Morgenandacht, 11.03.2019

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Gesicht wiedererlangen

Ich gehe zur Physiotherapie und treffe eine neue Mitarbeiterin. Sie empfängt mich sehr freundlich. Ich reiche ihr die Hand zur Begrüßung, aber sie erwidert nicht. „Ah, vermutlich Hygienevorschriften!“, denke ich mir. Als wir im Behandlungsraum sind, sagt sie: „Sie haben vermutlich schon bemerkt, dass ich blind bin.“ Ach so, deshalb also kein Händedruck! Nein, hatte ich nicht bemerkt. Ich lege mich auf die Behandlungsbank und vertraue meinen Rücken ihren Händen an. Vorsichtig tastet sie Wirbel für Wirbel ab, streicht mit kunstvoll feinen Zügen über das ganze Areal und erklärt mir nach wenigen Augenblicken messerscharf, wo mein Problem liegt. Alle Achtung, denke ich mir – allein durch Fingerspitzengespür. Nach der Behandlung bittet sie mich, ihre Hand auf meinem Therapiezettel zu dem Punkt zu führen, wo sie unterschreiben muss. Als ich nach Hause gehe, denke ich aber gar nicht so sehr an die Defizite des Blind-Seins, sondern mehr daran, wie viel Vertrauen die junge Frau mir als völlig Unbekanntem geschenkt hat! Blindes Vertrauen. Ich bewundere sie.

Gleichzeitig ist mir natürlich klar, dass die junge Frau ihre Situation möglicherweise alles andere als bewundernswert empfinden mag. Sie erzählt mir, dass sie bis zum Alter von 11 Jahren gesehen hat. Dann die Erkrankung. Ich stelle mir ihre Trauer vor darüber, so vieles nicht mehr in gleicher Weise erleben zu können, ihren Schmerz über manche Ausgrenzung. Und da gab und gibt es sicher auch immer wieder die Hoffnung, ob nicht noch ein Wunder geschehen könnte. Ein Wunder wie in der biblischen Geschichte vom blinden Bartimäus: Ein blinder Bettler, der am Straßenrand sitzt und erfährt, dass Jesus gerade vorbei geht, und daraufhin beginnt, ununterbrochen nach diesem Jesus zu rufen. Man regt sich auf über sein Geschrei und befiehlt ihm zu schweigen. Aber Jesus lässt ihn herrufen und fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Der Blinde antwortete: „Ich möchte sehen können.“ (Mk 10,51) Dieses „sehen können“ heißt im griechischen Urtext: Ich möchte „aufblicken“ können. Man könnte auch übersetzen: Ich möchte mein Gesicht wieder erhalten. Das meint so viel wie: Ich möchte nicht länger am Straßenrand sitzen und betteln, ich möchte wieder am Leben teilhaben und auch von den anderen gesehen, nicht übersehen werden.

Mein Gesicht wahren – das hat viel mit Würde zu tun. Im Lauf der Erzählung entdeckt Bartimäus seine Würde wieder! Das beginnt eigentlich schon damit, dass er sich laut bemerkbar macht, dass er nicht locker lässt. Es geht weiter damit, als er vom Straßenrand in die Mitte, also zu Jesus geholt wird. Schluss mit der Ausgrenzung! Und schließlich mündet das Geschehen in der Zusage Jesu: Geh, dein Glaube hat dich gerettet! (Mk 10, 52) Glaube – das griechische Wort dafür lautet pistis. Da steckt ganz viel Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht drin: sich nicht hängen lassen, sondern Mut haben. Eigentlich besteht genau darin das Wunder: im unerschütterlichen Vertrauen des Bartimäus, das ihm sein Gesicht wieder gibt.

Und meine Physiotherapeutin? Sie hat mir durch ihr Verhalten den Eindruck vermittelt, dass sie ihr Gesicht sehr wohl wieder gewonnen hat. Das bedeutet nicht, dass ihr Leben  nicht auch oft eingeschränkter wäre. Aber es bedeutet, dass sie in Würde am Leben teilhat, dass sie ein Gesicht hat – und vielen Menschen viel Gutes tut trotz ihrer Einschränkung. Daher bewundere ich sie. Nicht alle Wünsche erfüllen sich im Leben, aber wenn sich trotz unerfüllter Wünsche neue Wege auftun, dann ist das in meinen Augen wunderbar!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 11.03.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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