Wort zum Tage, 04.02.2019

altfried g. rempe aus Trier

Das wahre Bild

Sie ist – und das ist vielsagend – unter anderem auch die Patronin der Fotografen. Also ihre Schutz-Heilige: Veronika, die Frau, die am Straßenrand gestanden haben soll, als Jesus dort sein Kreuz aus der Stadt Jerusalem hinaus auf den Berg zu schleppen hatte. Gerade in ihrer Nähe brach er zusammen – der Kreuzbalken war einfach eine zu schwere Last nach zwölf Stunden Folter. Veronika, heißt es, reicht ihm ihr Tuch – er trocknet sein Gesicht damit und hinterlässt auf dem Tuch einen Abdruck: Schweiß, Blut, eine Spottkrone aus Dornen um die Stirn. … und zieht weiter, in den sicheren Tod.

Patronin der Fotografinnen und Fotografen ist Veronika wegen dieses Abdrucks – wegen des „wahren Bildes“, das da zu sehen ist: Ein Abdruck – sozusagen eine Art Vorläufer der Fotografie.

Von diesem Tuch gibt es viele Ausgaben – überall in der christlichen europäischen Welt behauptet irgendeine Kirche, das Original in ihren Schätzen zu haben. In vielen Kirchen wird es gut verschlossen aufgehoben; zu einigen gibt es regelmäßig Wallfahrten, angeblich immer wieder auch werden kranke Menschen gesund, wenn sie auch nur in die Nähe einer solchen Reliquie gekommen sind…

Mir ist es, ehrlich gesagt, ziemlich egal, welches Schweißtuch der Veronika denn nun das echte wäre. Aber dieses Tuch beziehungsweise ja diese Tücher haben etwas bewirkt: In jedes von ihnen eingebrannt haben sich die Frömmigkeit und der Glaube und die Verehrung von Menschen für Jesus Christus. Menschen haben geglaubt und glauben, dass sie auf oder in einem Stück altem Stoff das wahre Bild von Jesus sehen.

Und das klärt auch die Frage nach der Echtheit: Jesu wahres Gesicht, das Original, ist in jedem anderen Menschen zu entdecken. Das sagt uns schon der Name der Frau, die ihm das Tuch hingehalten haben soll und die er mit dem Abdruck beschenkt hätte: Veronika – darin stecken das lateinische verum für „wahr“ und „eikon“, das griechische Wort für Bild. Veronika – sie ist das wahre Bild, weil sie dem leidenden Menschen hilft, statt sich abzuwenden.

Wer sich von Jesus anblicken lässt – aus den Augen eines armen Kindes oder einer Flüchtlingsfrau oder eines alten Mannes auf der Pflegestation: wer sich so anrühren lässt und herausgefordert fühlt, den anderen freundlich zuzulächeln oder etwas zu geben oder anders zu helfen – einfach weil es gar nicht anders geht: Wer sich so anblicken lässt, hat Jesus gesehen – sein wahres Gesicht.

Ach ja: Allen Veronikas und Veroniques Glückwünsche zum Namenstag heute!

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 04.02.2019 gesendet.


Über den Autor altfried g. rempe

altfried g. rempe ist 1953 in Essen geboren. Er ist Diplomtheologe und Pastoralreferent im Bistum Trier. Mehrere Jahre hat er mit Studentinnen und Studenten in der Trierer Hochschulgemeinde Leben und Glauben immer wieder neu und aus neuen Perspektiven entdeckt. Eine journalistische Ausbildung hat er beim SR in Saarbrücken und im „Theologenkurs“ (1995) beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München absolviert. Seit 1999 ist er Redakteur von www.bistum-trier.de. Außerdem macht er Verkündigungssendungen beim SWR und SR.

Kontakt
altfried.rempe@bistum-trier.de

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