Wort zum Tage, 25.01.2019

Pastoralreferent Martin Wolf aus Mainz

Erfüllte Stille

Sie hat mich schon immer fasziniert. Vielleicht, weil sie in meinem Alltag so selten vorkommt: Die Stille. Denn wann ist es schon mal wirklich still? Ganz still. So still, dass man einfach gar nichts mehr hört.

Der amerikanische Komponist John Cage hat mal erfahren wollen, wie sich das anfühlt. Stille war für ihn, den Musiker, genauso wichtig wie Noten und Töne. Cage ließ sich deshalb in einen so genannten schalltoten Raum sperren, in den kein Geräusch von außen eindringen kann. Doch nach kurzer Zeit merkte er, dass er selbst in dieser absoluten Stille noch etwas hören konnte. Es war das Rauschen seines eigenen Blutkreislaufs.

Völlige Stille, so verstehe ich diese kleine Episode, kann mich an eine äußerste Grenze bringen. An meine eigene. Denn wenn erst mal alle äußeren Einflüsse weg sind, dann bin ich mir letztendlich selbst ausgeliefert. Mir ganz allein. Vielleicht liegt genau darin ja auch ein Grund, warum manche Menschen Stille so schlecht aushalten können. Warum sie gerade dann unruhig und nervös werden, wenn es plötzlich mal still wird. Weil sie sich dann selber wahrnehmen und aushalten müssen.

Der Polarforscher Günter Stoof hat Anfang der neunziger Jahre ein Jahr lang allein in der Antarktis verbracht. Manchmal, wenn der Wind in der Eiswüste sich plötzlich legte, dann erlebte er inmitten einer bizarren Natur eine absolute Stille. „Wenn ich mich an diese Stille erinnere“, so hat er mal berichtet, „dann sehe ich vor mir die Nacht. Die Welt stand still. Alles war erstarrt. In diesen Momenten dachte ich an nichts. Die Gedanken blieben aus. Mich überkam ein Gefühl tiefer Zufriedenheit. Es herrschte ein absoluter, vollkommener Frieden.“

Ob der Forscher Günter Stoof ein gläubiger Mensch ist, weiß ich nicht. Aber das, was er da beschreibt, ist für mich eine Erfahrung, wie sie auch Menschen, die nach Gott suchen, immer wieder gemacht und beschrieben haben. Dass es ganz oft erst die Stille ist, in der ich so etwas wie die Nähe Gottes erspüren kann. In der Stille draußen und vor allem in der Stille tief in mir drinnen. Und das Gute daran: Dafür muss ich gar nichts tun. Ich muss keine Bücher gelesen haben, keine Vorleistungen erbracht und keine Gebote beachtet haben. Ich muss nur da sein und mich auf die Stille einlassen, die mich umgibt. Und dann darauf hoffen und vertrauen, dass sie gefüllt wird.

Die Bibel verbindet dieses Vertrauen mit einer Zusage: „Suchet und ihr werdet finden. Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet.“

Vielleicht ist es ja dieses Gefühl einer weit geöffneten Tür, die der Polarforscher da in seinen Worten so wunderbar beschrieben hat: Ein Gefühl tiefer Zufriedenheit in einem absoluten, vollkommenen Frieden.


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Dieser Beitrag wurde am 25.01.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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