Neujahr, 01.01.2019

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Lamberti in Münster


Predigt am Hochfest der Gottesmutter Maria, Oktavtag von Weihnachten von Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Das Weihnachtsfest hat im Laufe der Jahrhunderte viele Legenden hervorgebracht. Jede dieser Legenden versucht auf ihre Weise, der Weihnachtsbotschaft tiefer auf die Spur zu kommen. Mit einer dieser Legenden möchte ich beginnen; sie ist mir eine der liebsten.

Gerade eben sind die Engel in den Himmel zurückgekehrt. Die Hirten sind noch wie vom Donner gerührt, versuchen zu begreifen, was sie gerade gesehen und gehört haben: „Euch ist heute in der Stadt Davids der Heiland geboren, Christus, der Herr. Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Und dann war plötzlich alles voller Engel und voller Gesang, ein Jubel und Brausen in der Nacht. Und so plötzlich sie gekommen waren, so plötzlich waren sie, die Engel, wieder verschwunden.

Zurück bleiben die Hirten, unruhig und neugierig geworden. Nach kurzer Beratung steht ihr Beschluss fest: „Wir gehen nach Betlehem. Mal sehen, was uns erwartet; mal sehen, was dran ist an der Botschaft der Engel!“

Zur Gruppe der Hirten gehört ein alter Mann. Er kann, schwer behindert, nur noch an Krücken laufen. Das Leben hat ihn bitter und mürrisch gemacht, manchmal sogar böse. Er glaubt von all dem kein Wort! Engel, Friede auf Erden, ein Kind in der Krippe, der Heiland der Welt: dummes Zeug! Hirngespinste! Er versucht die anderen Hirten zurückzuhalten, dass sie nicht auf diese barmherzige Lüge hereinfallen. „Bleibt hier! Es lohnt doch nicht, mitten in der Nacht nach Betlehem zu gehen.“

Die anderen lassen sich trotzdem nicht aufhalten und gehen eilig los. Der alte Hirt bleibt einsam und verbittert zurück.

Stundenlang sitzt er allein am Feuer, grübelt, denkt nach. Und wenn doch was dran ist? Und wenn es doch Engel waren, die die Wahrheit gesagt haben? Über ein Kind, das der Heiland der Menschen sein soll? Unwahrscheinlich, dummes Zeug, und doch: Hingehen und nachschauen schadet ja nicht!

Und so macht er sich auf den Weg, mühsam, humpelnd, gestützt auf seine Krücken, ein jammervolles Bild. Nach Stunden erreicht er den Stall mit der Krippe, und siehe da: kein Mensch zu sehen! Kein Kind, eine leere Krippe, keine Eltern, keine Hirten! Wie recht er doch hatte! Alles Lug und Betrug! Und während er so dasteht, sieht er das Stroh im Stall, im Stroh eine kleine Mulde, dort, wo angeblich das Kind gelegen haben soll. Unter Schmerzen kniet er sich hin, legt seine Hand in die Mulde. Sie ist noch warm. Die Wärme tut ihm richtig gut, durchströmt seinen hinfälligen, gebeutelten Körper. Nachdenklich steht er auf, nachdenklich macht er sich auf den Weg zurück zu seiner Herde, grübelt und grübelt und plötzlich, kurz vor dem Ziel, erschrickt er zutiefst: Den ganzen Weg zurück ist er ohne Krücken gelaufen!“

Es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten auf dem Weg zur Krippe: Die einen eilen geschwind, wie die Hirten, neugierig und fasziniert; andere sind schon lange auf dem Weg, folgen einem Stern, einer tiefen Sehnsucht, wie die drei Magier aus dem Osten; andere bleiben sitzen, aus Gleichgültigkeit oder weil sie sich längst vom Kern der Weihnachtsbotschaft verabschiedet haben; und dann ist da einer, der sich mühsam aufrappelt, trotz seiner Skepsis, und zaghaft und humpelnd dem Stallgeruch der Weihnacht begegnet. Was er findet, ist auf den ersten Blick nichts Sensationelles. Die Legende sieht nur noch einen verlassenen Ort. Aber eine Spur ist geblieben, ein Abdruck im Stroh. Ich könnte auch sagen: ein Fingerzeig vom Himmel. Die Menschlichkeit Gottes hat im Stroh, im Alltag meines Lebens einen Abdruck hinterlassen, immer noch warm, immer noch eindrücklich. Traue ich mich, meine Hand in diesen warmen Abdruck des Lebens zu legen, mich anrühren zu lassen von einem Wärmestrom, der nicht aus mir kommt, sondern sich durch ein Kind meiner kleinen Welt eingeprägt hat? Traue ich mich, in einem Kind Gottes Spur, seiner eindrücklichen Liebeserklärung an uns Menschen zu begegnen?

Ich selbst fühle mich dem humpelnden, skeptischen Hirten, der einsam am Lagerfeuer einer schier unglaublichen Botschaft hinterhergrübelt, tief verbunden. So erlebe ich bisweilen meinen eigenen Glauben, der manchmal wie an einem seidenen Faden hängt, der jederzeit reißen könnte; ein Glaube, der trotz aller theologischen Kraftanstrengung humpelnd, wie an Krücken, daherkommt. Und dann stehe ich an Weihnachten vor der Krippe in unserer Kirche, höre die seit Kindheit vertraute Botschaft von Gottes Menschlichkeit in einem Kind. Die Skepsis bleibt, denn zu unglaublich scheint, was Engel singen. Als einem Menschen mitten in der Moderne bleibt mir nicht viel, wenn ich die Weihnachtsbotschaft ihrer Legenden entkleide und zum Kern komme. Zurück bleibt ein Abdruck. Auch nach 2000 Jahren spüre ich noch die Wärme, die von einer einfachen und doch zutiefst unglaublichen Botschaft ausgeht: In einem Kind sieht Gott uns an, lässt er sich berühren, berührt er uns.

Maria ist berührt. Sie staunt über die Worte der Hirten, muss selbst noch lange nachdenken über das, was geschehen ist, über den, den sie als Kind in den Händen hält. Auch mein humpelnder Glaube, der wie an Krücken geht, wird nicht von jetzt auf gleich flügge und beschwingt. Aber es geht, wie wir manchmal sagen, wenn wir nach unserem Befinden gefragt werden. Es geht, mancher Schritt wird leichter, manche Krücke entbehrlich, manche Lebenswunde nicht mehr so brennend, wenn ich von der Krippe komme und mir eine Ahnung aufgeht, wie eindrücklich sich Gott unserer Welt und unserem Leben eingeprägt hat.

Wir stehen miteinander heute Morgen am Beginn eines neuen Jahres. Die kommenden Tage wecken Hoffnungen und Erwartungen. Vorsätze werden gemacht. Und es dauert jetzt nicht mehr lange, dann wird Weihnachten in der öffentlichen Wahrnehmung abgehakt. Doch das, was in der Weihnachtsbotschaft verkündet wird, was durch viele weihnachtliche Legenden immer wieder aufgerufen wird, geht mit, hoffentlich! Was mitgeht, ist ein bleibender Eindruck, Gottes Abdruck in unserer Welt, leicht zu übersehen, doch immer noch spürbar und warm. Ich möchte mitgehen, nach Betlehem, dem Ort der Menschwerdung, manchmal eilig, manchmal humpelnd, manchmal suchend und zweifelnd. Hauptsache: Ich gehe!

So wünsche ich uns allen gute Wege im neuen Jahr…. und die Erfahrung, dass Gott uns eindrücklich in seiner Menschwerdung begleitet. Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.01.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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