Wort zum Tage, 26.01.2019

Pastoralreferent Martin Wolf aus Mainz

Wahre Größe im Kleinen

Es ist ein denkwürdiges Video, das man vor einigen Wochen im Internet sehen konnte. Die beiden Chefs des Modeimperiums Dolce und Gabbana leisten darin Abbitte für einen missratenen Werbespot. Chinesen hatten sich durch den Clip rassistisch beleidigt gefühlt. Und weil China nun mal ein wichtiger Markt für Luxusmode ist, mussten die Chefs persönlich ran. Was die beiden da auf Italienisch sagen ist ziemlich vorhersehbar. Die Art, wie sie das tun aber sagt etwas Anderes. Gelangweilt sitzen sie da. Einer liest sogar erkennbar ein Skript ab. Kurz gesagt, das Ganze wirkt aufgesetzt, unmotiviert und alles andere als ehrlich. Wenn ich ihnen zuschaue fallen mir spontan Kinder ein, die dem Nachbarn einen üblen Streich gespielt haben und die man nun dazu verdonnert hat, sich nebenan zu entschuldigen.

Um Verzeihung zu bitten fällt nie leicht. Wer gesteht schon gerne ein, dass er Mist gebaut hat. Wie oft wird stattdessen gelogen und rumgeeiert, dass sich die Balken biegen. Verkehrspolizisten könnten Bücher dazu schreiben, was sie bei Kontrollen alles zu hören bekommen. Und wie windet sich mancher Politiker, der einfach nicht sagen kann, dass seine Entscheidung wohl doch ein Fehler war? Manchmal scheint es, als ob das so simple Wort: „Entschuldigung, es war falsch und es tut mir leid“ umso schwerer fällt, je bedeutender und wichtiger ein Mensch vermeintlich ist. Vielleicht ja, weil jede Entschuldigung auch ein Eingeständnis ist. Wenn ich um Entschuldigung bitten muss gebe ich ja zu, dass ich nicht nur glänzend und einzigartig bin. Dass ich vielmehr bin wie alle anderen auch. Ein Mensch eben, der hin und wieder auch mal danebengreift. Und der sich deshalb nun freiwillig klein macht, seinen Fehler bereut und dazu steht. In der katholischen Beichte ist genau das die Voraussetzung dafür, dass es danach wieder weitergehen kann. „Deine Schuld ist dir vergeben“. Dieser erlösende Satz am Ende der Beichte kann erst dann fallen, wenn ich meine Schuld auch ehrlich bereue.

Menschen, die es schaffen, glaubhaft um Entschuldigung zu bitten, sind deshalb keine Looser. Ganz im Gegenteil. Für mich sind sie vielmehr die wirklich Großen. Weil sie sich auch mal klein machen können, wenn was schief gegangen ist. Weil sie ihre Fehler zugeben und dazu auch stehen können.

Eine Erwartung übrigens, die aktuell viele Menschen an unsere Kirchenoberen haben, die jetzt die Verbrechen des Missbrauchs eingestehen und aufklären müssen. Fast alle Glaubwürdigkeit steht da auf dem Spiel. Begriffen haben das vielleicht noch nicht alle. Doch Größe entscheidet sich auch in der Kirche daran, ob sich einer offen und aufrichtig auch mal klein machen kann.


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Dieser Beitrag wurde am 26.01.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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