Spurensuche, 26.01.2019

von Christian Feldmann aus Regensburg

Bankier und Mystiker – geht das?

Ein Bankdirektor als Seliger? Christian Feldmann von der katholischen Kirche erinnert an Hieronymus Jaegen, der vor 100 Jahren in Trier verstarb, und an dessen Apell, Gottes Gegenwart mitten in der Welt zu erfahren.

Seine Frömmigkeit wirkte so altväterlich und bieder, dass ihm boshafte Zeitgenossen den Spitznamen „Lilienstengel" gaben. Doch mit seinen Ideen erscheint er als Pionier eines weltzugewandten Christentums und selbstbewussten Laienengagements, das seinen eigenen Weg zu Gott beansprucht. Der Maschinenkonstrukteur, Bankdirektor und Landtagsabgeordnete Hieronymus Jaegen, der vor 100 Jahren, am 26. Januar 1919 in Trier starb, vertrat in seinen etwas altmodisch formulierten Schriften die Ansicht: um mit letzter Konsequenz und radikalem Ernst als Christ zu leben, müsse man nicht ins Kloster gehen. Im Gegenteil, mitten in der Welt sei Christsein sogar besonders nötig, um die Welt mit christlichem Denken und Handeln zu erfüllen. Mitten im verantwortungsvollen Berufsleben könne man durchaus ein Mystiker sein.

Der Lehrersohn aus Trier, der preußisch gewordenen Bischofs- und Garnisonstadt,  studierte in Berlin Maschinenlehre und Bauwesen und führte die neugegründete Trierer Volksbank in den 19 Jahren seiner Tätigkeit als Bankdirektor zu Erfolg und Prosperität. Die Volksbank hatte sich den Interessen der kleinen Sparer und Gewerbetreibenden verschrieben. Im Preußischen Landtag interessierte er sich als Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei für die Sorgen der Bauern und Winzer daheim an der Mosel, setzte sich für den Ausbau des Eisenbahnnetzes ein und gründete zahlreiche Vereine. So nebenher, unaufdringlich helfend, führte der Bankchef die Geschäfte mehrerer Klöster und wirkte als Treuhänder katholischer Schulen. Stunden um Stunden oft eintöniger Arbeit, ohne jedes Honorar.

Ein Mönch ohne Kloster, mitten im Leben der Welt?

Sein an einen Mönch erinnernder Tageslauf – mit Messbesuch um sechs Uhr morgens, regelmäßiger geistlicher Lesung und ausgiebiger Meditation – war keineswegs als Flucht aus der Welt der Geschäfte und des politischen Engagements gedacht. Viel zitiert wird Jaegens etwas anstößiger und gewiss kritisch zu hinterfragender Ausspruch: „Ich schlief zwanzig Jahre am Geldschrank und war nicht eine Minute ohne Gottes Gegenwart bis zum Einschlafen.“1 Wenn das Bonmot dazu ermuntert, im ständigen Kontakt mit Gott nach der Tiefendimension eines ganz normalen Lebens zu suchen, dann hat es einen guten Sinn.

Dasselbe Ziel leitete ihn, als er sich als geistlicher Schriftsteller versuchte – mit den in mehreren Auflagen erschienenen Büchern „Das mystische Gnadenleben“ und „Der Kampf um die Krone“. Seine Botschaft, garniert mit recht konkreten Ratschlägen: Ein Leben ganz in der Nähe Gottes sei auch für einen beruflich voll engagierten „Weltmenschen“ möglich, weil Gottes Gegenwart alles durchdringe und heilige. „Glaube es recht lebhaft und denke recht viel an diese Allgegenwart Gottes, so wirst du bald ein ganz anderer Mensch werden.“2 So schwer sei es doch gar nicht, „höher zu klettern“. Man brauche gar keine großen Änderungen an den äußeren Lebensumständen vorzunehmen. Nötig sei lediglich eine „Begeisterung“, stark genug, dass sie „dich über deine Bedenken und dein Phlegma, über alles Geld und Gut dieser Erde und über dich selbst erhebt zu himmlischen Bestrebungen, zur Teilnahme an dem Leben des unendlichen Gottes“3.

Bald ein Seliger?

In seinen letzten Lebensjahren war Hieronymus Jaegen schwer krank. 1919 starb er 77-jährig; beigesetzt wurde er in einem einfachen Reihengrab, wie er es verfügt hatte. Aber die Trierer begannen bald mit ihren Sorgen zum „Jaegen-Männchen“ zu pilgern, wie sie ihren heimlichen Heiligen in zärtlicher Vertrautheit noch heute nennen. In finanziellen Notlagen und Erbschaftsangelegenheiten wandte man sich an ihn, aber auch vor riskanten Operationen, in Schwangerschaftskonflikten und vielfältigen seelischen Nöten.

Seit 1941 ist der Seligsprechungsprozess in Rom anhängig. Dort liegen elf dicke Aktenbände mit Dokumenten und Zeugenaussagen. Benedikt XVI. unterzeichnete 2006 das wichtige Dekret zur Anerkennung von Jaegens „heroischen Tugenden“, wie das in der Kuriensprache heißt. Dass die Akten mitten im Zweiten Weltkrieg nach Rom gingen, hat den Prozess eher zäh beginnen lassen, und hinter ihm steckt kein starker Orden, sondern eine Verehrerschar ohne große finanzielle Mittel. Freilich engagiert sich die Diözese Trier zunehmend für die Seligsprechung. 1959 überführte man Jaegens Gebeine vom Trierer Hauptfriedhof in die Pfarrkirche St. Paulus. Als diese profaniert wurde, zog das „Jaegen-Männchen“ erneut um, im August 2018, diesmal in die Marktkirche St. Gangolf.

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann 


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Dieser Beitrag wurde am 26.01.2019 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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