Morgenandacht, 31.01.2019

von Dr. Peter-Felix Ruelius aus Schlangenbad-Georgenborn

Am roten Teppich

Januar und Februar, das ist die Zeit der roten Teppiche: Die Golden Globes haben den Anfang gemacht; der deutsche Filmpreis kommt im Februar, die Berlinale steht an, heute ist der deutsche Fernsehpreis an der Reihe und schließlich dann der „Academy Award“, der Oscar. Jedes Jahr von neuem mit riesigem Aufwand betriebene Shows. Und jedes Event hat seinen „roten Teppich“. Auf diesen Metern laufen die Stars – und dass sie auf dem roten Teppich laufen, ist das deutlichste Zeichen für die Zugehörigkeit zur Welt der Schönen und Reichen.

Ich denke mich hinein: Fans belagern schon stundenlang vor dem Event den „roten Teppich“. Ich stelle mir vor, ich stehe auch dabei. Warte. Stundenlang. Warum eigentlich? Einen Blick von einem Star zu bekommen? Oder ihn nur von Ferne zu sehen? Und vielleicht gehen mir Gedanken durch den Kopf: Wer bin ich denn, dass ich mit denen etwas zu tun haben könnte, die da über den roten Teppich gehen? Reichtum und Schönheit stehen im Kontrast zu meiner eigenen Durchschnittlichkeit, die ich heute vielleicht besonders empfinde.

Rote Teppiche gibt es als Laufstege der Privilegierten zwar erst seit gut hundert Jahren – aber niemand soll sagen, dass es früher keinen „Starkult“ gegeben hätte. Immerhin erzählt die Bibel auch von den Menschenaufläufen, die regelmäßig dazugehören, wenn Jesus von Nazareth auftaucht und auftritt. Rechts und links vom Weg, auch wenn darauf kein roter Teppich liegt, ein undurchdringliches Gewühl von Menschen, die um die besten Plätze rangeln. Die Großen oder die mit den kräftigsten Ellbogen haben unbestreitbar einen Vorteil. Wer bekommt den besten Blick auf die Prominenz?
Die Bibel erzählt dazu folgende Geschichte:

„Jesus kam nach Jericho und ging durch die Stadt. Und siehe, da war ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war reich. Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei, doch er konnte es nicht wegen der Menschenmenge; denn er war klein von Gestalt. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben. Da stieg Zachäus schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Und alle, die das sahen, empörten sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.“ (Lk 19,1-7)

So steht es im Lukasevangelium. Dieser Zachäus ist offensichtlich in mehrerer Hinsicht klein. Körperlich, aber auch moralisch. Verhasst, weil er einer von denen ist, die Macht haben und sie gemein ausnutzen. Wenn er auf einen Baum klettert, wird er erst einmal nicht größer, sondern lächerlich.

Dass schließlich aus der bloßen Neugier eine Begegnung wird, liegt an zwei Besonderheiten. Der hier über den roten Teppich läuft, ist eben kein Star, dem es darum geht, Blitzlichtgewitter und Applaus zu genießen. Der hier über den roten Teppich geht, ist auf der Suche nach Menschen. Und zwar nicht nach denen in der ersten Reihe.

Die zweite Besonderheit: Zachäus, der wegen der Menschenmenge auf einen Baum steigt, will vielleicht erst einmal nichts anderes als die Gaffer in der ersten oder zweiten Reihe. Irgendetwas in ihm ist aber bereit, sich finden zu lassen. Irgendwie will er es zu tun bekommen mit dem, der wie ein Star durch die Stadt kommt. Und – so berichtet es die Bibel weiter – Zachäus ändert sein Leben. Er gibt ihm eine völlig neue Richtung, nachdem es zur Begegnung mit Jesus gekommen ist.

Meine Gedanken am roten Teppich: Es kann sein, dass das Großartige im Leben tatsächlich mich meint. Es kann sein, dass ich vom Leben gemeint bin. Dass es nicht an mir vorbeiläuft, sondern dass es mich mitnimmt, dass es mich groß sein lassen will. Dann heißt es: verstecke dich nicht vor dem Leben. Nimm die Chance wahr, berührt zu werden. Nimm das Leben bei dir auf. Und rechne damit, dass es dich verändern wird.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 31.01.2019 gesendet.


Über den Autor Peter-Felix Ruelius

Dr. Peter-Felix Ruelius, geboren 1964, ist Theologe und leitet den Zentralbereich Christliche Unternehmenskultur und Ethik bei der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier e.V.). Als Supervisor und Coach begleitet er Menschen in ihren beruflichen Herausforderungen. Vorher war Peter-Felix Ruelius fünfzehn Jahre Religionslehrer in Fulda und arbeitete mehrere Jahre in der Lehrerfortbildung. Was hilft ihm bei der Vermittlung des Glaubens - auch in schwierigem Kontext? Das Studium? Die Erfahrung? Auch. Aber vor allem: Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, möglichst viel Geduld und das wache Beobachten der Welt um ihn herum. Überall sind Spuren der Sehnsucht, der Hoffnung, des Glaubens; Gott macht für uns im Buch dieser Welt dauernd Notizen, und diese Notizen sind lesbar! Manches davon findet sich in den Radiotexten wieder.

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