Am Sonntagmorgen, 03.2019

von Diakon Andreas Bell, Köln

Des Geistes klare Trunkenheit

In meiner rheinischen Heimat ist heute Karnevalssonntag. Das ist noch nicht das ganz große Theater wie morgen am Rosenmontag, aber schon ein ordentlicher Vorgeschmack darauf, also mit Karnevalszügen und dem ganzen Trubel. Ich glaube, das ein oder andere Bierchen wird auch getrunken. Natürlich nicht von mir. Ich muss mich hier mal distanzieren von dem massenhaften Missbrauch des Alkohols. Das Gegenteil wäre auch gar nicht denkbar, denn stellen Sie sich vor, ich würde jetzt dem Rausch das Wort reden! Das wäre undenkbar. Das kann man nicht machen. Nicht öffentlich jedenfalls.

Bei näherem Hinsehen ist das schon auffällig: Alle finden es unstatthaft, sich zu berauschen, aber irgendwer trinkt das ganze Zeug. Über hundert Liter pro Kopf und Jahr, und zwar statistisch vom Baby bis zum Greis. Aber die exzessiven Trinker werden verachtet. Ich habe den Verdacht, der Rausch ist etwas Böses oder Gefährliches. Zumindest bei anderen. Eigentlich nur bei anderen. Und wissen Sie was? Ich breche jetzt mal eine Lanze für den Rausch. Ja, Rausch ist gut. Gut für die Seele. Und gut katholisch.

Ja, das haben Sie jetzt richtig verstanden. Katholisch. Ist er. Ich weiß das, seit ich als Diakon das Stundengebet, speziell morgens die Laudes bete. Die beginnt mit einem Hymnus, und der stammt einmal im Monat vom Heiligen Ambrosius von Mailand. 4. Jahrhundert. Und da gibt es diese eine Strophe, über die ich regelmäßig stolpere:

„Christus werde unser Brot
und unser Glaube sei uns Trank,
in Freude werde uns zuteil
des Geistes klare Trunkenheit.“

Da steht tatsächlich morgens in meinem Stundenbuch: „in Freude werde uns zuteil des Geistes klare Trunkenheit.“ Im lateinischen Original steht da „nüchterne Trunkenheit“, aber das passt vom Versmaß nicht. Die „klare Trunkenheit“ ist nach meinem Gefühl sogar noch etwas provozierender. So oder so vergleicht der Kirchenvater Ambrosius hier die Frömmigkeit mit einem Rausch und zwar genaugenommen einem Alkoholrausch. Ich persönlich bin mit dem letzteren nicht ganz unvertraut, aber einen solchen Rausch spirituell zu erleben, geistlich, das ist mir erstmal fremd. Frömmigkeit kenne ich ja eher in der Form der Innerlichkeit oder der Versenkung, auf jeden Fall der inneren und äußeren Ruhe. Aber nicht im Rausch. Deshalb weiß ich zunächst einmal nicht, was ich mir unter „des Geistes klarer Trunkenheit“ vorstellen soll.

Der Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards interpretiert diesen Rausch als eine Folge der Askese. Dafür gibt es gute Gründe. Wenn Christus das Brot sein soll und der Glaube der Trank, dann bedeutet das den Verzicht auf normales Brot und normale Getränke. Es geht also ums Fasten. Und da wissen wir ja spätestens seit Erfindung der Fastenkuren, dass Hungern tatsächlich einen milden Rauschzustand auslösen kann. Der Körper empfindet den Nahrungsmittelentzug als Stress und Bedrohung und reagiert darauf mit der Ausschüttung körpereigener Schmerzstiller, also endogener Opiate. Das sorgt für diese Hochgefühle beim längeren Fasten. Den gleichen Rausch erleben Langstreckenläufer, wenn sie sich bis zum sogenannten „Runners High“ belasten. Das ist wissenschaftlich gut erforscht und plausibel, scheint mir aber auf die Spiritualität bezogen nicht weiter zu führen. Denn wenn ich durch Fasten und Verzicht einen Rausch erzeuge, wo bleibt dann Gott? Diese Form des Rauschs geht ja auch ganz ohne Religion.

Also nochmal zurück! Offenbar geht es bei Ambrosius nicht um Verzicht, sondern um Überfülle. Immerhin redet er immer in der ersten Person Plural, also vom „wir“. Sein Rausch ist ein gemeinschaftlicher. So wie wir das aus dem Karneval kennen oder dem Wirtshaus.

Wenn sich unter denjenigen Zuhörern, die gläubig sind, jetzt ein seltsames Gefühl entwickelt bei der Vorstellung, als Gemeinde gemeinsam einen Rausch zu erleben, dann müssen wir vielleicht mal genauer hinschauen, was eigentlich ein Rausch ist und wie man ihn moralisch einschätzen kann.

Der Rausch wird grundsätzlich definiert als eine veränderte Wahrnehmung der Wirklichkeit verglichen mit dem nüchternen Zustand. Das kann schön sein, muss aber nicht. Wenn jemand so viel getrunken hat, dass er meint, er spürt, wie sich die Erde dreht, dann ist diese Wahrnehmungsverzerrung definitiv nicht wünschenswert, und sie endet sicher mit einem Kater. Es gibt aber andere Formen des Rauschs, also der veränderten Wirklichkeitswahrnehmung, die nicht einfachhin abzulehnen sind. Denn bei näherem Hinsehen ist der Rausch lebensnotwendig. Sexualität zum Beispiel setzt eine rauschhafte Lust voraus, und zwar bis zum Verlust der Selbstkontrolle. Ohne Hingabe gibt es keine erfüllte Sexualität. Verliebtsein ist auch eine Art Rauschzustand, bei dem körpereigene Hormone ausgeschüttet werden. Man könnte daher behaupten, dass ohne den Rausch die Menschheit längst ausgestorben wäre. Sogar in der Gewalt ist der Rausch überlebenswichtig. Ich meine den Fall der Selbstverteidigung, wo es im Extremfall darauf ankommt, den Angreifer ohne langes Nachdenken auszuschalten. Die Löwin, deren Junge bedroht werden, verhandelt nicht. Dann kann es schon zu spät sein.

Gut, das sind Extremsituationen, aber gilt das auch für den bürgerlichen Alltag? Gibt es da auch den guten Rausch? Ich meine ja. Und denke da an Menschen, die unter Selbstzweifeln oder neurotischen Hemmungen leiden und sich nicht trauen, mal den Mund aufzumachen oder andere Menschen anzusprechen. Wenn jetzt auf einer richtig schwungvollen Party, gerade jetzt im Karneval, gesungen und geschunkelt wird und vermutlich auch etwas Alkohol konsumiert wird, können wir immer wieder beobachten, dass diese kleinen grauen Mäuse plötzlich Farbe kriegen. Wer vorher noch schüchtern und gehemmt war, verliert in diesem kollektiven Rausch seine Ängste vor den Mitmenschen und wird kommunikativ. Man muss dann feststellen, dass diese Menschen in ihrem Rausch die Welt viel richtiger wahrnehmen und auch sich selbst und dann ihre neurotische Angst besiegen. Natürlich sollte Alkohol nicht der Königsweg sein, und die bekannten Gesundheitsgefahren wollen wir auch nicht unterschätzen. Nichtsdestotrotz bleibt, dass es auch einen sozialförderlichen Rausch gibt, der Menschen zusammenbringt und Gemeinschaft stiftet. Erst wenn mir der Rausch so die Sinne vernebelt, dass ich beispielsweise Gefahren unterschätze oder aggressiv werde, dann, aber auch erst dann, wird der Rausch problematisch. Aber reines Rudelgucken bei einer WM und frenetisch Tore Feiern, das ist völlig in Ordnung.

Ich weiß, dass es provoziert, über einen guten Rausch zu reden. Immerhin sind mehrere Millionen Menschen in Deutschland von den Auswirkungen einer Sucht betroffen. Hier geht es aber um den gelegentlichen, frei gesuchten Rausch und nicht um die Abhängigkeit des Suchtkranken. Dessen Erkrankung ist viel komplexer und primär eine seelische, deren Ursachen schon lange vor dem ersten Substanzkontakt liegen. In der Sucht geht es immer um einen übermächtigen Zwang, nicht um ein gelegentliches, selbstgewähltes, gemeinschaftliches Rauscherlebnis. Und nur damit vergleicht der Kirchenvater Ambrosius den Glauben. Wie können wir denn jetzt einen solchen guten, also förderlichen Rausch von dem schlechten, gefährlichen Rausch unterscheiden?

Der Soziologe Hartmut Rosa hat die so genannte Resonanztheorie entworfen, weil er beobachtet, dass wir in unserem ganzen Leben nach resonanten, also schwingenden Beziehungen suchen, speziell zu anderen Menschen, aber auch zur Natur oder in der Musik. Eine resonante Beziehung verändert mich selbst, weil ich selber Teil dieser Schwingung werde. Im Kleinen erleben wir das bei ekstatischen Feiern, wo Individuen zu einer großen, glücklichen Masse verschmelzen. Und in der Hochform finden wir die Resonanz in der Liebe. Der Liebende verändert sich, wird aufmerksamer, verschiebt seine Interessen, will sich passend machen. Und wenn die Liebe erwidert wird, schwingen zwei Menschen gemeinsam und werden darin teilweise neu.

Ein guter Rausch versetzt Menschen in Resonanz. Das ist pures Glück.

Nun, heißt das jetzt, Glauben soll ein Rauscherlebnis in Resonanz sein? Da fällt mir einiges zu ein. Zunächst einmal, dass religiöse Feiern unter Gleichgesinnten oft zu rauschhaft schönen Erlebnissen werden. Nicht nur bei einem Weltjugendtag. Interessanterweise gibt es Drogen, die genau dieses Gefühl vermitteln. Es sind die Entaktogene, insbesondere Ecstasy, die die Körperoberfläche sensibilisieren und beim gemeinsamen Tanzen ein sogenanntes ozeanisches Gefühl vermitteln. Das machen gute Gottesdienste ganz ohne Ecstasy. Der Kopf bleibt klar, aber wir erleben eine Gemeinschaft, die im Alltag verborgen bleibt. In Resonanz. Ein klarer Rausch.

Einen Schritt weiter gedacht verbindet der Glaube nicht nur Menschen untereinander, sondern zunächst einmal den Menschen mit Gott. Jeder Gottesdienst und überhaupt eigentlich alles Handeln der Kirche will ja eine Verbindung des Menschen zu Gott schaffen. Nein, umgekehrt! Denn Gott will sich uns mitteilen. Er kommt auf uns zu. Er verkündet sich als die reine, ewige Liebe, in die wir von Ewigkeit her hineingeschaffen sind und aus der uns nichts und niemand herausreißen kann. Unsere Aufgabe ist es nur noch, darin einzuschwingen, uns von seinem Wort der bedingungslosen Liebe bewegen zu lassen und in der Resonanz zu ihm, mit ihm, neue Menschen zu werden. Das nennt man Glauben. Leben in Resonanz mit Gott und den Mitmenschen. Hervorgerufen durch den Rausch der Liebe, der uns den Blick auf die letzte Wahrheit eröffnet, nämlich auf die Gemeinschaft, die Gott uns mit sich schenkt. Dieser Rausch ist dann wohl das, was Ambrosius als des Geistes klare Trunkenheit bezeichnet.

Mir fällt noch eine weitere Parallele zwischen Glaube und Trunkenheit ein: Der Zeitverlust. Genauer der Verlust des Zeitgefühls. Sie kennen das sicher: Im rauschenden Fest vergeht gefühlt keine Zeit mehr. Der kollektive Rausch ist entgrenzend: Raum und Zeit lösen sich auf. Genau wie im Gottesdienst bei der Eucharistiefeier der Kirche: Das Abendmahl ist keine Erinnerung an ein Abendessen vor 2000 Jahren, sondern für katholische Christen ist Christus dann wirklich anwesend. Dann gibt es keine Vergangenheit mehr, denn nur für Menschen vergeht die Zeit, aber für Gott ist alles Gegenwart.

Das gottesdienstliche Feiern hebt auch den Raum auf. Was vorher weit entfernt war, ist jetzt genau hier. Deswegen beten wir „Vater unser im Himmel“, aber wissen, dass wir nicht zu einem weit entfernten Gott beten, sondern zu dem, der unter uns ist. Himmel und Erde sind dann am gleichen Ort.

„Des Geistes klare Trunkenheit“ ist eine poetische, kraftvolle Beschreibung für den Glauben: Er soll wie ein guter Rausch sein. Gemeinsam genossen, in resonanter Schwingung miteinander, vor allem in Resonanz zu Gott, der selber die Schwingung anstößt. Im Glauben wie im Rausch werden Raum und Zeit gegenstandlos. Erst dieser Rausch, diese klare Trunkenheit, öffnet uns die Augen. Wir erkennen die gesamte Welt und uns selbst richtig, das heißt als hineingeschaffen und auf ewig gehalten in der grenzenlosen Liebe unseres Schöpfers.

Heute heißt es: Mut zum Rausch! Ich jedenfalls werde heute feiern. Und hoffe, dass es ein richtiger Karneval wird, wo Schranken fallen, Kontakt entsteht, wildfremde Menschen miteinander ohne Scheu feiern. Wenn ich es schaffe, mich darin lustvoll zu verlieren, dann weiß ich, wie ich jeden Tag vor Gott sein soll.

"Und Christus werde unser Brot,
und unser Glaube sei uns Trank,
in Freude werde uns zuteil
des Geistes klare Trunkenheit."

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 03.03.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Dr. Dr. Andreas Bell

Dr. Dr. Andreas Bell arbeitet in der katholischen Erwachsenenbildung. Nach den Studien der Chemie, Philosophie und Theologie war er als Sportimmunologe, Hochschulseelsorger und Lehrbeauftragter für medizinische Ethik tätig, bevor er vor elf Jahren zurück ins Heimaterzbistum Köln kam und dort den Dialog mit den Wissenschaften betrieb. Als Diakon predigt er an der Kölner Jesuitenkirche und Kunststation Sankt Peter. Kontakt
Andreas.Bell@Erzbistum-Koeln.de

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