Morgenandacht, 04.01.2019

von Joachim Opahle aus Berlin

Feiertage

In Berlin und Brandenburg ist der Glaubensteppich nur locker geknüpft – so lautet ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält. Hauptstadt der Atheisten heißt es bisweilen über Berlin; eine Stadt, in der Gott kein Wohnrecht hat.

Ich wohne selbst in Berlin und meine, dass das nicht stimmt. Im Gegenteil: Immerhin ein Drittel  der sechs Millionen Einwohner im Ballungsraum Berlin gehört einer Glaubensgemeinschaft an. Mehr als 400 Religionsgruppierungen sind bekannt, von A bis Z, von den muslimischen Aleviten bis zu den Zoroastriern, den Anhängern des Propheten Zarathustra. Es gibt keine größere religiöse Vereinigung auf der Welt, die in Berlin keine Anhänger hat. Berlin ist bunt, ist religiös vielfältig wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Willst du Gott suchen, musst du nach Berlin, wäre ich also geneigt zu sagen. Wo das Angebot so reichhaltig ist, müsste doch selbst für den verwöhntesten Gottessucher noch ein Bekenntnis zu finden sein, nach dessen Facon er selig werden kann.

Doch nicht alle teilen diese Euphorie. Dass es viele Religionen und Konfessionen gibt, erscheint manchem verdächtig. Es wäre doch viel einfacher, wenn alle denselben Glauben hätten. Ein Gott – ein Glaube – eine Religion – ein Bekenntnis. Auch unter Christen ist diese Ansicht verbreitet, manchmal nur im Stillen, aber immerhin: sie ist da, die Angst vor Unübersichtlichkeit in Sachen Religion.

Christen beten sogar für die Einheit im Glauben. Das ist gut und richtig. Denn ein andauernder Streit um das rechte Abendmahl oder die alten, immer wieder aufgewärmten  Auseinandersetzungen zwischen Luther und dem Papst sind kein gutes Zeugnis für die Strahlkraft des christlichen Glaubens. Von Jesus wird berichtet, er habe seine Jünger ausdrücklich zur Einheit gemahnt.

Aber Einheit im Glauben darf nicht mit Einförmigkeit in der Gottessuche verwechselt werden. Dass es so viele Wege und Traditionen gibt, sich dem Göttlichen zu nähern, ist Ausdruck dafür, dass Menschen unterschiedlich denken und fühlen und deshalb auch unterschiedlich resonanzfähig sind für das Göttliche. Gott willkommen heißen, heißt für mich zunächst: die Buntheit der religiösen Überzeugungen und Traditionen mit Interesse und freudigem Erstaunen zu verfolgen.

Dazu gehört auch, dass die unterschiedlichen religiösen Bekenntnisse Zeit und Raum finden müssen, sich zu entfalten. Früher waren die Feiertage dazu da, diese Traditionen lebendig zu halten. Zumeist waren sie religiös bestimmt. Aber auch weltliche Anlässe kann man an Feiertagen kultivieren. In Berlin wird derzeit wieder intensiver über einen neuen, zusätzlichen Feiertag nachgedacht. Es soll ein Tag des Gedenkens werden, an ein bedeutendes historisches Ereignis. Am besten auch ein Ereignis, das zum Feiern einlädt. Der 9. November bietet sich an, oder der Reformationstag Ende Oktober; aber auch der 8. Mai, als Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Tyrannei.

Gott suchen und den Glauben feiern, das ist jedoch für mich nicht nur ein Thema für Sonntage oder Feiertage. Manch einer hat schon am Fließband zu tiefer religiöser Offenbarung gefunden. Auf Befehl oder gar weil es im Kalender steht, lässt sich die Tür zum Himmel ohnehin nicht öffnen. Aber als Erinnerung, dass da doch etwas war, etwas, das mehr verheißt als alltägliches Funktionieren, dafür sind die Feiertage im Kalender schon wichtig. Sie sind Spuren des Heiligen im Alltag.

Auch wenn manche dieser altehrwürdigen Spuren vom Neuschnee der Moderne überweht sind: es tut gut, zu wissen, dass sie darunter noch da sind. Spuren, die Herkunft und Ziel haben, eine tragfähige Idee. Spuren, auf denen Generationen von Menschen Sinn und Orientierung für ihr Leben gefunden haben.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 04.01.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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