Morgenandacht, 03.01.2019

von Joachim Opahle aus Berlin

Mal in den Abgrund schauen

Zu den kleinen Lebenslügen am Beginn eines neuen Jahres gehören die augenzwinkernden Vorsätze, was alles besser werden soll: weniger Rauchen, weniger Alkohol, mehr Bewegung usw. Noch im Januar bereits gehen die meisten wieder zur Tagesordnung über – und sündigen aus Herzenslust weiter. „Sündigen aus Herzenslust“, das ist eine Überschrift, den ich in einer Zeitschrift gelesen habe. Da hieß es: „Die Sieben Todsünden und die besten Gründe, warum man sie begehen sollte“. Stolz, Geiz, Unkeuschheit, Neid, Unmäßigkeit, Zorn und Trägheit als Faustregel für eine gelungene Party. Denn so lautete die Empfehlung: „Je mehr Sünden du begehst, desto besser der Abend“.  Ohne Sünden wäre das Leben völlig kontrolliert und frei von Zwischenfällen, also totlangweilig.

Weiter schrieben die Zeitungsmacher: Todsünden sind ein Motor, ein Antrieb: Denn ohne Trägheit wäre das Rad nicht erfunden worden, ohne Zorn hätte niemals ein Revolution stattgefunden, ohne Eitelkeit gäbe es keine Modebranche und ohne Neid wäre uns jeder Ansporn genommen, genauso gut oder besser zu sein als das Gegenüber. Soweit – so verständlich.

Man könnte den altkirchlichen Katalog der Sieben Todsünden in der Tat auch umgekehrt lesen: nicht als Warnung vor Lastern, sondern als Werbung für Vitalität und Entwicklung. Das Spiel mit der Sünde ist jedenfalls genauso alt wie ihre Verteufelung. Immer schon erschien es manchen erstrebenswerter, vom Teufel geritten zu werden, als sein Pferd selbst zu lenken. Und wer behauptet, überhaupt keine Laster zu haben, dem glauben wir es nicht. Lehrt uns doch die Erfahrung, dass solche nach außen hin ehrbaren Menschen häufig nicht verhindern können, dass sich ihre Tugend selbst in ein Laster verwandelt. So wie bei jenem Mann, der von sich sagte: „Demut ist mein ganzer Stolz!“

„Sechs Dinge sind dem Schöpfer verhasst und ein Gräuel“, heißt es in der Spruchsammlung der hebräischen Bibel. "Stolze Augen und eine falsche Zunge; Hände, die unschuldiges Blut vergießen; ein Herz, das finstere Pläne hegt; Füße, die schnell dem Bösen nachlaufen; ein falscher Zeuge, der Lügen flüstert; ein Mensch, der unter Brüdern Streit entfacht!“ (Sprüche 6, 16 – 19).

Diese Ratschläge sind vielleicht schon 3000 Jahre alt. Gelten die heute noch? Oder sollten wir mal einen modernen Lasterkatalog entwickeln, einen, der die Hauptsünden unserer Zeit beschreibt. Was da hinein müsste? Handysucht vielleicht oder Schnäppchenjagd, oder Mobbing im Kollegenkreis oder Brötchenholen mit dem Achtzylinder-Geländewagen. Oder den angeblich geilen Geiz; oder fremdgehen auf der Dating-Plattform - gepaart mit Lügen und Selbsttäuschung?

Wir Heutigen haben es nicht mehr so mit Lasterkatalogen und Kardinaltugenden. Aber was richtig und was falsch ist, das wissen wir schon. Es spielt letztlich keine Rolle, ob wir auf fünf, sieben oder zwölf Sünden kämen. Sie führten doch immer wieder zu denselben Abgründen. Manche stehen gerne an der Kante und wollen wenigstens mal in die Tiefe schauen. Vielleicht muss man die Abgründe wirklich mal gesehen haben, um zu wissen, was man besser lässt.

Wir haben aber auch eine ziemlich intuitive Ahnung von anständigen Menschen mit Charakter. Man muss nicht jeden Tag den Tugendkatalog vor sich her beten und die Laster auswendig können. Man braucht aber eine Vorstellung davon, was schadet – mir selbst und vor allem den anderen. Und man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Charakter und Anstand auch geformt werden können und geformt werden müssen, nicht nur bei Heranwachsenden, sondern auch noch im hohen Alter.

Religiöse Menschen werden sich an den Weisungen und Erfahrungen der Bibel orientieren. Dort steht nicht nur, was gut und was böse ist. Da geht es auch darum, wie man mit Schuld umgehen kann und wie Vergebung und Verzeihen möglich sind. Das ist der eigentliche Mehrwert der christlichen Moral: Wege aufzuzeigen, wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in einen guten Ausgleich gebracht werden können.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 03.01.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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