Morgenandacht, 02.02.2019

von Dr. Peter-Felix Ruelius aus Schlangenbad-Georgenborn

Kleine und große Träume

Jeder Traum ist es wert, dass er festgehalten wird. Ich bin am Ende einer Ausstellung angekommen, die derzeit in Rom stattfindet. Eine Ausstellung über die Begegnungen von Traum und Kunst. Beim Ausgang werden alle Besucher eingeladen, ihre ganz persönlichen Träume auf einem farbigen Post-it-Zettel zu notieren und sie an eine große Wand zu heften. „Jeder Traum ist es wert, dass er festgehalten wird“. So lautet die Aufforderung. Schon wenige Tage nach Eröffnung der Ausstellung ist diese Wand mit hunderten Zetteln übersät. Was ich dort lese, ist ein vielfarbiges Panorama von menschlichen Träumen und Wünschen.

„Ich möchte Sängerin werden. Ich träume von einem langen Leben mit Glück, Liebe und Gesundheit. Ich will noch viel Zeit mit dir verbringen. Ich träume von Freiheit und Frieden. Ich träume davon, im nächsten Juli meine Prüfungen zu schaffen. Mein Traum ist es, die Liebe zu finden. Glücklich zu sein ist die mutigste Entscheidung, die wir jeden Tag treffen. Mein Traum ist es, Pilot zu werden.“

Mich berührt die Vielfalt der hier aufgeschriebenen Träume. Aber auch die Tatsache, dass so viele Menschen in diesem öffentlichen Ausstellungsraum etwas von sich mitteilen, lesbar für alle Welt.

Nun ist Rom gewiss eine Stadt, in der mir mehrere Orte einfallen, an denen man Wünsche loswerden kann oder auch seinen Träumen einen Raum geben kann. Die fast nicht zählbaren Kirchen und Kapellen und darin die unzähligen Altäre, vor denen man Kerzen anzünden kann - das sind ja letztlich auch Traumorte – oder Orte, an denen man allem Raum geben kann, was gerade das Herz bewegt. Und die Bücher, in denen man in den Kirchen seine Anliegen aufschreiben kann: Auch sie sind Orte für die Sehnsucht.

Aber halt: Dort wird ja gebetet. Dort haben die Träume, Sehnsüchte, Anliegen und auch das Leid eine Adresse. Dort richtet man sich an Gott und hinterlässt nicht nur einen beschriebenen Zettel an der Wand einer Ausstellung. Das ist doch etwas ganz Anderes. Ich meine, man kann das Gebet der Menschen nicht mit einer Mitmachaktion im Museum vergleichen.

Einerseits.

Andererseits: Wenn ein Mensch sich in einer Ausstellung eine Stunde oder länger mit der Welt seiner eigenen Träume beschäftigt hat - kann man da ausschließen, dass es ihm auch wirklich ernst ist mit dem, was er dort niederschreibt? Und auf der bunten Wand der Ausstellung entsteht auch so etwas wie eine Gemeinschaft von Menschen, die ihre Träume, Sehnsüchte und Anliegen teilen. Jeder Traum verdient es, dass er festgehalten wird.

Natürlich: Man kann auch sagen, Gott kennt ja alle Anliegen der Menschen ohnehin, ohne dass sie sie aufschreiben, ohne dass sie sie formulieren und auch ohne, dass sie eine Kerze anzünden.

Doch wenn man überzeugt ist, dass auch Orte notwendig sind, an denen Menschen ihre Anliegen und ihre Sehnsucht zum Ausdruck bringen: Wer könnte behaupten, dass Gott nicht auch den Weg in eine Ausstellung findet und sieht, was Menschen dort von ihren Träumen und ihrer Sehnsucht geteilt haben?

Die Kirche feiert heute das Fest „Darstellung des Herrn“ – im Volksmund auch „Mariae Lichtmess“ genannt. Früher markierte es den Abschluss der weihnachtlichen Zeit. Dieses Fest erzählt auch von einem großen Traum und der Sehnsucht eines alten Mannes. Dieser Mann heißt Simeon. Er lebte viele Jahre in der Überzeugung, dass seine Augen den Erlöser sehen werden, den Retter Israels und das Heil der Völker. Beim üblichen Reinigungsritual nach der Geburt kommt es im Tempel tatsächlich zu der Begegnung zwischen dem jungen Jesus und dem greisen Simeon. Davon berichtet die Bibel.

Für mich ist das heute darum ein Tag, in dem man sich selbst einschwingen kann in die Bewegung der großen und der kleinen Träumenden, in die Bewegung der Sehnsucht und der Hoffnung, die nicht aufhört, solange Menschen leben. Denn: „Jeder Traum verdient es, dass er festgehalten wird.“

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 02.02.2019 gesendet.


Über den Autor Peter-Felix Ruelius

Dr. Peter-Felix Ruelius, geboren 1964, ist Theologe und leitet den Zentralbereich Christliche Unternehmenskultur und Ethik bei der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier e.V.). Als Supervisor und Coach begleitet er Menschen in ihren beruflichen Herausforderungen. Vorher war Peter-Felix Ruelius fünfzehn Jahre Religionslehrer in Fulda und arbeitete mehrere Jahre in der Lehrerfortbildung. Was hilft ihm bei der Vermittlung des Glaubens - auch in schwierigem Kontext? Das Studium? Die Erfahrung? Auch. Aber vor allem: Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, möglichst viel Geduld und das wache Beobachten der Welt um ihn herum. Überall sind Spuren der Sehnsucht, der Hoffnung, des Glaubens; Gott macht für uns im Buch dieser Welt dauernd Notizen, und diese Notizen sind lesbar! Manches davon findet sich in den Radiotexten wieder.

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