Morgenandacht, 30.01.2019

von Dr. Peter-Felix Ruelius aus Schlangenbad-Georgenborn

Wie Trennung gelingt

Am 30. Januar 1969 steht in der Savile Row in London der Verkehr still: Auf dem Dach des Studiogebäudes steigt das letzte Live-Konzert der Beatles. Heute vor genau 50 Jahren. Dieses letzte Konzert steigt – ohne dass es Karten oder Werbung gibt. Wer vorbeikommt, bleibt stehen oder versucht, auf ein Dach in der Nachbarschaft zu kommen. Dem einen oder anderen wird es schon gedämmert haben: Hier erlebt man zum letzten Mal die Beatles bei einem Live-Auftritt.

Was noch einmal nach Harmonie aussah, war schon längst ein Punkt in einer Abwärtsspirale. „Let it Be“: So hieß später das Album, auf dem das so genannte „Rooftop-Konzert“, das Konzert auf dem Dach, verewigt wurde. Let it be - das traf es: Du kannst nicht aufhalten, was ohnehin geschieht. Paul McCartney hat es später einmal auf den Punkt gebracht: Die Beatles hatten sich selbst verlassen.

Trennungen gehören tragischerweise zum Leben. Glanzpunkte im Leben sind sie selten. Meistens empfindet man sie als Niederlage. Manchmal ganz unspektakulär, schleichend, verliert man Freunde aus den Augen und findet nach einer Zeit, dass es vielleicht so in Ordnung ist. Trennungen von Geschäftspartnern oder die Trennung von einer Arbeitsstelle gehören vielleicht zur Normalität; tragischer wird es, wenn es um enge Lebensbeziehungen geht, die mit einer Trennung enden.

Kann es gute Trennungen geben?

Die Bibel erzählt in den Anfangskapiteln von einer Trennung, die gut verläuft: Abram und sein Neffe Lot sind offensichtlich ein gutes Team. Sie sind zusammen unterwegs und haben jeweils große Herden, großen Besitz und viele Leute, die mit ihnen ziehen. Sie siedeln im selben Gebiet und merken: Es wird zu eng für beide. Es gibt Streit unter den Hirten und die Atmosphäre ist vergiftet: „Da sagte Abram zu Lot: Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder. Liegt nicht das ganze Land vor dir? Trenn dich also von mir: Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links.“ Und so trennen sie sich und bewahren Frieden.

Kann man für das Leben etwas daraus lernen?

Ein erstes: Anerkennen, dass es Konflikte gibt, die nicht ausgesessen werden können. Abram und Lot – sie spüren, dass nur noch die Trennung größeren Streit und größeres Unheil verhindern kann.

Ein zweites: Das Gute segnen und mitnehmen. Jeder der beiden, Abram und Lot, nimmt seine Herden mit. Für mich heißt das: Sie brechen mit dem Guten auf, das entstanden und gewachsen ist. Wem es gelingt, in Trennungen das Gute zu bewahren, das eine gemeinsame Geschichte hervorgebracht hat, der wird auch gut weitergehen können. Gäbe es das Gute nicht, gäbe es nicht die guten Erlebnisse und Augenblicke, dann hätte es auch nie eine gemeinsame Geschichte gegeben. Dieses Gute gehört zu den Vorräten des eigenen Lebens.

Das Dritte: Im Aufbruch den Streit hinter sich lassen. Das Schwierige, das Unrecht, vielleicht sogar das Böse: Es ist wichtig, Lasten dort zu lassen, wo sie hingehören. Sie bewusst an den Ort zu legen, von dem ich aufbreche. Bewusst zu sagen: Das lasse ich nun hier, wenn ich weggehe. Der eine zieht nach rechts, der andere nach links: Beide verlassen den Ort des Unfriedens. Rein örtlich geht das nicht immer. Was ich meine ist eher, dass man der Erinnerung an Streit und Unfrieden keine Nahrung gibt, dass man sie nicht pflegt, dass man sich dazu anhält, sich selbst und anderen nicht immer erneut von Verletzungen und Unfrieden zu erzählen.

Schließlich: Wenn man kann, die Vergangenheit segnen. Das bedeutet: Sie in den großen Zusammenhang Gottes stellen. Sie in die Hände Gottes geben. Das kann ein Gebet werden: Gott, heile, was in mir verwundet ist, segne mein Leben, meine Vergangenheit und meinen Neubeginn und lass es zu einem Ganzen werden und schenke Frieden. Die Vergangenheit segnen – damit aus der Trennung keine Niederlage wird, sondern ein Neubeginn werden kann.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 30.01.2019 gesendet.


Über den Autor Peter-Felix Ruelius

Dr. Peter-Felix Ruelius, geboren 1964, ist Theologe und leitet den Zentralbereich Christliche Unternehmenskultur und Ethik bei der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier e.V.). Als Supervisor und Coach begleitet er Menschen in ihren beruflichen Herausforderungen. Vorher war Peter-Felix Ruelius fünfzehn Jahre Religionslehrer in Fulda und arbeitete mehrere Jahre in der Lehrerfortbildung. Was hilft ihm bei der Vermittlung des Glaubens - auch in schwierigem Kontext? Das Studium? Die Erfahrung? Auch. Aber vor allem: Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, möglichst viel Geduld und das wache Beobachten der Welt um ihn herum. Überall sind Spuren der Sehnsucht, der Hoffnung, des Glaubens; Gott macht für uns im Buch dieser Welt dauernd Notizen, und diese Notizen sind lesbar! Manches davon findet sich in den Radiotexten wieder.

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