Feiertag, 27.01.2019

von Andrea Fleming aus München

Zum 25. Todestag von Bischof Klaus Hemmerle: Gott und Kirche neu gedacht

Klaus Hemmerle hat Spuren hinterlassen: als Professor für Religionsphilosophie, als gefragter Referent und Autor. Nicht zuletzt als Bischof von Aachen. Vor allem aufgrund seiner großen Menschenfreundlichkeit und der Gabe, Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft und Coleur zu berühren, ist er noch heute unvergessen. Andrea Fleming erinnert an den beeindruckenden Hirten der katholischen Kirche.

Am 23. Januar 1994 – also vor 25 Jahren - starb Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen. Weit über das Bistum hinaus ist er bekannt geworden als ein Mensch, der Gott und die Botschaft des Evangeliums durch sein Leben und seine Worte anziehend machte. Seine Bescheidenheit, seine Gläubigkeit gepaart mit Klugheit und sein einzigartiges Charisma faszinierten auch Menschen, die eigentlich nicht viel mit Kirche und Glauben am Hut hatten. 

Er hinterließ aber auch tiefe Spuren als Rektor und geistlicher Assistent des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, prägte viele Katholikentage, war im Bistum überaus beliebt, eroberte die Herzen von Kindern und Bergleuten und pflegte intensive Freundschaft mit jüdischen Rabbinern, orthodoxen Metropoliten und lutherischen Bischöfen.

„Er war einer, der keine Tabus kannte.“ – „...wenn er sich mit Haus Klemmerle vorgestellt hat...“, „Egal, was er anpackte: Da kam eine Überraschung raus“. – „Kein Druck irgendwie, ich hab ihn nie laut erlebt.“ – „Er hat eine unglaubliche Begabung gehabt, loszulassen.“.

Hemmerle hinterließ überall Spuren

Eine vielfältige Persönlichkeit, ausgestattet mit vielen Talenten. Hochintelligent und gleichzeitig musisch und künstlerisch begabt, ein Meister der Wortspiele und ein exzellenter Zuhörer: Klaus Hemmerle – Theologe und Bischof, ein Brückenbauer in der Ökumene, im Dialog mit dem Judentum und engagiert im Gespräch zwischen Kirche und Welt.

Sein Denken, sein Reden über Gott, sein Leben, seine Art, Beziehungen zu leben, haben in vielen Menschen Spuren hinterlassen. Er kam als Einzelkind aus einfachen Verhältnissen, sein Vater verdiente als Maler im Nazi-Deutschland nur schwer das Nötige für die Familie. Aber zu Hause wurde viel geredet: über den Glauben, die Freiheit und das, wofür es sich zu leben lohnt. Die Beziehungen waren echt und tief und Klaus Hemmerle erlebte hier das erste Zeugnis gelebten Glaubens, das ihm sein ganzes Leben lang fester innerer Anker war.

Geprägt wurde er von seinem Lehrer, dem Theologen Bernhard Welte, der wiederum von Martin Heidegger und Edmund Husserl beeinflusst war. Wilfried Hagemann, heute Priester und Theologe in Bocholt, gehörte zu den engsten Freunden von Klaus Hemmerle und beschreibt das Typische in Hemmerles Herangehensweise:

„So ein inneres Leitwort, was er auch von seinem Lehrer Welte hatte, war: Jede Wirklichkeit hat das Recht, sich zu zeigen, wie sie ist. Wir müssen erstmal die Wirklichkeit ernst nehmen und dürfen sie nicht gleich denkerisch zurecht legen. Und von dort her ist ihm sozusagen dieser Gedanke gekommen: Das Denken ist eigentlich etwas, wo der Mensch nicht zunächst etwas macht, sondern sich öffnet, dass anderes in ihn eintritt. Und er sagte: Dieses Denken hat nicht einen Charakter des Fassens, sondern des Lassens – ich lasse etwas kommen.“

Vom „Fassen“ zum „Lassen“

Vom fassenden zum lassenden Denken – das war einer der wichtigsten Grundgedanken, den Hemmerle lebte und lehrte. Sein Denken begann nicht beim Subjekt, sondern für ihn ging die Initiative von Gott selbst aus. Wilfried Hagemann:

„Hemmerle sagt: Ich finde mich vor, also bin ich, ein anderer hat mich gedacht. Also er fängt beim Akkusativ an und nicht beim Nominativ. Und er sagt: Ich als Mensch nehme mich wahr als jemand, der sich empfängt und wenn ich mich empfange und annehme und ins Leben eintrete, dann formt sich das Ich. Das Ich kommt also nach dem Mich.“

Wissen, dass wir nicht den ersten Schritt tun müssen, sondern in eine Dynamik hineingenommen sind, die von Geben und Empfangen lebt, das war seine Vorstellung von Gott, sein Bild von Dreifaltigkeit.  Hemmerle habe die Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes heruntergebrochen in Verben, erzählt Hemmerle-Freund Hagemann:

„Also Vater heißt für ihn GEBEN, Sohn heißt  EMPFANGEN, Geist heißt  MIT-SEIN. Und er sagt: Das ist alles im Menschen angelegt, das können wir schon, von uns aus, weil wir sozusagen nach dem Bild Gottes geschaffen sind.“

„Uns ist der Wein ausgegangen“

Diese Überzeugung prägt das Leben des Aachener Bischofs. Er lädt im Gespräch und in seinen Predigten zu einem Lebensstil des Evangeliums ein. Hemmerle holt dabei seine Zuhörer ab, versetzt sich in ihre Lage und spricht aus, was sein Gegenüber bedrücken könnte. In einer Predigt an der Mariengrotte von Lourdes nimmt er seine Zuhörer in wenigen, aber sehr plastischen Worten in die Szene der Hochzeit zu Kana hinein und baut eine Brücke in die Gegenwart:

„Wir alle haben über unsere Verhältnisse gelebt wie jene bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Es ist zu schwer, was wir zu tragen haben, wir schaffen es nicht, mit unserem Leid fertig zu werden. Es ist zu anspruchsvoll, wozu Gott uns gerufen hat, wir füllen es nicht aus, unser Leben, es ist zu bedrohlich, was wir zu bestehen haben, diese Situation des Unglaubens und der Gottfremde, und wir sind zu klein, um wirklich die großen Zeugen zu sein, die man heute braucht. Uns ist der Wein ausgegangen.“ (Predigt am 6. Mai 1988)

Er zeigt auf, wie Maria den Christen heute Wege aus den Krisen ihres Lebens weisen kann:

„Gehen wir den Weg weiter – bislang einen Weg zu Maria und von jetzt an einen Weg mit Maria, und leben wir diese vier Botschaften:

1. Was er euch sagt, das tut!
2. Was er euch tut, das sagt!

3. Was er euch gibt, das nehmt!
4. Was er euch nimmt, das gebt!

Dann werden wir große Zeichen sehen, große Zeichen, so wie sie hier leuchten, sie werden leuchten in unserem Leben, in unserem Alltag. Amen.“ (Predigt am 6. Mai 1988)

„Ich mach dich schöner“

Diese Wortspiele prägen sich ein, mancher zitiert sie noch Jahre später.

Sprache war für ihn ein Instrument, das er virtuos einsetzen konnte: Sie diente ihm, um aus gewohnten Floskeln auszubrechen und die Aufmerksamkeit auf den Kern einer Frage zu lenken, sie war aber auch Brücke, um Spannungen abzubauen oder andere zum Schmunzeln zu bringen. Nie jedoch war sie Selbstzweck oder Instrument der Eitelkeit. Seine Sekretärin Issi Eschweiler erinnert sich, wie er von einer gemeinsamen Bekannten sprach:

„Eine Gemeindereferentin, die kannte er auch vom Dienst her und die hieß Cilly Rensonnet. Und dann hat er aus diesem Rensonnet Laufsohübsch gemacht. Aber es war immer so liebevoll. Wenn er etwas verdrehte, dann hatte man nicht den Eindruck, er will jetzt die Blicke auf sich ziehen oder so, oder besonders humorvoll erscheinen. Das war so, als würde er den anderen ein Mäntelchen umhängen: Ich mach dich schöner, so irgendwie!“

Wichtige Spuren hat Klaus Hemmerle auch im Dialog zwischen Christen und Juden hinterlassen. Einen Meilenstein setzte er mit der Gründung des ersten theologischen Gesprächskreises von Juden und Christen Anfang der 70er Jahre. Partner auf jüdischer Seite war dabei zunächst der Rabbiner Ernst Ludwig Ehrlich, der in Berlin geboren war und seine gesamte Familie durch den Holocaust verloren hatte. Die beiden wurden gute Freunde und Hemmerle fand immer wieder überzeugende Gesten, den jüdischen Partnern seine Nähe und ehrliche Freundschaft zu zeigen. Zu einer Gedenkfeier 1988 in Aachen zur Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. November 1938 hatte er folgenden Text verfasst:

Man hat meinem Gott das Haus angezündet
— und die Meinen haben es getan.
Man hat es denen weggenommen,

die mir den Namen meines Gottes schenkten
— und die Meinen haben es getan.

Man hat ihnen ihr eigenes Haus weggenommen— und die Meinen haben es getan.Man hat ihnen ihr Hab und Gut, ihre Ehre,ihren Namen weggenommen— und die Meinen haben es getan.

Man hat ihnen das Leben weggenommen
— und die Meinen haben es getan.
Die den Namen desselben Gottes anrufen,

haben dazu geschwiegen
— ja, die Meinen haben es getan.

Man sagt: Vergessen wir?s und Schluss damit.
Das Vergessene kommt unversehens, unerkannt zurück.

Wie soll Schluss sein mit dem, was man vergisst?
Soll ich sagen: Die Meinen waren es, nicht ich?

— Nein, die Meinen haben so getan.

Was soll ich sagen?
Gott sei mir gnädig!
Was soll ich sagen?

Bewahre in mir Deinen Namen, bewahre in mir ihren Namen,
bewahre in mir ihr Gedenken, bewahre in mir meine Scham:

Gott, sei mir gnädig.

Hemmerle ließ sich persönlich berühren

Diese persönliche Betroffenheit, die Bereitschaft, sich vom anderen, von der Wirklichkeit außerhalb zeigen zu lassen, was wesentlich ist, machen ihn zum Brückenbauer. Ein Bischof, der vor allem bei den Menschen sein will, der sich solidarisch zeigt mit denen, die sonst außen vor bleiben und Brücken schlagen will zwischen Kirche und Gesellschaft: Das wird besonders deutlich am Einsatz von Klaus Hemmerle für die mehr als 1000 streikenden Bergleute, denen 1991 durch die geplante Schließung der Zeche Sophia Jacoba in Hückelhoven der Verlust ihres Arbeitsplatzes drohte. Der inzwischen verstorbene Bergmann Franz-Josef Sonnen erinnert sich Jahre später an die Tage, in denen die Kumpels beschlossen hatten, aus Protest unter Tage zu bleiben. Bischof Hemmerle hatte beschlossen, sie zu besuchen, hinabzufahren und zu hören, was sie bewegt.

„Es waren sehr viele Politiker unter Tage. Das haben die Kumpels einfach zur Kenntnis genommen und auch manchmal mit Buhrufen begleitet. Aber als der Bischof kam, kam eine ganz andere Atmosphäre auf. Irgendwo hat der etwas ausgestrahlt, obwohl er den Leuten gesagt hat: Ich kann Euch nicht helfen, aber ich bin da, um Euch zu hören.“

Kurz darauf sah sich der Betriebsrat mit der Aufforderung konfrontiert, zur Rettung der Zeche einen Hungerstreik zu organisieren. Der Streik tritt in eine bedrohliche Phase ein und die Bergleute beschließen, ihren Bischof zu besuchen und ihn um Rat zu fragen. Hemmerle hat keine konkrete Antwort, aber die Bergleute sind zutiefst getroffen, wie sehr er Anteil nimmt an ihrem Schicksal:

„Und dann habe ich festgestellt, dass er mit uns gelitten hat. Seine Predigt war dermaßen, dass ich den Eindruck hatte, er hat wirklich mitgelitten. Bei ihm hatte man den Eindruck, dass er nicht geschauspielert hätte, sondern wirklich er hat das gesehen, was auf uns zukam.

Klaus Hemmerle feiert den Gottesdienst zur Erinnerung seiner Bischofsweihe mit den Kumpels aus der Zeche und zeigt sich in der Predigt ehrlich bewegt von ihrem Schicksal:

„Ich war zutiefst ergriffen, als ich Sie unter Tage besucht habe. Wie Deutsche und Türken, wie Ausländer und Einheimische, wie Junge und Alte, wie Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen eine Solidarität, eine Disziplin, ein Miteinander vorgelebt haben, in einer ganz schwierigen Situation, das hat mich zutiefst beeindruckt und ich bin dankbar, dass Sie heute hier sind. Ich möchte ganz ehrlich sagen, dass ich ja selber auch mit meinen Möglichkeiten an Grenzen stoße. Aber eines ist ganz klar: Wenn wir Gottes Volk sind, wenn wir Gemeinde Gottes sind, dann gehören Sie ganz besonders mit zu uns. Einer trage des andern Last. Eine Not sei die Not des andern, eine Gnade sei die Gnade des andern. Die Weise, wie Sie Solidarität gelebt haben, die geht mit uns. Und es verletzt mich und schmerzt mich zutiefst, Sie hier mit einem verletzten Herzen zu sehen.“

Vielfältige künstlerische Begabung

Als Brückenbauer beschreibt ihn auch Rita Waschbüsch, langjährige Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Sie hat seine Präsenz als geistlicher Direktor und später als geistlicher Assistent des Zentralkomitees als sehr konstruktiv und wohltuend erlebt:

„Das waren ja immer Dinge, wo er auch vermitteln musste, aber nicht im Sinne, dass er das alles, was an Gegensätzen gelegentlich da war, heruntergespielt hat, sondern er versuchte, dem anderen immer klar zu machen, aus welchem Denken heraus das Gegenüber handelt und war glaube ich da sehr hilfreich und sehr nützlich.“

Klaus Hemmerle war mehrfach künstlerisch begabt: Er malte, spielte leidenschaftlich gern Klavier und gebrauchte Worte und Sprache in einer außergewöhnlich kreativen Art und Weise.

Wie sein Vater nahm Klaus Hemmerle gern den Pinsel in die Hand, um Stimmungen festzuhalten, Bilder, die ihn bewegt und angerührt hatten, in Formen und Farben auf der Leinwand wiederzugeben. Hemmerle-Freund Hagemann erzählt vom gemeinsamen Urlaub in Sardinien:

„Und dann erlebte ich ihn, wie er immer wieder, auch wenn wir so wanderten, stehenblieb, und sich eine bestimmte Landschaft einprägte, die dann am Abend im Bild vorkam. Und dann seine Kreativität: Ist sie denn so, wie ich sie gesehen habe, will sie sich nicht anders zeigen, müssen nicht manche Farben stärker sein, als sie in Wirklichkeit sind, weil sie mir stärker entgegenkommen?

Dieses Sehen und dazu gehört schon auch das Sich-Einlassen auf die Wirklichkeit, wie sie ist, die nicht uminterpretieren, sondern wirklich reinzugehen in die Situation: Das war für ihn nicht nur so ein spiritueller Auftrag, das war für ihn eine Kunst. Und er entwickelte ganz viel Kreativität, damit zu leben.“

Nachdem er die Diagnose erhielt, spielte er Mozart

Nicht nur das Malen war für ihn Ausdruck seines Leben, auch die Musik begleitete ihn von klein auf und war für ihn eine weitere Ausdrucksform für sein Inneres. Sein Onkel war Komponist und Hemmerle selbst spielte gern und gut Klavier. Als ihm 1992 die Diagnose Krebs eröffnet wurde, setzte er sich spontan ans Klavier und spielte die Mozart-Fantasie in C-Moll.

Klaus Hemmerle verstand es, im wahren Sinne mitzuleiden. Nicht selten erschien er deshalb verletzlich und verwundbar. Die Zeit seiner Krankheit lebte er sehr bewusst, macht kein Geheimnis daraus. Er versteckt sich nicht, auch als sich sein Zustand verschlechtert. Für viele Menschen wird er dadurch noch nahbarer - nicht nur bewundernswert, sondern nachahmenswert. Christian Krause, ehemaliger Präsident des Lutherischen Weltbundes und langjähriger Weggefährte und Freund von Hemmerle  formuliert, was er durch Hemmerles Lebens erkannt hat:

„Die Liebe ist immer ein Abenteuer, weil sie immer das Risiko in sich birgt, dass man sich ganz hingibt und sich dabei ganz verlieren kann. Und das ist die christliche Erfahrung, dass man sich dabei ganz findet, in Gottes Liebe. Das, denke ich, würde Bischof Klaus nicht viel anders sagen.“

Sich ganz hingeben in der Bereitschaft, sich zu verlieren – eine Lebenshaltung, die Bischof Klaus Hemmerle nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt hat. Auch 25 Jahre nach seinem Tod kann sein Beispiel inspirieren.

 

 

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 27.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Fleming

Andrea Fleming hat in Düsseldorf Ihren Diplomabschluss in Italienisch, Englisch und Deutsch als Literaturübersetzerin gemacht und arbeitet seit 2003 als freie Journalistin. Sie ist freie Mitarbeiterin im Bayerischen Rundfunk, ist für Firmen und Non-Profit-Organisationen in der PR-Arbeit tätig und schreibt für diverse Zeitschriften und Online-Portale. Außerdem arbeitet sie als deutsche Pressereferentin der Fokolar-Bewegung. Kontakt: a.fleming@gmx.de

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