Wort zum Tage, 24.01.2019

Pastoralreferent Martin Wolf aus Mainz

Heimatlose

Nur wenige hundert Meter hinter dem Strand von Westerland auf Sylt liegt der „Friedhof der Heimatlosen“. Ein gepflegter Ort mit einem weißen Zaun drumherum. Fast ein wenig idyllisch ist es dort. Hier hat man bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die Toten begraben, die das Meer an den Strand gespült hat. Unbekannte Seeleute zumeist, die auf der rauen Nordsee über Bord gegangen und darin umgekommen sind und die dann in Westerland ihre Ruhe gefunden haben. Diese Verstorbenen hier zu beerdigen war so etwas wie ein letzter Liebesdienst. Nur einen einzigen der 53 Toten, die dort liegen, konnte man identifizieren. Alle anderen sind Heimatlose. Ihre Namen kennt niemand.

Ertrunkene Seeleute am Nordseestrand sind selten geworden. Die Friedhöfe der Heimatlosen liegen heute woanders. In Tunesien zum Beispiel. In dem kleinen Ort Zarzis nahe der libyschen Grenze haben sie vor 15 Jahren so einen Friedhof angelegt. Rund 400 Tote liegen schon dort. Und noch immer kommen neue hinzu. Ertrunkene Seeleute sind es aber auch dort nicht mehr, die am Strand angeschwemmt werden. Vielmehr junge Männer. Frauen. Oft auch Kinder. Auch sie Heimatlose, deren Namen niemand kennt. Dieser Friedhof ist kein idyllischer Ort. Eher eine gelbbraune, staubige Einöde, auf der sich nun Grabhügel an Grabhügel reiht. Und dennoch stehen an manchen dieser Grabhügel Blumen. Chamseddine Marzoug, ein ehemaliger Fischer, bringt sie ab und zu dorthin. Er kümmert sich um die Gräber. Es ist ihm wichtig. Er hilft der Stadtverwaltung, die namenlosen Toten zu begraben. Bringt Pflanzen dorthin, damit es nicht ganz so trostlos aussieht und sammelt den Unrat auf, der von der nahen Mülldeponie dort angeweht wird. Auch das ist ein letzter Liebesdienst für all die Menschen ohne Namen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben den Tod gefunden haben.

Die Geschichte von ihm und dem Friedhof der Heimatlosen in Zarzis hat mich berührt. Und doch bleibt sie auch eine zutiefst deprimierende Geschichte, für die es kein Happyend zu geben scheint. Gewalt, Unfreiheit und keine Perspektive für junge Leute. Es sind die immer gleichen Gründe, warum sich Menschen auf einen Weg machen, den viele mit ihrem Leben bezahlen. Hier in Europa will diese Menschen keiner haben. In ihrer Heimat offenbar auch nicht. Heimatlose schon im Leben.

Die, die es nicht übers Meer schaffen, landen dann im besten Fall am Strand von Zarzis. Dort, wo die Mitarbeiter der Stadt ihnen ein namenloses Grab geben und wo der frühere Seemann Chamseddine Marzoug ihnen ein paar Blumen bringt. Das letzte, was man für Heimatlose wie sie noch tun kann. Und zugleich ein Stück Mitmenschlichkeit, zumindest im Tod.


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Dieser Beitrag wurde am 24.01.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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