Am Sonntagmorgen, 17.02.2019

von Andrea Fleming aus München

„Keiner unter ihnen litt Not.“ Wenn unternehmerisches Handeln am Evangelium Maß nimmt

„Diese Wirtschaft tötet“ – mit diesem Urteil gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat Papst Franziskus nicht nur viele christliche Unternehmer aufgerüttelt. Aber wie kann eine Wirtschaft aussehen, die den Menschen dient und Gerechtigkeit, ja sogar Solidarität fördert? Ist es überhaupt möglich, heute ein Unternehmen im Sinne des Evangeliums zu führen? In der Apostelgeschichte erscheinen die Schilderungen vom Leben der Urgemeinde wie eine Utopie: Da ist von Gütergemeinschaft unter den Gläubigen die Rede und von einem Geben und Nehmen unter allen, das sich an den Bedürfnissen und der Not orientiert und nicht am Gewinnstreben. „Es gab keinen unter ihnen, der Not litt“ – dieser Satz ist seit den Anfängen des Christentums Ansporn für zahlreiche Unternehmer, bei ihrem Wirtschaften die Gebote Jesu nicht außen vor zu lassen, sondern zum Maßstab ihres Handelns zu machen.

Schaut man sich in der aktuellen Unternehmens- und vor allem Gründerszene um, ist die Abkehr vom reinen Profitstreben und permanenter Gewinnmaximierung gar nicht so selten. Einige Beispiele sollen in dieser Sendung nun zu Wort kommen. Dazu geht es zunächst in die Toskana. Zwischen sanften Hügeln und gesäumt von Zypressen, Weinreben und Olivenhainen führt eine Landstraße von Grosseto nach Siena zu dem kleinen Ort Nomadelfia. Etwa 300 Einwohner leben hier, gegründet hat die kleine Gemeinschaft ein italienischer Priester in den 1950er Jahren. Ihr Name kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie „…wo die Geschwisterlichkeit zum Gebot wird“. Inzwischen ist das sogar offiziell auf den Karten als Name des Ortes so eingetragen. Vor einigen Monaten hatten sie hohen Besuch in Nomadelfia: Papst Franziskus war mit einem Hubschrauber auf ihren Feldern gelandet, um die kleine Gemeinschaft zu besuchen.

Nomadelfia ist eine prophetische Wirklichkeit, die eine neue Gesellschaft bezeugen will durch das Leben des Evangeliums als eine gute und schöne Lebensform.

„Wir möchten zeigen, dass es möglich ist, das Evangelium sozial, gerecht und geschwisterlich zu leben“. So heißt es auf der Internetseite der Gemeinschaft. Die Familien, Erwachsenen, Kinder und einige Priester, die hier den Alltag miteinander teilen, führen ein einfaches, bescheidenes Leben. Sie teilen, was sie durch ihre kleine Landwirtschaft erhalten oder als Spenden bekommen. Es gibt eine eigene kleine Schule, ein Gemeindezentrum, eine Käserei, ein bisschen Vieh, eigene Olivenbäume und Weinberge. Viele Kinder begegnen einem auf den schmalen Straßen. Ein Großteil von ihnen hat nach teils traumatischen Erlebnissen von Gewalt und Vernachlässigung in ihren Ursprungsfamilien hier ein neues Zuhause gefunden. Die Einfachheit und Wärme einer Familie, das ist es, was Gründer Zeno Saltini in Nomadelfia vor allem Kindern ermöglichen wollte, die durch den Krieg oder die Not ihrer Familien auf sich allein gestellt und verlassen worden waren. Paolo Matterazzo ist in Nomadelfia aufgewachsen. Er hat den engagierten Priester aber nicht mehr persönlich kennengelernt. Seine Mutter war eines dieser „verlassenen Kinder“:

Don Zeno sagt: ich habe mich dafür entschieden, arm zu leben. Ich möchte den Armen ein Bruder sein, arm mit den Armen. Und Nomadelfia hat immer mit den Armen gelebt… denn wer ist ärmer als ein verlassenes Kind, ein Kind, dass Gewalt erlebt? Ein Armer, der nichts zu essen hat, kein Dach über dem Kopf und dann aber Nahrung und Herberge findet, ja, ok, der ist arm, aber kein Vergleich mit einem Kind, das keine Liebe erfährt – das hat wirklich nichts!

Besucher werden herzlich aufgenommen. Zum Essen werden sie in die größeren Familiengruppen eingeladen, die bestimmte Räumlichkeiten miteinander teilen und meist zu 15-20 Personen miteinander essen und wohnen. Ökonom Giancarlo Masiero erklärt, wie sich die Gemeinschaft finanziert:

Wir teilen alles, vor allem unser tägliches Leben und dazu gehört auch der wirtschaftliche Aspekt. Einnahmen haben wir aus verschiedenen Renten oder dem Geld der Pflegekinder, die wir aufgenommen haben. Alles andere läuft bei uns unter dem Stichwort „Vorsehung“. Dazu gehört auch unsere Arbeit, unser Engagement, auch unser Bemühen, mit dem Nötigsten auszukommen. Alles, was wir hier tun, wägen wir nicht zuerst von der wirtschaftlichen Seite ab, sondern wir treffen die Entscheidung aufgrund des inhaltlichen Wertes. Und Geld ist wichtig, hat seine Bedeutung, aber wir vertrauen mehr darauf, dass Gott sorgt, dass das Nötige zum richtigen Zeitpunkt ankommt.

Josue Saragoni ist 21, in Nomadelfia aufgewachsen und studiert jetzt in Florenz Elektrotechnik. Er empfindet seine Kindheit und Jugend in Nomadelfia fast wie ein kleines Paradies, das er nun fürs Studium verlassen musste, das ihm aber Sicherheit und Halt gibt:

Klar, wäre es toll, wenn das überall so wäre. Wir leben so, weil wir zeigen wollen, dass es möglich ist: Man kann so leben: als eine große Familie. Es ist unglaublich, wieviel Kraft dir Geschwister geben können, die können dich echt stark machen! Ich habe hier sechs Geschwister und zwei weitere studieren in Florenz. Und wenn einer von uns in Schwierigkeiten ist, dann helfen wir uns gegenseitig.

Für ihn hat das Studium der Elektrotechnik und die Arbeit einen anderen Stellenwert, als er es bei seinen Kommilitonen erlebt. Arbeit erfüllt für ihn nicht in erster Linie den Zweck des Geldverdienens oder der wirtschaftlichen Absicherung:

Schon seit ich klein war, hat mich das fasziniert: Ich hab immer schon gern Sachen auseinander und wieder zusammengebaut und diese Leidenschaft hab ich mir bewahrt. Ich will das studieren, weil ich mehr wissen will, ich will wissen, wie die Sachen funktionieren. Und ich habe gemerkt, die anderen denken nicht so. Die studieren das, weil man damit hinterher leichter Arbeit findet. An sowas hab ich überhaupt nicht gedacht, das war für mich kein Motiv.

Mit einer Gruppe von Jugendlichen und Erwachsenen hat die Gemeinschaft von Nomadelfia vor einigen Monaten an einem internationalen Netzwerktreffen in Rom teilgenommen. Unter dem Titel „Prophetic Economy“ trafen sich dort Gruppierungen, Initiativen und Organisationen, die sozial, solidarisch und nachhaltig wirtschaften und arbeiten. Viele von ihnen christlich inspiriert. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs ist begeistert von der Initiative. Er arbeitet bereits in einigen Themen mit dem Vatikan zusammen und war als einer der Hauptreferenten angereist:

Prophetic Economy ist eine Wirtschaft, die gewinnorientiert arbeitet, die Gerechtigkeit und Frieden im Blick hat. Ihr liegen die Bedürfnisse der Ärmsten am Herzen, eine Wirtschaft, die die Schöpfung bewahrt. All das fordert Papst Franziskus in seinem Text „Laudato Sì“ und das haben die Regierungen mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung vereinbart. Aber so arbeitet die Weltwirtschaft heute nicht!

Sachs hat auch mit den Jugendlichen von Nomadelfia diskutiert, ihnen erklärt, welche Herausforderungen in den nächsten Jahren zu bewältigen sind, wenn man Armut und Klimabedrohungen wirksam bekämpfen will. Und eine wirksame Kraft sieht er in der Vernetzung all der vielen positiven Kräfte, die es schon gibt.  

Daran glaubt auch Karl Schock aus Schorndorf. Der 84-Jährige ist engagierter evangelischer Christ und war lange Geschäftsführer verschiedener Unternehmen. Im Ruhestand hat er sich dann einen Lebenstraum erfüllt: Direkt vor seiner Haustür hat er einen Gewerbepark gegründet, in dem der Geist des Evangeliums spürbar sein sollte: Das geschieht, indem sich die hier angesiedelten Betriebe, Sozialinitiativen und caritative Projekten gegenseitig unterstützen. Arbeitsplätze sollen bewusst auch für Benachteiligte geschaffen werden. Zudem will der Gewerbepark positiv in die Umgebung hineinwirken.

Wir gehen davon aus, dass wir nicht nur Räume vermieten, sondern, dass wir die Gemeinschaft der Firmen unterstützen, dass da eine Art Zusatznutzen, ein humanitärer, sozialer Mehrwert entsteht. Es kann sein, dass sie den Gabelstapler benutzen vom Nächsten, dass man die Dienste des Steuerberaters nutzt, der hier im Haus ist, oder die Dienste des Computerspezialisten... Wir treffen uns auch alle vier Wochen zu einem gemeinsamen Gedankenaustausch und dann berichtet wieder einer, was er macht und so entsteht eine Gemeinschaft. … Man kann nicht nur miteinander beten und singen, sondern auch miteinander arbeiten!

Karl Schock will in seinem Gewerbepark Unternehmen miteinander in Verbindung bringen, die für mehr arbeiten als nur die eigene Profitmaximierung. Zudem will er mit der Gemeinschaft auch ein Glaubenszeugnis in der Gesellschaft geben.

Was mir seit vielen Jahren fehlt, ist die Brücke zwischen Glauben und Wirtschaft und zwar fehlt sie von der Basis her. Der materialistisch denkende Mensch hat keinen Zugang zu einer zweiten Wirklichkeit, die uns umgibt. Miteinander arbeiten im Geiste Jesu Christi – für mich war Geschäft und Glaube immer praktische Realität. Dass es eben mehr ist als ökonomische Zusammenarbeit, sondern dass eine Gemeinschaft entsteht, die den vergessenen Faktor mit hereinnimmt...

Sein Projekt ist erfolgreich: Im „Schock-Areal“ haben sich inzwischen mehr als 50 Betriebe angesiedelt: von der Kfz-Werkstatt übers Steuerbüro bis hin zum mittelständischen metallverarbeitenden Betrieb. Längst nicht jeder der Betriebe würde sich als christlich motiviert beschreiben, aber alle genießen den „guten Geist“ auf dem Gelände, wie manche es formulieren. Einige Sozialinitiativen profitieren von Sonderkonditionen bei der Miete, weil sie caritativ engagiert sind und bewusst sozial Benachteiligte in den Arbeitsmarkt integrieren wollen. Wie die Taschenmanufaktur „Zauberfaden“.

Hier haben Geflüchtete und Asylsuchende eine Chance, in den deutschen Arbeitsmarkt hineinzuwachsen und erhalten gleichzeitig Unterstützung im Behördendschungel und Sprachunterricht. Geschäftsführer Matthias Römer beschreibt die Motivation des vorwiegend ehrenamtlich arbeitenden Teams in der Taschenmanufaktur:

… Wobei unsere Aufgabe hier nicht primär ist, Taschen herzustellen, sondern die Menschen fit zu machen, zu integrieren für den Alltag in Deutschland, fit zu machen für die Arbeitswelt, fit zu machen für das Leben in unserer Gesellschaft, damit sie bei uns ganzheitlich für das Leben in Deutschland vorbereitet werden.

An den Nähmaschinen sitzen Menschen der unterschiedlichen Kulturen, manche haben in ihren Heimatländern bereits als Schneider gearbeitet. In den Pausen entstehen Beziehungen, es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Dass die Initiative gut die Hälfte ihrer Kosten durch den Umsatz der Taschen selbst erwirtschaftet, liegt sicher auch am Beitrag von Matthias Römer, der vorher bereits als Geschäftsführer gearbeitet hat und nun ehrenamtlich tätig ist:

Ich geb‘ einfach der Gesellschaft ein bisserl was zurück, was ich ein Leben lang gekriegt habe... Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, dass diese gemeinnützigen Organisationen auch unternehmerischen Sachverstand haben.

Der Gesellschaft etwas zurückgeben, Mitverantwortung für Arbeitsplätze übernehmen, sozialgesellschaftlichen Mehrwert schaffen, das treibt auch Karl Schock noch lange nach seinem aktiven Arbeitsleben um. In einer der Hallen des Schockareals hat er daher sein eigenes Sozialunternehmern gegründet: die Isocalm GmbH, mit der er Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven in Afrika schaffen will. Aus Elefantengras hergestellte Wärmedämm- und Putzträgerplatten werden dafür aus Ghana nach Deutschland exportiert. Diese können hier nämlich für den ökologischen Naturhausbau in der Isolierung im Innen- und Außenbereich eingesetzt werden.

Mein einziges Ziel war und ist, Arbeitsplätze zu schaffen und dort einen Mehrwert zu generieren, wie z.B. Ausbildung...

Unternehmerisches Handeln beinhaltet für Karl Schock in erster Linie eine moralische Verantwortung, er sieht darin auch seinen Auftrag als Christ und ist immer auf der Suche nach Mitstreitern:

Das Potential der etwa 5000 christlichen Unternehmer, die es bestimmt in Deutschland gibt, dort unten Arbeitsplätze zu schaffen und am wirtschaftlichen und charakterlichen Aufbau Afrikas mitzuwirken, wäre gigantisch!

Sein Isocalm-Projekt hat er auch in Rom beim Netzwerk-Event von „Prophetic Economy“ vorgestellt.

In der kleinen Schule in Nomadelfia diskutieren die Schüler anschließend einige dieser Projekte und überlegen, wie ihr Beitrag aussehen kann. Der Austausch mit Unternehmern, Wissenschaftlern und Ökoaktivisten war für sie auf jeden Fall eine sehr positive Anregung:

Ich wusste schon einiges über die Probleme in der Welt, über ökologische Probleme, über Umwelt und Klima. Aber ich habe einiges Neues erfahren… Wir Menschen sind es, die vieles zerstören und verschlimmern. Vor allem wir müssten uns wohl ändern - die Welt in sich wäre schon perfekt!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 17.02.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Fleming

Andrea Fleming hat in Düsseldorf Ihren Diplomabschluss in Italienisch, Englisch und Deutsch als Literaturübersetzerin gemacht und arbeitet seit 2003 als freie Journalistin. Sie ist freie Mitarbeiterin im Bayerischen Rundfunk, ist für Firmen und Non-Profit-Organisationen in der PR-Arbeit tätig und schreibt für diverse Zeitschriften und Online-Portale. Außerdem arbeitet sie als deutsche Pressereferentin der Fokolar-Bewegung. Kontakt: a.fleming@gmx.de

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