Wort zum Tage, 23.01.2019

Pastoralreferent Martin Wolf aus Mainz

Heute und nicht morgen

„Und morgen ist ein neuer Tag“! Dieser Satz war eine Art Markenzeichen des früheren Tagesthemen-Moderators Tom Buhrow. Abend für Abend entließ er uns Zuschauer nach den Tagesthemen mit diesem Satz in die Nacht: „Morgen ist ein neuer Tag.“ Was auch immer Tom Buhrow uns damit sagen wollte - mich hat er jeden Abend daran erinnert, dass genau dieser Tag heute der wichtigste ist. Nicht der von gestern, nicht der morgen. Nein, dieser Tag und was an ihm geschehen ist, darauf kommt es an! Morgen kommt ein neuer.

In der Bibel gibt es einen Satz, der ähnlich klingt. Da heißt es: „Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.“ Jesus schärft das seinen Anhängern ein. Ihr sorgt euch um die falschen Dinge, hält er ihnen da vor. Ihr steckt so viel Energie in Planung und Vorsorge, obwohl doch keiner von euch weiß, ob er morgen überhaupt noch lebt. Kümmert euch ums Hier und Jetzt! Für alles andere wird schon euer Vater im Himmel sorgen. Zugegeben, das sind Sätze, über die ich selber oft den Kopf geschüttelt habe. Ein weltfremder Träumer, der da redet. Einer, der vom Leben, wie es heute ist, überhaupt keine Ahnung hat. In meinem Job würde fast nichts vernünftig funktionieren, wenn ich die Dinge nicht gut vorausplane. Und privat muss ich ja zumindest davon ausgehen, dass ich doch mal alt und gebrechlich werde. Mich darauf zu verlassen, dass der liebe Gott dann schon alles richten wird, erscheint schon ziemlich naiv. So viel Gottvertrauen, wie da gefordert ist, kann und will ich beim besten Willen nicht aufbringen. Es wäre sogar grob fahrlässig.

Oder? Trotz alle dem haben mich diese scheinbar weltfremden Sätze dennoch nie kalt gelassen. Weil sie mich eben daran erinnern, dass ich bei all den beruflichen Wichtigkeiten das Hier und Jetzt ganz gerne mal übersehe. Dann, wenn ich auf einen wichtigen Termin hinarbeite. Wenn ich weiß, dass ich nächste Woche ins Aufnahmestudio muss und die Texte noch nicht fertig sind. Manchmal lebe ich dann wie mit einem Tunnelblick. Bin so fixiert auf dieses bestimmte Ereignis, dass ich anderes einfach ausblende, was gerade nicht so wichtig erscheint. Aber manchmal ist es das vielleiht doch. Wenn meine Frau mir beim Frühstück von ihrer Arbeit erzählt, oder die Schaffnerin im Zug mich schon so früh am Morgen gut gelaunt anstrahlt. Oder wenn ich bemerke, dass meine Mitarbeiterin im Büro irgendwas bedrückt und ich nicht darauf reagiere, weil ich in Gedanken ganz woanders bin. Dabei ist es doch genau dieser Tag heute, der zählt und der am Ende vielleicht den Unterschied ausmacht zwischen Glück und Unglück. Denn erst morgen kommt ein neuer.


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Dieser Beitrag wurde am 23.01.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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