Am Sonntagmorgen, 17.03.2019

von Pfarrer Gotthard Fuchs aus Wiesbaden

Schönheit und Unglück. Türöffner zur Spiritualität

Noch vor zwanzig Jahren sprach man eher von Andacht oder Frömmigkeit. Heute ist  das Wort Spiritualität in aller Munde. Achtsamkeit und Wohlsein, Innehalten und Ganzwerden, Selbstsorge und Heilwerden, Leib- und Seelsorge – solche Codeworte der Sehnsucht gibt es viele. Im Grunde ist es die uralte Frage nach dem Glück, nach gelingendem Leben, nach Sinn. Spiritualität kann so vieles heißen!  Man könnte mit dem französischen Jesuiten Teilhard de Chardin, vom „Sinn für die Fülle“ sprechen. Wer wäre darauf nicht ansprechbar?

Versuchen wir es also konkreter. Statt vieler Definitionen von Spiritualität seien zwei Grunderfahrungen angeschaut, auf die wohl jeder von uns reagiert: Schönheit und Unglück. Sind es nicht zwei zentrale Knotenpunkte im Netzwerk der Wirklichkeit überhaupt und damit „Türöffner zur Spiritualität“?

Zuerst die Schönheit.  Schön essen gehen, sich einen schönen Tag machen, gut ausschauen, perfekt sein – in den Kulturwissenschaften ist von der Ästhetisierung der Lebenswelt die Rede. Schön ist das, was sich sehen lassen kann, was guttut und innere Resonanz findet. Besonders treffend sind die Überlegungen von Simone Weil, der großen intellektuellen und spirituellen Grenzgängerin.  „Das Schöne (ist): das, was man nicht verändern will“, notiert sie einmal in ihren unerschöpflichen Tagebüchern. Ein großes Kunstwerk, eine hinreißende Morgen- oder Abendstunde in der Natur, ein schöner Mensch – irgendwie halten sie uns in Atem, wie gebannt schauen wir hin. „Nicht zu fassen“, sagen wir dann vielleicht. Vom Schönen geht eine Macht aus, sie gebietet, respektvoll halten wir Abstand.  In Museen z.B. kann man Mitmenschen sehen, die im gebührenden Abstand vor den Bildern oder Skulpturen stehen, und einfach nur schauen. Simone Weil meint: „die Betrachtung nagelt uns an die Welt“ . Wo Schönes begegnet, wird der vermeintlich normale Lebenszusammenhang unterbrochen. Da kommt etwas wie eine innere Ordnung zum Vorschein.

Solch eine kleine Phänomenologie des Schönen kommt nicht ohne den Eros aus: der Lust zu schauen entspricht die Anziehungskraft des Geschauten. „o dass mein Sinn ein Abgrund wär, und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen“ – heißt es in einem weihnachtlichen Liebeslied. Schon Platon hat diesen Zusammenhang von Schönheit und Eros im Blick gehabt. Wortwörtlich „hinreißend“ sei das Schöne, wirklich zum Verrücktwerden und voller Attraktivität.  Hin und weg sind wir dann, und voll da. Wir sehen förmlich von uns ab, weil etwas Anderes, Faszinierendes und Größeres in den Blick kommt; wir geraten außer uns, wortwörtlich ek-stastisch, wir spüren unsere Ek-sistenz. So gewaltig ist die Anziehungsmacht im Felde des Eros, dass Rilke den berühmten Vers formulieren konnte: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen“.

So überwältigend und faszinierend es ist, es ist auch irritierend und erschreckend. Wirkliche Liebe kann tatsächlich auch Angst machen – so spürbar ist das Wagnis, sich auf andere zu verlassen; nicht gering ist das Risiko, sich zu verlieren. Diese Nähe von Schönheit und Schrecken, von lebendigster Anziehungskraft und erschütternder Überwältigung ist Kernbestand aller religiösen Überlieferungen und wohl auch alltäglicher Erfahrung. Man kann vor Glück heulen, und Schönheit kann weh tun. Denn immer ist spürbar, wir können es nicht fassen; es entzieht sich, was sich uns zeigt, es ist nicht manipulierbar, es hat Macht und übt diese aus. Alle, die sich kräftig verliebt haben und lieben, wissen davon. Überwältigend: hin und weg, und voll da.

Halten wir einen Moment inne und nehmen eine hintersinnige Redewendung aus dem Alltag hinzu. Da kommen Kinder aus der Schule, fragt man sie, wie es war, dann hört man bisweilen die Antwort: „Ganz schön schwer“. Auf die Reihenfolge kommt es mir an: Es geht, auch im kleinen Detail, immer um das Ganze. Im Unterbrechen des Alltäglichen meldet sich der Wunsch, ganz zu sein, whole heißt es im Englischen, das kann auch mit heil übersetzt werden. Und schön ist es durchaus, es geht nah, es macht etwas mit uns, es berührt und hält am Leben. Mag die Schule noch so lästig sein, man konnte es ja gar nicht erwarten, so wichtig ist dieser Schritt ins Erwachsenen-Leben. „Ganz schön – und eben schwer“, voller Gewicht und Bedeutung. Da ist dieses Überwältigende, als wäre alles eine Schuhnummer zu groß und kaum zu stemmen. Ob man das für das Leben insgesamt sagen könnte: „Ganz schön schwer“? Und könnte man es auch für das sagen, was authentische Spiritualität ist. Das ganze Gewicht des Daseins zulassen und die ganze Wucht dessen spüren, was überwältigt – das Schöne, nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen.

Nehmen wir hier nun das zweite Stichwort unserer Überlegungen hinzu: Unglück. Auch da wird der Alltag unterbrochen, auch da brechen im Vorletzten die Letzt-Fragen auf. Schon bei jedem Zahnschmerz bin ich hin und weg, und voll da. Viel mehr in wirklichen Krisen und Nöten „Warum gerade ich? Warum ich nicht? Warum überhaupt und wozu?“ Warum Unrecht, warum Gewalt, warum überhaupt Scheitern und Leid – eben Unglück? Unglück und Leid gehören zur faktischen Welt. Aber fast himmelschreiend signalisieren sie, dass es anders sein könnte und sein soll. Nicht nur die Betrachtung des Schönen nagelt uns an die Wirklichkeit, das Unglück nicht minder.

Unglück und Schönheit, diese beiden Knotenpunkte im Netzwerk des Wirklichen, nötigen zur Frage, was trägt und Sinn macht. Warum und wozu das Gute und Schöne? Warum und wozu das Unglück? Was ist der grundlose Grund in allem? Hinreißend schön und abstoßend schrecklich, hineingefügt in ein größeres Ganzes, das unbegreiflich bleibt. Menschsein heißt, sich überwältigen zu lassen und dem nachzuspüren, was imponiert, was auf uns liegt und uns auferlegt ist: Ganz schön schwer!

Friedrich Nietzsche meinte: „Wo Sehnsucht und Verzweiflung sich paaren, entsteht die Mystik“. Wir könnten auch sagen, wo Schönheit und Unglück wahrgenommen und ausgehalten werden, öffnet sich der Raum der Spiritualität. Da zeigt sich, wes Geistes Kind die Welt ist und der Mensch, und ich und Sie. Religionen im engeren Sinne geben dem eine besondere Gestalt. Es wäre sehr reizvoll und notwendig, im Dialog aller Religionen genau hinzuschauen, wie sie das Doppelalphabet von Schönheit und Unglück buchstabieren: Was sagt der Buddhismus dazu und was der Islam? Beschränken wir uns auf das Christliche – und das um des Dialoges willen. Denn ein runder Tisch der Religionen und ihrer Spiritualitäten macht ja nur Sinn, wenn alle Beteiligten offen und offensiv ihre eigene Sicht der Dinge formulieren.

Nicht zufällig haben schon die Frommen Alt-Israels in ihrer Gründungsgeschichte einen ganz bestimmten Text an den Anfang von allem gestellt: einen Lobgesang auf die Welt als Gottes guter Schöpfung. Wie die Ouvertüre in der Oper gibt dieser Hymnus am Beginn der Bibel den Grundton an für die ganze Musik: alles gut, alles sehr gut. Mitten im Tohuwabohu der eigenen Geschichte, mitten im babylonischen Exil, mitten im Durcheinandertal dieser Welt wird das Dasein doch als sehr gelungen betrachtet. Welch erstaunliche Entscheidung, ein Loblied auf die Welt als Gottes gute Schöpfung an den Anfang von allem zu stellen. Denn faktisch war ja keineswegs alles gut, und das ist bis heute so. Aber im Glauben an Gott gewinnt und behält dann doch das Gute das letzte Wort. Krone der Schöpfung ist demnach übrigens gerade nicht der Mensch, sondern der Schabbat, der göttliche Frieden. So wie die Welt geschaffen ist, so soll sie überall werden, wortwörtlich „in Ordnung“. Das alt hebräische Wort für „gut“ heißt zugleich „schön“ oder wortwörtlich „top“. Der Notenschlüssel zur ganzen Bibel ist also ein nachhaltiges und kräftiges Ja zur Welt. Die ist sehr gut und sehr schön, und sie soll es werden; was jetzt noch bitteres Leid und schweres Unglück ist, soll verwandelt und umgepolt werden. Die ganze Bibel erzählt von dieser mühsamen Wandlungsarbeit, beispielhaft dafür steht schon in ihrem ersten Buch die Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Der sagt im Happyend der dramatischen Geschichte zu seinen Brüdern: „Ihr habt Böses gegen mich im Sinn gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten. (Gen 50,20)“ Und am Ende der ganzen christlichen Bibel, in der letzten Schrift, ist dann wiederum von der Schönheit der Welt die Rede, vom neuen Himmel und der neuen Erde. Alle verfügbaren Stilmittel und Bilder werden bemüht, um das hinreißend Schöne und überwältigend Gute in den Blick zu nehmen. Die Welt ist demnach also kein Betriebsunfall und kein Absturz in eine vermeintlich böse Materie, nein, sie ist wunderbarer Ausdruck eines göttlichen Beziehungs-Wollens, einer schöpferischen Güte. Gerade in der biblischen Spiritualität lebt dieser ungeheure Mut zum Sein, zur Schöpfertreue Gottes und also dem Sieg des Guten. Nie behält das Schreckliche das letzte Wort. Noch im schlimmsten Unglück kann Gutes gefunden werden und daraus entstehen, noch im bittersten Leiden bleiben Ressourcen schöpferischer Bewältigung. Der tiefste Lebensgrund von allem ist schenkende Güte, und dieser Grund trägt. Warum denn sonst blüht jeder Mensch auf, wenn er gelobt wird oder Wertschätzung und Liebe erfährt? Warum sind wirkliche Geschenke so paradox wie das Schöne und Gute: „Nicht nötig“, sagt die beschenkte Frau sehr zutreffend, aber mehr als nötig. Wir leben von dem, was uns geschenkt wird. Der Gründungscode der Welt im Ganzen, die fortwährende Schöpfung, ist schenkende Güte.

Die biblischen und kirchlichen Traditionen sprechen deshalb gerne auch von der Herrlichkeit des Daseins. Vom Althebräischen her bedeutet das Wort: Gewicht, Bedeutung. Das Leben ist eine Wucht, ganz schön schwer, eine beglückende und schmerzliche Herausforderung. Wörtlich müsste man übersetzen: Das Dasein hat göttliches Gewicht. Während in der althebräischen Sprache die gravitas, die Majestät des Daseins zur Sprache kommt, so ist in der griechischen Übersetzung stärker das Motiv der Ausstrahlung: alles ist schöpferische Resonanz, ein höchst differenziertes energetisches Feld. Dasein im Doppelalphabet von Schönheit und Unglück ist eine Wucht und strahlt aus. Ja, ganz schön schwer. Verharmlosen und verbilligen wir das Leben nicht und auch nicht die Spiritualitäten oder den Glauben – und auch nicht Gott!

Vielfach noch übersehen, ist Schönheit ein Schlüsselwort auch in allen Texten von Papst Franziskus. „Laudato si“ heißt sein Loblied auf die Schöpfung, ganz im Sinne seines Namenspatrons aus Assisi. Schön ist die Welt in ihrem Reichtum und jeder Mensch in seiner Tiefe, schön ist das Evangelium, denn es spricht nur davon. Ganz auf der Linie der Bibel betont Papst Franziskus die Schönheit der Welt und dessen, der sie ständig schafft. Die Bibel nennt ihn den Erfinder der Schönheit. Christen sind bekanntlich Menschen, die eine Vorliebe für Jesus haben. In ihm sehen sie, wie Papst Franziskus formuliert, „das menschliche Antlitz Gottes und das göttliche Antlitz des Menschen“. Dieser Jesus ist sozusagen der Glücksfall schlechthin, in ihm wird nämlich deutlich, worauf es ankommt: Österlich soll alles glücken, das ganze Elend des Irdischen im Doppelalphabet von Begierde und Gewalt, soll und wird verwandelt werden. Im gekreuzigten Auferstandenen wird der Preis dieser ständigen Schöpfungsarbeit deutlich. Nochmals mit Simone Weil: „Der falsche Gott macht aus Leiden und Unglück Gewalt, der wahre Gott macht aus der Gewalt und dem Unglück Leiden“, nämlich schöpferisches Mitleiden. In der Lebensart Jesu wird das deutlich wie in keinem, jedenfalls für Christenmenschen. Bis zuletzt stand er ein für die Schönheit des Lebens und die Treue Gottes: trotz Unglück und böser Gewalt  ein entschiedenes Ja zur Erde, zur Güte und Schönheit des Daseins.

Schönheit und Unglück – Einfallstore in die Spiritualität. In christlicher Lesart lebt das Ganze von dem Plus vor der Klammer: Sehr gut und sehr schön. Und so, wie es gemeint ist, soll es auch werden. Jesus steht Pate dafür. Die Kraft seines Geistes, seine Ausstrahlung, schafft Glaubende. Einer davon, Dietrich Bonhoeffer, formulierte das vor 70 Jahren in schwersten Zeiten so:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. ..... Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. ... Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 17.03.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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