Wort zum Tage, 22.01.2019

Pastoralreferent Martin Wolf aus Mainz

Grenzenlos

„Ich bin unbegrenzt“. Was für ein Ausspruch. Er hat mich sofort gepackt, als ich ihn in einem Interview gelesen habe. „Ich bin unbegrenzt“. Gesagt hat das eine junge Frau. Eine junge Deutsche mit Migrationshintergrund. Was sich überheblich anhört, beschreibt ihr Lebensgefühl. Die junge Frau ist in Deutschland geboren worden, ist hier zur Schule und zur Universität gegangen. Gelebt und gearbeitet hat sie aber in Hamburg, Amsterdam, Istanbul und an anderen Orten. Sie gehört zu jenen jungen Menschen, für die die Welt nahezu grenzenlos erscheint. Für die Heimat vor allem dort ist, wo sie gerade leben. Und die trotzdem nicht vergessen, woher sie kommen. Welche Menschen und Orte sie geprägt haben.

„Ich bin unbegrenzt.“ Nicht gesagt, aber gelebt haben diesen Satz auch manche Studierende, die ich mehr als zehn Jahre lang als Studentenseelsorger begleiten durfte. Nicht wenige von ihnen habe ich damals so erlebt wie die junge Frau im Interview. Die meisten fühlten sich tief verbunden mit ihrer Heimat in Afrika, Asien oder Südamerika und waren trotzdem grenzenlos offen für neue Eindrücke und Erfahrungen. Vernetzt mit Freunden und Bekannten in Europa, Afrika oder Asien. Grenzen schienen ihnen nicht viel zu bedeuten.

Es ist ein Gefühl, das mich damals aber ab und zu auch selber erfasst hat. Denn wenn ich mit diesen jungen Menschen aus verschiedenen Kontinenten zusammengesessen und Gottesdienst gefeiert habe, dann hat uns alle ja eines verbunden: Unser gemeinsamer Glaube. Nicht im Sinne von Friede, Freude, Eierkuchen. Von Wir-sind-alle-eine-Familie-und-haben-uns-ganz-lieb. Nein, wie oft haben wir Fragen kontrovers diskutiert, weil sie ihren Glauben einfach ganz anders leben und empfinden als ich. Ihre Kirchen in Indonesien, Brasilien oder Tansania ticken eben anders und oft viel lebendiger als meine. Und trotz allem hat uns etwas verbunden. Dass wir an ein- und denselben Gott glauben und miteinander zu ihm beten konnten. Und dabei erlebt haben, wie viel uns in Wirklichkeit doch miteinander verbindet. Für mich ist es jedenfalls nie wieder so greifbar geworden wie damals: dass der Glaube Menschen nicht nur trennt, sondern auch weltweit miteinander verbinden kann, wenn sie es denn wollen. Grenzenlos eben.

Hin und wieder muss ich heute daran denken, wenn ich erlebe, wie Mauern und Zäune wieder hochgezogen und die Grenzen dichter gemacht werden. Wie die Unterschiede besonders betont werden und die Angst vor allem Fremden um sich greift.

Ein Land braucht Grenzen. Das steht für mich außer Frage. Aber im Kopf und im Herz, da dürfen, ja, da sollten wir trotzdem unbegrenzt sein.


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Dieser Beitrag wurde am 22.01.2019 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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