Feiertag, 10.02.2019

von Christian Feldmann aus Regensburg

Großstadtseelsorger in der Weimarer Republik - Zum 90. Todestag von Carl Sonnenschein

Der katholische Priester Carl Sonnenschein kam nach dem Ersten Weltkrieg aus Düsseldorf nach Berlin. In der flirrenden Metropole wollte er ein gesellschaftspolitisches Bewusstsein unter den selbstgenügsamen Katholiken schaffen. Er verfügte über eine Kartei mit mehr als 100.000 Schicksalen. Auf einzigartige Art und Weise gelang es ihm, praktische Hilfe zu organisieren und kämpfte so für die Menschenwürde – motiviert vom Glauben an den guten Gott und Christus, dessen Revolution "in die Seele fasst".

„Uneheliche Mutter, früher Gymnasiastin, lungenkrank, feuchte Wohnung, größte Not, erbittet Bett für viermonatiges Kind.“

„Verhungerter süddeutscher Student annimmt jede Arbeit.“

„Einjähriges blondes Kind zu verschenken.“

Es ist keine Satire, es sind keine Texte aus einem politischen Theaterstück. Die Zitate, man glaubt es kaum, stammen aus einer Kirchenzeitung der Weimarer Republik. Der Großstadtpfarrer Dr. Carl Sonnenschein griff in dem von ihm herausgegebenen „Katholischen Kirchenblatt für Berlin“ mit Vorliebe solche Zeitungsinserate auf; es waren echte, ernst gemeinte Anzeigen. Genau richtig, um das Ausmaß des Elends hinter der glitzernden Weltstadtfassade zu schildern. Genau richtig, um selbstzufriedene Christen dazu zu bringen, sich einzumischen.

Carl Sonnenschein war im Berlin der Weimarer Zeit mit seinen sozialen und publizistischen Aktivitäten wohl der bekannteste Priester. Man nannte ihn respektvoll „Großstadtapostel“ oder etwas skeptisch einen „Zigeuner der Wohltätigkeit“.

„Berlin ist eine Großstadt, aber der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“ –

 – hatte Carl Sonnenschein ziemlich enttäuscht bemerkt, als er nach dem Ersten Weltkrieg in die Metropole kam. Schöne Gottesdienste und ein blühendes Vereinsleben – erstaunlich für eine Diaspora-Kirche, denn die Katholiken waren in der Residenzstadt der Hohenzollern und ihrer Beamtenschaft eine mit Geringschätzung behandelte Minderheit. Kleine Leute, Dienstboten, Handwerker, Arbeiter, die meisten aus Schlesien und dem Ruhrpott zugewandert. Diese Katholiken, ihre Priester und Lehrer, sogar ihre Kommunalpolitiker führten eine Art Ghetto-Existenz ohne viel Gespür für die drückenden Nöte der explodierenden Großstadt.

In Berlin war die Hölle los 

Schon etwa 20 Jahre zuvor war Berlin eine vor Tempo und Rhythmus flirrende Metropole, ein kultureller Schmelztiegel, hektisch, chaotisch, unüberschaubar. Mit vier Millionen Einwohnern platzte die Reichshauptstadt um die Jahrhundertwende bereits aus allen Nähten, und immer neue Menschenmassen strömten von überallher in das größte Industriezentrum des Kontinents, Entwurzelte auf der Suche nach Arbeit und Lebenschancen. Im Eldorado Berlin hofften sie Ausbildung und Verdienst zu finden, weltstädtisches Flair und vielleicht auch ein wenig Sinnenreiz und Nervenkitzel. Aber die erträumte Straße zum Glück entpuppte sich allzu oft als Sackgasse: schmutzige Gelegenheitsjobs statt der großen Chance, elende Mietskasernen und Kellerquartiere statt eleganter Wohnkultur. Am Ende nicht selten das Obdachlosenasyl oder Bordell. Eine goldene Nase verdienten sich hier nur die Bauunternehmer und Bodenspekulanten, die Miethaie und Arbeitsvermittler. Im brutalen Krieg um den Platz an der Sonne blieben viele auf der Strecke.

Und die Kirche? Natürlich pflegte sie nicht nur eine fromme Innerlichkeit. Doch die Menschen auf der Schattenseite des Lebens vermuteten hinter ihren Suppenküchen, Waisenhäusern und Gefängnisfürsorgebüros eigennützige Seelenfängerei. Musste man sich den heißen Eintopf nicht in der Regel mit ein paar frommen Liedern verdienen? Mit mal gutmütiger, mal aggressiver Reserve begegnete Berliner Eigensinn dem lieben Gott und seinen irdischen Angestellten.

„Wozu is‘ de Kirche?“

– fragte der beliebte Humorist Adolf Glaßbrenner spöttisch und gab die lakonische Antwort:

„Damit man des Orjeln hört!“

Die Hölle war los in Berlin in diesen aufgewühlten Elendsjahren nach dem Ersten Weltkrieg. Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit trieben Arbeiter und Mittelständler den Radikalen in die Arme. Die politische Auseinandersetzung spielte sich zu einem guten Teil auf der Straße und im Bierdunst der Traditionsgaststätten ab – in einem Klima von Fanatismus, Hass und Gewalt.

Ziel: Akademiker „aus dem Elfenbeinturm herausholen“

Carl Sonnenschein war kein Unbekannter, als er 1918 nach Berlin kam. Aus einer Düsseldorfer Handwerkerfamilie stammend, hatte er in Bonn und an der römischen Gregoriana studiert und dort zwei Doktortitel erworben. Bei den Disputationen auf Latein hatte er sich unter anderem mit Eugenio Pacelli zu messen, dem späteren Papst Pius XII. – Vor allem aber begeisterte er sich für die soziale und demokratische Aufbruchsbewegung im italienischen Katholizismus. Zusammen mit dem jungen Priester Romolo Murri, einem Vorläufer der „Democrazia Cristiana“, organisierte Sonnenschein den ersten internationalen katholischen Studentenkongress in Rom. Das war im Jahr 1900. Dort wurde bereits über interkonfessionelle christliche Gewerkschaften gesprochen und über eine Aussöhnung der Katholiken mit der Demokratie – damals eine unerhörte Provokation. Murri wurde später exkommuniziert.

Nach ersten Kaplansjahren in Aachen und Köln wechselte der junge Dr. Sonnenschein nach Elberfeld, wo er sich italienischen Gastarbeitern widmete und Aufsehen erregte, als er für die Stadtratskandidatur eines Arbeiters sorgte – auf der Liste des katholischen Zentrums. 1906 holte ihn der „Volksverein für das katholische Deutschland“ in seine Zentralstelle nach Mönchengladbach. Der „Volksverein“ verstand sich als Motor eines gesellschaftspolitischen Engagements und als Interessenvertretung der unterprivilegierten Arbeiterschaft. Sonnenschein träumte davon, Proletarier und Akademiker in einer mächtigen Bildungsoffensive zusammen zu bringen.

Mit Feuereifer ging er ans Werk. Er gründete das „Sekretariat Sozialer Studentenarbeit“ und an die zweihundert Studentenkreise. Das Ziel: Die künftigen Mediziner, Richter und Staatsbeamten sollten aus ihrem Elfenbeinturm heraus kommen und die soziale Wirklichkeit kennenlernen. Entsetzt berichtete Sonnenschein von einer Eisenbahnfahrt, bei der er sich mit angehenden Philologen unterhalten habe. Die Examenskandidaten hätten keinen Schimmer davon gehabt, ob die Mannheimer Arbeiter in Gewerkschaften organisiert seien und wie die Heidelberger Bevölkerung politisch eingestellt sei.

„Sie erzählten mir aber, Goethe habe den zweiten Akt des ‚Tasso‘ auf einer Droschkenfahrt durch den Hunsrück gedichtet!“

Sonnenschein wollte Gewerkschaften „entklerikalisiert“

Sonnenschein war keineswegs ein Anhänger revolutionärer Umwälzungen. Im Ersten Weltkrieg äußerte er sich zunächst ganz im Sinne des herrschenden Hurra-Patriotismus. Das „Deutschtum“, so Sonnenschein wörtlich, sei in diesem „Kampf um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation“ berufen, „das Menschentum in Europa zum Siege zu führen.“ Sicher sei der Krieg schlimm, aber – so Sonnenschein weiter – „ein Frieden ohne Leben und eine Kultur ohne Charakter“ hätten noch üblere Auswirkungen. Später trat er für einen Interessenausgleich auf dem Weg vernünftiger Reformen ein, kein Wort vom Klassenkampf. Doch als er Streikende unterstützte und geschliffene Reden gegen arrogante und hohlköpfige Verbindungsstudenten hielt, da geriet er in Konflikt mit der Justiz und mit erzkonservativen katholischen Kreisen. Der Breslauer Kardinal Kopp erteilte ihm Redeverbot, weil Sonnenschein hartnäckig für „entklerikalisierte“ christliche Gewerkschaften plädierte und schroff feststellte:

„Keine monarchische schwerfällig konservative, sondern eine soziale Volkskirche brauchen wir, um die Zukunft des Katholizismus in Deutschland zu retten!“

Kein Wunder, dass Sonnenschein 1918 das von belgischen Truppen besetzte Mönchengladbach verlassen musste; die Belgier hatten ihm sein Eintreten für die Selbstbestimmung der flämischen Minderheit nicht verziehen. Er ging nach Berlin. Und obwohl er nie ein offizielles Kirchenamt innehatte, war er dort bald allgegenwärtig. Mit dem städtischen Klerus war es keineswegs vernetzt – im Gegenteil. Die bedächtigeren Amtsbrüder sahen in dem Zugereisten, der sich in seinem Eifer überall einmischte und aufdrängte, eher einen Störenfried.

Keiner hatte so viel Charisma, aber…

Zumal der von Ideen sprühende Charismatiker zweifellos ein problematischer Charakter war: sprunghaft, autoritär, nicht uneitel, kein Teamplayer. Der katholischen Jugendbewegung stand er misstrauisch gegenüber, die Studentenschaft fühlte sich von ihm bevormundet. Seine vielen Gründungen und Initiativen versickerten oft wieder, weil er im persönlichen Gespräch zwar mühelos Gefolgsleute gewann, aber nichts dauerhaft organisierte und kein Gespür für Strukturen hatte. Er verstand die Massen zu begeistern – gleich zu Anfang seiner Berliner Tätigkeit mit einer gewaltigen „Katholikenversammlung“ am Neujahrstag 1919 im Zirkus Busch. Der Funke zündete sofort, aber er verglomm bald wieder.

Keiner hatte so viel Charisma wie er, keiner vermochte seine Zuhörer derart mitzureißen. Was er stürmisch improvisierte, hatte oft genug keinen Bestand – aber ohne Sonnenschein hätte es all die Initiativen gar nicht gegeben. An allen Brennpunkten der Not war er präsent. Er gründete ein „Akademisches Arbeitsamt“, wie er es nannte, für verelendete Hochschulabsolventen, Lehrerinnen und Schriftsteller. Eine „Katholische Volkshochschule“ mit einem sehr praktisch orientierten Kursprogramm hob er aus der Taufe, eine „Akademische Lesehalle“ für breite Schichten, einen Geschichtsverein, einen Wassersportverein – und: die erste katholische Kirchenzeitung für Groß-Berlin. Und immer wieder groß angekündigte Vereinstage, Versammlungen,  Kundgebungen, die dem Berliner Katholizismus Selbstbewusstsein und ein Gesicht in der Öffentlichkeit geben sollten:

„Wir wollen das Gewissen dieser Stadt erregen!“ – „Katholiken, erscheint in Massen! Ihr seid eine Macht! Zeigt die Macht durch geschlossenes Erscheinen!“

Rund um die Uhr erreichbar und Zigaretten paffend

Sonnenscheins spartanisch eingerichtetes Büro in der Georgenstraße 44 befand sich zwischen dem Bahnhof Friedrichstraße und der Universität. Es sei den vielen Hilfsbedürftigen wie ein „Welthafen-Landungsplatz“ erschienen, schreibt ein Zeitgenosse, wie eine paradiesische Zufluchtsstätte. Sonnenschein war Tag und Nacht erreichbar. Sprechstunden oder Urlaub kannte er nicht. Mit Hilfe seiner legendären Kartei knüpfte der ununterbrochen Zigaretten paffende, ständig am Telefon hängende Priester unbürokratische Kontakte. Er verschaffte Empfehlungen, Stipendien, Freitische, verteilte Lebensmittel und Spendengelder. Irgendeinem heruntergekommenen Penner schenkte er die eigenen soliden Schuhe, trank mit einem schluchzenden Selbstmordkandidaten einen Cognac. Er tröstete, ermunterte und wies konkrete Wege. Akten, Taufscheine und reumütige Bekenntnisse interessierten ihn nicht. Er wollte helfen, Leben ermöglichen, menschliche Würde retten.

Ein junger Mann aus der Provinz stand mittellos auf der Straße, brauchte ein Nachtquartier. Sonnenschein fischte die Telefonnummer einer mildtätigen Geheimrätin aus seiner Kartei, schickte den Obdachlosen zu der Dame, wo er gut verpflegt wurde. Am nächsten Tag ein wütender Anruf der Frau Geheimrat: Ob er sich den jungen Mann denn nicht angeschaut habe, er sei am frühen Morgen mit einem Perserteppich verschwunden. Darauf Sonnenschein in aller Gemütsruhe:

„So, so. War das Ihr einziger Teppich?“

An die hunderttausend Adressen sollen Sonnenscheins überquellende Karteikästen enthalten haben: Zeitungsredakteure, Behördenmitarbeiter, Rechtsanwälte, Ärzte, Hebammen, Ordensleute, Lehrerinnen, Arbeitslose, Wohnungssuchende, Angehörige von Inhaftierten, Alleinerziehende, bettelarme Rentnerinnen, hilfsbereite gute Geister aus den besseren Schichten. Wer irgendwann auch nur ein paar Sätze mit dem Priester Dr. Sonnenschein gewechselt hatte, fand sich todsicher in diesen Adressengebirgen und sehr privaten Notizen wieder. Ohne Rücksicht auf irgendeinen Datenschutz balancierte er zwischen Angebot und Nachfrage, sandte den Habenichts zum betuchten Kommerzienrat und die sozial aufgeschlossene Industriellengattin in die Mietskaserne. Seine Mitarbeiter schickte er zum Nachfragen, ob denn auch alles geklappt habe.

„Keine theologischen Dispute, nur die Güte werden sie begreifen“

Denn längst hatte der Priester einen Kreis hochmotivierter Gesinnungsgenossen um sich geschart, die er schulte und mit Adressenlisten und Aufträgen bombardierte. Und längst beschränkte er sich nicht mehr nur auf Berliner Probleme. Auf dem Dortmunder Katholikentag 1927 hielt er eine Brandrede:

„Theologische Dispute sind Fremdsprache und Papier. Nur eines reicht an diese Menschen heran, die das Christentum nicht mehr aus den Erzählungen ihrer Väter kennen und nicht mehr aus dem Religionsunterricht der Schulzeit. Nur eines werden sie begreifen: die am eigenen Leib, an eigener Seele, an eigener Not erlebte Güte dieser Religion in ihren Vertretern.“

Vielen war dieser ständig unter Dampf stehende Pionier immer noch zu „unkatholisch“, zu gesprächsoffen, zu unberechenbar. Seine Gründungen standen jedem offen, konfessionelle Enge war ihm verhasst. Er hielt Freundschaft mit glaubenslosen, aber sozial denkenden Intellektuellen. Den „roten“ Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der als junger Mann aus der katholischen Kirche ausgetreten war, nannte er bewundernd einen „in tiefster Seele religiösen Menschen“. Und dem katholischen Zentrum empfahl er, mit den Sozialdemokraten zu koalieren, um eine Politik im Interesse der kleinen Leute durchzusetzen.

Sonnenschein wollte alles auf einmal: Bewusstsein schaffen, praktische Hilfe organisieren, die Presse mobil machen, vor allem aber die Mitchristen an die Radikalität erinnern, die im Evangelium steckt. In zahllosen Predigten und Zeitungsartikeln lief er Sturm gegen die Selbstgenügsamkeit, im atemlos gehetzten Stil des zeitgenössischen Expressionismus:

„Ihr seht diese grauen Gesichter nicht. Die schmalen Witwen. Die hohlen Kinder. Die steingewordenen Proletarier. Arbeitslos! Ohne Schimmer von Ausblick. Zerquält. In dem einen Zimmer! Im Korridor! In dem Hinterhaus! Ihr seht sie nicht in den Kellern und Hospitälern! Erst, wenn die Leiche ins Schauhaus gebahrt wird. Erst, wenn die Zeitung die Gashähne nummeriert. Die sich in einer Nacht öffneten. Erst dann seht ihr sie. Dann steht das Gespenst um eure Tische. Dann seid ihr, auf ein paar Minuten, entsetzt. Lasst das posthume Entsetzen! Seid Christen! Fasst zu! Helft! Darf man Luxus haben und Luxus treiben, wenn nebenan Menschen hungrig sind? –

„Des Katholiken charakteristisches Zeichen soll sein, dass er die Religion lebt. Nicht, dass er von ihr redet.“ – „Es gilt nicht mehr der Kampf um Ablass, Beichte und Marienkult, sondern der Kampf um die Quadern des Christentums. Gilt noch der Begriff der christlichen Ehe? Bekennen wir uns noch zum Kind? Haben wir noch einen Sonntag? Die Mietskaserne ist ein Verrat an den Zehn Geboten Gottes. Ich schäme mich, die Zehn Gebote zu predigen, wenn ich nicht helfe, dass sie erfüllt werden können.“

„Dein Reich, o Herr, muss bis nach Berlin reichen!“

Sonnenscheins Gebet an der Weihnachtskrippe konnte einem die Sprache verschlagen, so etwas war man nicht gewöhnt von einem Pfarrer:

„O Herr, lass zwischen die Pfähle dieser Stadt ein Stück deines Reiches sich niederlassen! Zwischen das Geröll dieser Spree binde deine Anker! Alles in mir brennt nach Licht und Leben. Wir versuchen vergeblich den Himmel mit unsern Träumen zu bevölkern! Du musst mit deiner Wirklichkeit zu uns niedersteigen! Dein Reich, o Herr, muss vom Himmel bis zur Erde reichen! Bis nach Berlin! Sonst sind die Gärten um diese Stadt verdorrende Wüste.“

„Er steige zu uns hernieder! Der Heiland. Der Erlöser. Hier in Neukölln, hier in Friedrichsfelde, hier in Hermsdorf ist Betlehem! Unter den 170 000 Arbeitslosen Berlins, unter den Zehntausenden, die auf der Wohnungsliste stehen. Auf der Dringlichkeitsliste. Unter den sechstausend, die in dieser Nacht auf der Fröbelstraße im ‚Obdach‘ wohnen. Hier steht die Krippe. Wenn das nicht wahr ist, wenn diese Welt nichts vom Christentum spürt, diese Weinenden und Schluchzenden, wenn denen die weihevolle Nacht nichts gibt, dann will ich kein Weihnachten haben! Denn ich will die Krippe nicht für mich allein. Ich will die Krippe für alle Menschen.“

Als Sonnenschein am 20. Februar 1929 an einem Nierenleiden und an Herzschwäche starb, da war er erst 52 Jahre alt. Am Sterbebett war der Päpstliche Nuntius Pacelli erschienen, sein Kollege aus der akademischen Debatte der Studienzeit, um ihm als Anerkennung aus Rom den Prälatentitel anzubieten. Sonnenschein lehnte dankend ab.

                      

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 10.02.2019 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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