Heilig Abend, 24.12.2018

Predigt des Gottesdienstes aus dem katholischen Heilig-Kreuz-Münster in Rottweil


Predigt von Pfarrer Jürgen Rieger

Liebe Hörerinnen und Hörer am Radio, liebe Schwestern und Brüder
hier in Rottweil!

Weihnachten – das Fest, das wir heute feiern, werden wir nie begreifen
können. Es stellt die Welt auf den Kopf, und dennoch ist es für alle
Christen Wirklichkeit: Gott wird Mensch!

Ein wirklicher Mensch. Aus Fleisch und Blut. Geboren in Betlehem,
gelebt in Palästina, gestorben auf Golgota, sein Name: Jesus Christus.
In ihm stellt sich Gott in unsere Reihe, lässt er uns Menschen an sich
heran, wird er für uns ein Gott zum Anfassen, wird er Vater, Bruder,
Heiland und Erlöser. Wer Weihnachten besser verstehen will, muss
also zuerst nach dem Menschen fragen. Was es heißt: Mensch zu
sein.

Es heißt geboren werden, Kind sein, jung, hoffen und glauben können,
träumen und lieben, einen Willen haben und ein Herz, Menschen
und Freunde haben, ein Zuhause finden und einen Himmel haben.
Menschsein, das heißt aber auch: kein Zuhause haben, unerwünscht
und einsam, enttäuscht und müde sein. Wie oft erfahren Kinder und
Jugendliche, dass sie unerwünscht und nicht geliebt sind? Ältere
Menschen fühlen sich oft aufgrund ihrer Krankheit wertlos und abgeschoben…
Auch und gerade da hinein wird Gott Mensch.

Das bedeutet für mich: Ganz gleich, was immer auch ist: Jeder hat ein Recht, auf der Welt zu sein und leben zu dürfen. Jeder hat ein Recht
auf Geborgenheit und Zuneigung, auf Güte und Respekt, auf ewiges Leben und auf den Himmel.

Gott will für jeden Menschen das, was er für seinen Sohn Jesus auch gewollt hat: dass wir glücklich sind und uns dafür einsetzen, dass
auch unsere Mitmenschen glücklich sein können, dass jeder Heil und Himmel findet.

Dazu braucht keiner sich seiner Grenzen und Schwächen zu schämen. Niemand muss sich verstecken. Jeder kann sich sehen lassen.
Jeder darf sein Gesicht behalten und kann es herzeigen, ohne es überschminken zu müssen. Jeder ist „Jemand“, einfach deshalb, weil
Gott Mensch geworden ist. Wir Menschen, sind von Gott geliebt. Das ist Weihnachten.

Allerdings – und das sagt uns Gott durch Weihnachten auch: Was du selber tun kannst, das nehme ich dir nicht ab. Das musst du selber
tun, sonst geschieht es nicht...Weil das so ist, deshalb darf und kann Weihnachten nicht auf den Gottesdienst, auf Lichterglanz und Kerzenschein beschränkt bleiben. Weihnachten ist nicht irgendwann einmal geschehen und seither lediglich eine geschichtliche Erinnerung. Weihnachten ist immer. Weihnachten ist heute. Und: Weihnachten ist morgen. Weihnachten ist da, wo der Glaube an Gott nicht Lust und Laune, Gefühl oder Sentimentalität ausgeliefert bleibt, sondern gelebt und mitgetragen wird durch die Begegnung mit Gott.

Weihnachten ist da, wo wir für das Leben sind, und da, wo es menschlich zugeht. Manchmal erfordert das ganz schön viel Mut. Den Mund aufzumachen, wenn einer ungerecht behandelt wird. Nicht wegzuschauen, wo einer schlecht behandelt oder ihm gar Gewalt angetan wird. Weihnachten ist da, wo wir die Liebe und Treue leben, also verlässlich sind. Wo wir Krisen als Herausforderung ansehen und nicht gleich alles hinwerfen und fortlaufen. Weihnachten ist da, wo wir Leid wahrnehmen, nicht daran vorbeisehen, sondern unseren Möglichkeiten entsprechend mittragen und
lindern.

Wie alles, was wichtig ist im Leben, können wir Weihnachten nicht machen. Gott sei Dank bekommen wir Weihnachten geschenkt. Gott sei Dank bekommen wir auch Menschen geschenkt, die unseren Lebensweg begleiten.

In Jesus Christus geht Gott unseren Lebensweg mit. Zeigen wir also durch unser Leben, dass es Weihnachten gibt. Leben wir diese frohe Botschaft, die durch Weihnachten zu uns Menschen in diese Welt gekommen ist. Dann wird Weihnachten über die Feiertage hinaus Wirklichkeit in unserer Welt. Davon singen wir nun. 


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Dieser Beitrag wurde am 24.12.2018 gesendet.





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