein sagen, haben sich in dieser Zeit, in der wir eben sehr wenig Geld hatten, einige Geldstrafen angehäuft, die wir nicht bezahlen konnten, und der Felix musste dann in Haft, um diese Geldstrafen abzusitzen. Dieser Abstand, den er dann hatte, der hat uns wirklich gut getan und wir konnten dann beide, er im Gefängnis und ich zu Hause, da nochmal Abstand bekommen und neue Pläne für unser Leben machen. Und nachdem er aus dem Knast, aus dem Gefängnis entlassen wurde, haben wir uns dann sehr schnell an Stellen gewandt, die uns eben beim Ausstieg helfen, so wie EXIT.“

EXIT ist eine professionelle Organisation, die jungen Rechtsextremisten beim Ausstieg aus der Szene hilft.

Der erste Schritt für Heidi und Felix ist, ein Grundgerüst für das Leben aufzubauen: wieder eine richtige Wohnung zu haben, Arbeitslosengeld, beide holen einen Schulabschluss nach. Heidi beginnt eine Ausbildung zur Erzieherin, sie verdient Geld, wenig, aber es ist das eigene. Nun geht der Ausstieg schnell. Und psychisch halbwegs erträglich. 

„Dadurch, dass der Prozess so schleichend war, gab es diese riesige Leere zum Glück nicht. Ich glaube aber, dass es tatsächlich für manche schwieriger ist. Diese Leere dann auszufüllen. Man muss dazu sagen, dass ich ja meinen Mann hatte, mein Mann mich, dass wir da die Möglichkeit hatten, uns gegenseitig auszutauschen und nicht allein waren. Viele Aussteiger steigen ja aus und haben erstmal keine Freunde mehr und müssen sich ein komplett neues soziales Umfeld aufbauen, vielleicht ist dann noch der Kontakt zur Familie schlecht, das ist für andere schon deutlich schwieriger als für uns.“

Unschuldig schuldig!

Heidi Benneckenstein lebt heute mit ihrem Mann Felix und dem kleinen Sohn ein normales Leben. Sie ist eine eher große junge Frau mit langen blonden Haaren, bevorzugt in Jeans und Sneakers unterwegs. Heidi liebt ihre Arbeit als Erzieherin. Mit ihrem Vater, ihren beiden älteren Schwestern und den Großeltern hat Heidi keinerlei Kontakt mehr. Doch die Vergangenheit bleibe in ihr, als Teil ihres Lebens, sagt sie. Als Kind sei sie vor allem Opfer gewesen, Opfer einer unmenschlichen Erziehung. Als Jugendliche jedoch, als sie selbständig und aktiv die Szene gesucht hat, sei sie selbst schuldig geworden. „Unschuldig schuldig, in die rechte Ecke hineingezwängt, aber eben doch: ein Nazi.“ - so beschreibt es Heidi selbst. Täter und Opfer zugleich – da ist es schwer, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Sich selbst zu verzeihen. Sich auch mit seiner Familiengeschichte auszusöhnen.

Es ist eine Urerfahrung der Menschheit, - die Verstrickung von Menschen in Schuld. Viele Kulturen haben deshalb Rituale entwickelt, um sich selbst und die Gemeinschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen - von der Inka-Kultur über den Taoismus in Asien bis zu den Ureinwohnern Hawaiis. Dort heißt das traditionelle Vergebungs- und Aussöhnungsverwahren Ho?oponopono, übersetzt etwa: „in Ordnung bringen“. Im Judentum ist der höchste Feiertag der Jom Kippur – die Aussöhnung mit Gott und untereinander. Beinahe überall geht es darum, die Seele zu reinigen. Von der eigenen Schuld losgesprochen zu werden. Und in der Folge dann den Schaden möglichst wieder gut zu machen.

Heidis Buch wird zur Beichte

Auch im Christentum gibt es schon seit der Antike das Ritual der Ohren-Beichte. Der Schuldiggewordene kann sich einmal alles von der Seele reden, nichts davon dringt nach außen. Die Schuld hört auf, einem die Luft abzuschnüren. Wer seine Tat oder sein Unterlassen ernsthaft bereut, der wird in der Beichte von der Schuld losgesprochen. Für viele ist damit das Gefühl einer Wieder-Ganz-Werdung verbunden, einer Heilung an Leib und Seele.

Heidi Benneckenstein hat eine andere Art der Beichte gewählt, sie hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben: „Ein deutsches Mädchen – Mein Leben in einer Neonazi-Familie“. Darin stellt sie sich auch der eigenen Verantwortung: die Gewalt, die Selbstüberhöhung, die kalte Ideologie. Es ist ein nüchternes, beschreibendes Buch. Nichts ist aufgebauscht, nie lamentiert sie über die Umstände, in die sie hinein geboren wurde, in ihren Gefühlen bleibt Heidi sparsam. Und doch ist es zu spüren: Die unglaubliche Befreiung eines Menschen. Das Wunder einer Umkehr.

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden,
Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 07.04.2019 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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