Morgenandacht, 11.02.2019

von Pastor Dietmar Schmidt aus Bochum

Wasser ist Leben: gerettet durch die Flut

Was für eine Szene! Als Kind im Kino habe ich darüber gestaunt. Als Jugendlicher war ich mehr an der Tricktechnik dieser Stelle interessiert. Als Theologiestudent habe ich mich kritisch damit auseinandergesetzt. Und bis heute hat diese Szene für mich nichts von ihrer Faszination verloren: Das Volk Israel, auf der Flucht vor den Ägyptern, zieht durch das Rote Meer. Das Wasser steht rechts und links wie eine Mauer und begräbt am Ende die Verfolger unter sich. ‚Die zehn Gebote‘ hieß der Bibelfilm, über den ich als Kind gestaunt habe. Cecile DeMille hat 1956 diesen Klassiker gedreht und dabei die Geschichte vom Roten Meer auf spektakuläre Weise in Szene gesetzt.

Und im Theologiestudium war ich dann fast etwas enttäuscht, als der Professor für das Alte Testament von einer seichten Stelle im Meer gesprochen hat, die durch besondere Wüstenwinde manchmal trockengelegt und dann wieder geflutet werden konnte. Für das Volk Israel ist jedenfalls diese Erfahrung der Rettung am Schilfmeer bis heute grundlegend und prägend für die eigene Überlieferung: Gottes Volk, auf dem Weg aus der Knechtschaft in das Land der Verheißung, auf wunderbare Weise gerettet durch die Fluten des Meeres hindurch. 

Jedes Mal, wenn ein Kind oder ein Erwachsener getauft wird, steht mir diese Szene lebendig vor Augen. In unserer Kirche ist die Taufstelle nach frühchristlichem Vorbild gebaut: Von vier Seiten sprudelt das Wasser in das kreuzförmig ausgehobene Becken, bis es hüfthoch gefüllt ist und der Priester mit dem Täufling ins Wasser hinabsteigen kann. Bei der Taufe kann er dann dreimal ganz untertauchen. So wird anschaulich und handgreiflich deutlich, was Taufe meint:  Wiedergeboren aus Wasser und Geist. Paulus schreibt dazu der Gemeinde in Rom: ‚Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir wie Christus in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.‘

Paulus macht hier deutlich: Im christlichen Glauben geht es zuerst und zuletzt um Leben und Tod! Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, sagt Jesus. Mose, der Israel durch die Fluten des Meeres geführt hat, durfte selbst den Einzug ins gelobte Land nicht mehr erleben. Kurz vor seinem Tod hält er seinem Volk eine letzte Rede: ‚Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben.‘  Sei nicht neidisch auf die falschen Götter der Nachbarn. Halte dich fest an dem einen Gott, der dich aus der Knechtschaft befreit und in die Freiheit geführt hat.

Die Kirche hat in unseren Tagen viel von ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt. Und viele mühen sich um einen redlichen Weg aus der Krise. Die Kirche muss moderner werden, sagen die einen. Die Kirche muss wieder strenger werden, sagen die anderen. Am Ende ist doch nur eines wichtig: Welche Hoffnung trägt? Trägt über Abgründe im eigenen Leben, über Not und Verzweiflung, in Einsamkeit und Krankheit, im Leben und im Tod, und darüber hinaus. Für das Volk Israel speist sich diese Hoffnung aus der Erinnerung an den Durchzug durch die Fluten des Meeres. Für Christen kommt diese Kraft aus der Würde der Getauften: Wiedergeboren aus Wasser und Geist. 

Und was in der Taufe zeichenhaft geschieht, muss sich im Alltag der Christen bewähren: Ich bin auf dem Weg durch mein Leben nicht allein. Ich darf mich verlassen auf einen liebenden Gott an meiner Seite. Auf einen Gott, der mich trägt, der mich rettet und befreit.

Für diesen Montag wünsche ich Ihnen und mir einen guten Weg, voller Zuversicht gegen alle Resignation, voller Phantasie, die über Hindernisse hilft, voller Freude gegen bedrückende Traurigkeit. Kommen Sie gut durch alle Staus, auf der Straße und im Leben. Ja, kommen Sie gut durch diesen Tag!    

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 11.02.2019 gesendet.


Über den Autor Pastor Dietmar Schmidt

Dietmar Schmidt, geboren 1943, wurde 1970im Bistum Essen zum Priester geweiht. Nach Kaplans-Jahren in Essen und Bochum war Schmidt als Hochschulseelsorger an der Ruhruniversität Bochum tätig, es folgten zehn Jahre als geistlicher Rektor der Katholischen Akademie des Bistums und Diözesanfrauenseelsorger, zwanzig Jahre als Pfarrer in St. Maria Magdalena in Bochum-Wattenscheid mit dem pastoraler Schwerpunkt: Taufpastoral, Katechumenat, begehbare Taufstelle nach frühchristlichem Vorbild.  Seit 40 Jahren ist Pastor Schmidt in medialer Verkündigung in Hörfunk und Fernsehen aktiv und seit Ende 2018 im Ruhestand. Kontakt: d.schmidt@gmx.li

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