2. Weihnachtstag, 26.12.2018

Predigt des Gottesdienstes aus der Seminarkirche in Hildesheim


Predigt von Bischof Heiner Wilmer SCJ

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

wie kann etwas neu werden? Wie kann ich selbst einen neuen Weg einschlagen? Wie gelingt es mir aufzubrechen? Wie finde ich heraus, was Gott für mich geplant hat?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir aufbrechen können. Jede einzelne und jeder einzelne von uns kann Aufbruch. Aber auch als Gemeinschaft, als Kirche, können wir Aufbruch.

Stephanus hatte zutiefst verstanden, wie Aufbruch geht, innere und äußere Erneuerung. Er hatte ein feines Gespür dafür, was Gott von ihm wollte. Stephanus ahnte, dass er selbst erst dann aufbrechen, vielleicht sogar ausbrechen kann, wenn er sich in den Bann Gottes ziehen ließ.

In dieser Ahnung spürte er, dass alle Erneuerung nicht nur bei denen da oben ansteht, sondern auch bei denen da unten. Ganz speziell wusste er allerdings: die eigentliche Erneuerung kommt oft nicht von der Autorität, sondern von der Basis. Die eigentliche Erneuerung kommt nicht über die Theorie, sondern über die Erfahrung.

In dieser Perspektive kann ich nur dann wirklich aufbrechen, wenn ich meiner Sehnsucht traue.

Stephanus traute seiner Sehnsucht nach Geborgenheit. Das heißt: Seiner Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Dazugehörigkeit, nach Heimat. Wie Stephanus sehnen auch wir uns danach, unserer seelischen Unbehaustheit eine Herberge zu geben.

Stephanus traute seiner Sehnsucht nach Gemeinschaft, seine Erfahrung sagte ihm, dass das alte Wort der Bibel stimmt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“.

Stephanus traute seiner Sehnsucht nach Wachstum. Jeder Mensch will wachsen, egal ob er jung ist oder alt. Jeder Mensch sehnt sich danach größer zu werden, auch dann, wenn die Kräfte abnehmen, Krankheiten sich einstellen oder ich alt und gebrechlich werde. Dennoch aber sehne ich mich danach zu reifen, weiser zu werden, innerlich erfüllter, das Leben in Fülle zu leben.

Stephanus traute seiner Sehnsucht nach Versöhnung. Er wusste um die Konflikte, kannte den Streit, die zerbrechlichen Beziehungen. Er wusste aber auch: Wenn ich mir selbst gut sein will, dann mache ich mich auf den Weg der Versöhnung.

Stephanus traute seiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Er spürte, dass die Starken sich um die Schwachen kümmern müssen, dass es eine Pflicht aller ist, sich um die Witwen und Waisen zu sorgen, dass niemand das Recht hat, sich auf die Insel der Glückseligkeit zurückzuziehen.

Stephanus, der erste Märtyrer der Kirche, erinnert uns heute an die vielen Menschen, die Verfolgung erleiden müssen, die um ihres Glaubens willen bedrängt oder sogar getötet werden. Noch nie sind so viele Christen verfolgt worden wie zu unserer Zeit.

Stephanus steht dafür, dass jene, die eine Stimme haben, denen beiseite springen müssen, die keine Stimme haben. Dass wir Anwälte sein sollen von denen, denen man auf den Mund geschlagen hat.

Stephanus traute seiner Sehnsucht nach Wahrheit. Was Unrecht ist, soll auch als Unrecht bezeichnet werden. Wir können uns nichts vormachen, auch nicht in unserer Verantwortung für den anderen. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.

Weil Stephanus Gott grenzenlos traute und ihm das Leben zutraute, konnte er Erneuerung. Darin lag sein Aufbruch. Deshalb kamen die Schwachen zu ihm, die Armen und Bedrängten, die Witwen und die Waisen, alle, die keine Stimme hatten.

Stephanus hatte die Botschaft Jesu verstanden, die Urbotschaft des biblischen Gottes, die der Prophet Micha in folgende Worte kleidet: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ (Micha 6,8).

Erst wenn wir unserer Erfahrung trauen, können wir Aufbruch. Erst wenn wir - wie Stephanus – unseren Sehnsüchten trauen, leben wir Erneuerung. So unfassbar göttlich und attraktiv, dass der eine oder andere dafür mit dem Leben bezahlen wird, wie Stephanus.

Amen.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 26.12.2018 gesendet.





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