Morgenandacht, 01.02.2019

von Dr. Peter-Felix Ruelius aus Schlangenbad-Georgenborn

Klugheit und Weisheit

Vor wenigen Jahren begann ein Buch seinen Weg auf die Bestsellerlisten: „Das geheime Leben der Bäume“. Viele haben gelernt, dass Bäume mehr sind als Holzlieferanten. Viele konnten sich einlassen auf eine Haltung des Staunens vor der komplexen Wirklichkeit der Bäume.

Die Bibel enthält eine sehr kurze Erzählung, in deren Mittelpunkt ein Baum steht. Je öfter ich sie lese und darüber nachdenke, desto reicher wird diese Geschichte. Auf den ersten Blick geht es nur um eine Entscheidung über einen vermeintlich nutzlosen Baum. Aber auf den zweiten Blick erzählt Jesus hier aber eine Geschichte vom wesentlichen Unterschied zwischen Klugheit und Weisheit. Da heißt es:

 „Ein Mann hatte einen Feigenbaum, der war in seinem Weinberg gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: „Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?“ Der Winzer erwiderte: „Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.“ (Lk 13, 6-9, EÜ; V 6a eigene Übs.)

In dieser biblischen Geschichte regiert auf den ersten Blick eine einfache Logik: Ein Baum, der keine Früchte trägt, hat keinen Nutzen. Dort wo das Wasser knapp ist und der Boden karg, wirkt ein Feigenbaum in einem Weinberg erst einmal wie ein Luxus. Und die Frist von drei Jahren ist auch lang genug, um zu sehen, ob noch etwas draus wird. Der Besitzer des Weinbergs hat genug. Der Baum muss weg.

Und nun wird der Winzer zum Anwalt: Er sagt nicht warum; aber ihm liegt an dem Feigenbaum. Gut möglich, dass er seinen eigenen Nutzen im Blick hat. Den Schatten für heiße Tage. Vielleicht sieht er aber auch tiefer als der Besitzer. Vielleicht ahnt der Winzer, dass der Feigenbaum einer der am tiefsten wurzelnden Bäume ist. Heute wissen wir: Auf ihrer Suche nach Wasser dringt die Wurzel des Feigenbaums tief in harte Schichten des Bodens vor. Durch das immense Wurzelwerk schützt der Feigenbaum vor Erosion. Hier hat der Winzer dem Besitzer offensichtlich etwas voraus. Sein Interesse ist nicht der kurzfristige Ertrag, sondern das ganze System. Der kaufmännischen Klugheit des Besitzers steht die nachhaltige Weisheit des Winzers gegenüber.

Ich erzähle diese Geschichte in Seminaren mit Führungskräften und frage regelmäßig danach, was sie mit dem Handeln von Führungskräften zu tun haben könnte. Ohne Zögern können viele ihre Erfahrungen dazulegen, die sie mit Mitarbeitenden gemacht haben. Es gibt Mitarbeitende, die Kraft und Nerven kosten: Und man weiß nicht, warum man noch mit ihnen Geduld hat. Dann lautet oft das Fazit: Das bringt doch alles nichts! Aber jeder kennt in sich selbst oder in seinem Verantwortungsbereich auch die andere Stimme: die Stimme der Geduld, der Nachgiebigkeit, des Ertragens. Jemand bekommt noch eine Chance. Es gibt noch einen Versuch, noch ein Gespräch. Und jeder kennt die notvolle Schwierigkeit, zwischen den Erwartungen aller Beteiligten die richtigen Wege und die richtigen Grenzen zu finden.

Mich spricht diese kurze Erzählung der Bibel so an, weil sie offen ist für die ganze Bandbreite menschlicher Entscheidungen. Es gibt nicht immer nur Gut und Böse. Es gibt hier keinen, der Recht hat. Die Erwartung von Früchten am Feigenbaum ist plausibel und klug. Das Eintreten des Winzers für den Feigenbaum empfinde ich als sympathisch, weil es eventuell weiser ist.

Am Ende kann nur ein Ratschlag bleiben: Manchmal kann es sein, dass das oberflächlich Nutzlose letztlich einen Nutzen für das Ganze hat. Einen Nutzen, den ich jetzt noch nicht kenne. Und vielleicht hat dieses oberflächlich Nutzlose genau deswegen einen zweiten Blick und eine weitere Chance verdient.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 01.02.2019 gesendet.


Über den Autor Peter-Felix Ruelius

Dr. Peter-Felix Ruelius, geboren 1964, ist Theologe und leitet den Zentralbereich Christliche Unternehmenskultur und Ethik bei der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier e.V.). Als Supervisor und Coach begleitet er Menschen in ihren beruflichen Herausforderungen. Vorher war Peter-Felix Ruelius fünfzehn Jahre Religionslehrer in Fulda und arbeitete mehrere Jahre in der Lehrerfortbildung. Was hilft ihm bei der Vermittlung des Glaubens - auch in schwierigem Kontext? Das Studium? Die Erfahrung? Auch. Aber vor allem: Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, möglichst viel Geduld und das wache Beobachten der Welt um ihn herum. Überall sind Spuren der Sehnsucht, der Hoffnung, des Glaubens; Gott macht für uns im Buch dieser Welt dauernd Notizen, und diese Notizen sind lesbar! Manches davon findet sich in den Radiotexten wieder.

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