Am Sonntagmorgen, 03.02.2019

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Berlin

„Es geht nicht um deinen Lebenslauf, sondern dass dein Leben läuft“ Lebensimpulse Jesu

Auf meinem Weg zur S-Bahn fand ich ihn, diesen interessanten, ja recht originellen Werbespruch auf der Litfaßsäule: „Es geht nicht um deinen Lebenslauf, sondern dass dein Leben läuft.“ Für wen oder was dieser Spruch damals Werbung machen sollte, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber die dahinter stehende Botschaft sprach mich so sehr an, dass ich ihn im gleichen Moment noch aufgeschrieben habe: „Es geht nicht um deinen Lebenslauf, sondern dass dein Leben läuft“. Schön wäre es, wenn ich Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, mit diesem Satz auf die Spur des Denkens Jesu bringen könnte. Dazu möchte ich Sie auf alle Fälle in den kommenden Minuten herzlich einladen.

Woran denken Sie eigentlich, wenn sie den Begriff `Lebenslauf` hören? Und was gehört für Sie dazu, damit Sie sagen können: mein Leben läuft gut? Mir kommt als erstes jenes Schriftstück in den Sinn, das wir zusammen mit unseren Zeugnissen bei der Bewerbung für einen Arbeitsplatz einreichen müssen. Der Lebenslauf ist ein wichtiges Dokument, damit sich der Personalchef ein möglichst optimales Bild von uns machen kann. Deswegen legen wir viel Wert darauf, dass unser Lebenslauf möglichst perfekt ausschaut. Tatsächlich geben wir damit aber auch viele Einzelheiten über unser Leben preis: wie alt wir sind, woher wir kommen, vor allem aber welche schulischen und beruflichen Qualifikationen wir vorzuweisen haben. Fachleute empfehlen dabei, wirklich nur die Fähigkeiten zu erwähnen, die man tatsächlich auch besitzt und sich nicht mit jenen zu schmücken, die man gar nicht hat. Lebensläufe sind aber auch außerhalb der Berufswelt von großem Interesse. Biografien von mehr oder weniger wichtigen Personen unseres gesellschaftlichen Lebens sind schon lange der Renner im Buchhandel. Über die eigene Biografie in nächtlichen Talkshows dann zu plaudern gilt für die Autoren solcher Bücher inzwischen als chic und natürlich auch als gute Werbung in eigener Sache.

Auch die Kinowelt hat das Thema Biografie längst für sich entdeckt. Erst vor wenigen Wochen noch feierten gleich zwei Filme Premiere in den deutschen Kinos, in denen es um Menschen geht, die wir alle kennen. Zum einen war da die Verfilmung der Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“ von Hape Kerkeling. Der Film erzählt  seine Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet und auch vom tragischen Tod seiner Mutter.  Zum anderen zog es die Kinobesucher in den dänisch-schwedischen Film „Astrid“, in dem in freier Interpretation die Jugendjahre der erfolgreichen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren nacherzählt werden. Der freiberufliche Dozent und Buchautor Hubert Klingenberger schreibt über die Bedeutung von Biografien:

„Biografie und Lebenslauf finden im individuellen Leben, in der allgemeinen Öffentlichkeit und in wissenschaftlichen Diskussionen immer mehr Interesse. Man könnte fast sagen: ‚Biografie boomt‘, was nichts anderes heißt als: Die Lebenszeit und der Lebensverlauf der Menschen werden wiederentdeckt, rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung des eigenen Lebens.“

Ja, die Lebensläufe anderer Menschen interessieren uns. Aber warum ist das so? Warum interessieren wir uns so sehr für die Lebensläufe anderer Menschen? Hubert Klingenberger:

„Anscheinend erleben sich viele Menschen in ihren Biografien verunsichert und suchen nach Identifikationsobjekten, nach Menschen, die ähnliche oder noch schlimmere Schicksale erlebt und bewältigt haben.“

Mit den Brüchen und Schicksalen seines Lebenslaufes angemessen umgehen zu lernen, sieht Klingenberger daher als eine der größten Herausforderungen für den Menschen von heute. In seiner Arbeit als Couch und pädagogischer Berater ermutigt er Menschen, ihren Lebenslauf anzuschauen und aus den Begebenheiten ihres Lebens zu lernen, anstatt ständig an einer möglichst makellosen und druckreifen Biografie zu basteln. Tatsächlich, so Klingenberger, waren die Vorgaben, wie ein durchschnittlicher Lebenslauf zu gestalten sei, früher ja viel klarer umrissen, als heute. Eine ‚Normalbiografie‘ scheint es aber kaum mehr zu geben. Wir können und wir müssen uns mehr entscheiden, wie wir leben wollen, als noch unsere Großeltern. Das fordert und überfordert viele Menschen. Umso wichtiger ist es, welche Vorstellung wir vom Lebensverlauf im Allgemeinen oder von unserer Biografie im Besonderen haben. Denn es wird unseren Umgang mit unserem Leben bestimmen. Klingenhuber, der mehrere praktische Ratgeber im Bereich von ‚Biografiearbeit‘ veröffentlicht hat, sieht es so:

„Habe ich ein Deutungsmuster von Biografie im Sinne von ‚Mit Vierzig geht´s bergab‘ und bin selber um die Vierzig, so werde ich tendenziell die Vergangenheit verklären, die Gegenwart krisenhaft erleben und für die Zukunft den Niedergang befürchten. Lebe ich jedoch nach dem Motto ‚Das Beste kommt noch‘, so kann ich wesentlich hoffnungsvoller in die Zukunft blicken – egal, wie alt ich bin.“

„Es geht nicht um deinen Lebenslauf, sondern dass dein Leben läuft“. Dieser Satz gefällt mir auch deshalb so gut, weil er mich an die Grundhaltungen von Jesus von Nazareth erinnert. Die Bibel erzählt von seinem Interesse für den konkreten Menschen und dessen Schicksal. Ihm ging es weniger darum, woher dieser Mensch kam, welches Geschlecht er hatte, noch was für einen Beruf dieser Mensch ausübte oder welcher Religion er angehörte. Jesu Augenmerk galt immer dem ganzen Menschen. Es lag ihm daran, dass der Mensch, der vor ihm stand, zufrieden sein konnte mit seinem Leben, oder – um es biblisch zu formulieren – dass der Mensch Heil und Heilung in seinem Leben finden konnte. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Jesu Begegnungen mit Menschen seiner Zeit weniger von Moral, als von Liebe und Barmherzigkeit geprägt waren. Viele Geschichten im Neuen Testament erzählen davon: So saß Jesus immer wieder mit Menschen an einem Tisch, die von der damaligen Gesellschaft ausgestoßen waren; er berührte Kranke, die für unrein und sündhaft gehalten wurden. Er sprach mit jenen, mit denen niemand wirklich etwas zu tun haben wollte. In all diesen Begegnungen mit Jesus durften die Menschen so sein, wie sie sind und nicht, wie Gesellschaft und Religion sie gerne gehabt hätten. Jesus ließ es beispielsweise zu, dass eine blutflüssige Frau sein Gewand berührte. Als unrein angesehene Frau aber einen Mann in der Öffentlichkeit zu berühren und mit ihm dann sogar ins Gespräch zu kommen, das war in jener Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Kein Wunder also, dass Jesu Freunde nichts mit dieser Frau zu schaffen haben und diesen Kontakt so schnell wie möglich unterbinden wollten. Jesus aber ließ sich nicht beirren. Er suchte das Gespräch mit der Frau und sprach ihr am Ende Heilung zu, weil es ihm wichtig war, dass ihr Leben wieder in die Gänge kam.

Ein anderes Beispiel stammt aus dem Matthäusevangelium. Ein römischer Hauptmann bittet Jesus um Hilfe für seinen gelähmten Diener. Unmöglich für die herumstehenden Zeitgenossen, dass Jesus gerade ihm helfen würde, einem Vertreter der heidnischen Besatzungsmacht. Damit würde er sich nach den religiösen Vorstellungen damaliger Zeit unrein machen. Aber genau das bietet Jesus dem Soldaten an: er will zu ihm gehen und den Diener gesund machen. Er tut das, weil er in dem Soldaten den konkreten Menschen sieht, der voller Vertrauen jetzt und hier seine Hilfe braucht. Dass dieser Mann ein sogenannter ‚Heide‘ ist, ein Ungläubiger aus Rom, scheint Jesus unwichtig zu sein. Für mich ein wunderbares Beispiel dafür, wie dieser Jesus eben nicht auf den Lebenslauf jenes Mannes schaut, sondern darauf, dass das Leben seines Dieners heil wird, also wieder ans Laufen kommt.

Alle vier Evangelien im Neuen Testament sind voll von solchen ‚wunderbaren‘ Geschichten vom Umgang Jesu mit Menschen, deren Leben ins Stocken geraten war. Wir können Jesus in seinem Verhalten nicht kopieren. Das verlangt er auch nicht von uns. Aber inspirieren möchte ich mich sehr wohl von diesem Wanderprediger aus Galiläa, wenn es darum geht, in der Begegnung mit anderen, aber auch in der Begegnung mit mir selbst nicht so sehr Wert auf einen makellosen Lebenslauf zu legen, sondern viel mehr mit den Augen Gottes darauf zu schauen, was meine Mitmenschen nötig haben, damit ihr Leben gelingen kann.

Einen weiteren biblisches Impuls dafür, wie wir gut und weise mit dem Lauf unseres Lebens umgehen können, finde ich im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums. Dort erzählt Jesus seinen Freunden ein Gleichnis, in dem es ihm letztlich darum geht, auf Gottes heilende und befreiende Gegenwart in ihrem Leben aufmerksam zu machen:

„Die neue Welt Gottes ist mit einem Bauern zu vergleichen, der gutes Saatgut auf sein Feld säte. Eines Nachts, als alles schlief, kam sein Feind, säte Unkraut zwischen den Weizen und schlich sich davon. Als nun die Saat heranwuchs, ging auch das Unkraut auf. Da kamen die Arbeiter des Bau­ern und fragten ihn: ,Hast du das Feld nicht mit gutem Samen bestellt? Woher kommt dann das Unkraut?’ ,Das muss mein Feind gewesen sein’, antwortete der Bauer. „Sollen wir das Unkraut ausrei­ßen?’ fragten die Arbeiter. ,Nein, sagte der Bauer, denn dabei würdet ihr ja den Weizen mit ausreißen. Lasst bei­des bis zur Ernte wachsen. Dann werde ich den Erntearbeitern befehlen: Sammelt zuerst das Unkraut ein, bindet es zusammen und verbrennt es! Den Weizen aber bringt in meine Scheune!’” (Mt 13,24-30)

Während unser Arbeitgeber den makellosen Lebenslauf von uns vorgelegt bekommen möchte und die Kollegen uns eine fehlerfreie Biografie von sich selbst vorgaukeln wollen, gibt Jesus mit diesem Gleichnis etwas anderes zu verstehen: Mein Leben kann nur gelingen, wenn ich auch meine Schattenseiten, also das ‚Unkraut‘ meines Lebens, anschauen und annehmen kann. Jesus, der Kenner der menschlichen Seele, weiß darum, dass es in jeder Biografie Gutes und Böses gibt, Licht und Schatten. Der Benediktinerpater Anselm Grün weist in seinem Buch „Jesus als Therapeut“ darauf hin, wie wichtig es ist, beides im Leben anzunehmen:

„Wir wollen nur gut sein. Doch dann entdecken wir auch den Hang zum Bösen. Wir wollen nur liebevoll sein, dann entdecken wir in uns auch Hass und Rachegefühle. Wir erschrecken vor diesem Unkraut und möchten es am liebsten herausreißen. Doch wenn wir dies tun, reißen wir auch den Weizen mit aus.“

Es geht Jesus also nie um absolute Fehlerlosigkeit im Mensch-Sein, sondern um das Vertrauen in das eigene Leben wie es nun mal eben ist. Jesus ist überzeugt, dass das Leben stärker ist, als alles, was Leben verhindert und todbringend ist. Das bedeutet keineswegs, dass wir uns nicht um unsere Schwächen kümmern sollten. Natürlich müssen wir uns um das Gute bemühen. Wenn wir aber lernen, zum Unkraut auf der eigenen Seele zu stehen, macht uns das im besten Sinne demütig und bewahrt uns vor einem harten Urteil anderen gegenüber. Bei Blaise Pascal, einem christlichen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert, fand ich in diesem Zusammenhang diesen bedenkenswerten Satz: „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Leben machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.“

Die Impulse, die uns Jesus im Evangelium gibt, sind für mich keine moralingesäuerten Predigten, sondern Hinweise, wie unser Leben gelingen kann. Anselm Grün formuliert es so:

„Jesus spricht die Menschen nicht ständig auf ihre Schuld hin an, sondern weckt in ihnen den Kern, der von der Schuld nicht infiziert worden ist. Er traut ihnen zu, dass sie mit ihrem inneren Bereich in Berührung kommen, in dem Gott in ihnen herrscht – und nicht die Sünde. Und dort, wo Gott als das Geheimnis im Menschen wohnt, können die Menschen bei sich selbst daheim sein.“

„Es geht nicht um deinen Lebenslauf, sondern dass dein Leben läuft.“ Ob die Texter dieses Werbespruchs an die Lebensimpulse dachten, die uns Jesus mit auf den Weg gegeben hat? Wohl kaum – und doch bin ich froh, diesen lebensbejahenden Spruch damals entdeckt zu haben, der so ganz auf der Linie meines Gottesbildes liegt.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 03.02.2019 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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