Morgenandacht, 02.01.2019

von Joachim Opahle aus Berlin

Fünf Neujahrstypen

Gestern haben wir  das Neue Jahr begrüßt. Für viele ein Tag der guten Vorsätze.
Wie stehen Sie zu den guten Vorsätzen für das neue Jahr? Denken Sie vielleicht: Die Vorsätze halten doch sowieso nicht lange? Alles nur Selbsttäuschung? Dann gehören Sie womöglich zu den „Neujahrsverächtern“. Der Erste Tag eines Jahres ist für Sie nichts Besonderes. Silvester und Neujahr gibt es nur, weil der Kalender ebenso definiert wurde. Dass der Erste Januar ein Feiertag ist, finden Sie als Neujahrsverächter zwar ganz ok, aber mehr an Emotion löst der Jahresbeginn nicht aus. Allenfalls planen Sie den ein oder anderen Termin; legen fest, wann Sie Urlaub machen können, welche Geburtstage in der Verwandtschaft anstehen …solche Sachen eben. So ein Neujahrsverächter hat durchaus eine gewisse Planungsdisziplin! 

Eng verwandt mit dem Neujahrsverächter ist der Neujahrsmuffel. Er will am ersten Tag des Jahres am liebsten ausschlafen. Eine besondere Stimmung für den Jahresbeginn liegt ihm fern. Auch er hält nicht viel von guten Vorsätzen. Man weiß ja: deren Halbwertszeit ist kurz.

Neben dem Neujahrsverächter und dem Neujahrsmuffel gibt es am Jahresanfang noch den Schwellentyp. Er zeichnet sich besonders durch Realitätsbewusstsein aus. Der gestrige erste Tag des neuen Jahres war für ihn eine Schwelle, bei der man zurück und nach vorne schaut und das Gewesene nüchtern bilanziert: Was vorbei ist, ist vorbei. Der Schwellentyp hat ein Faible für Schlussstriche. Hat es Scherben gegeben, schleppt er sie nicht mit sich herum, denn sie könnten ihn verletzen. Er lässt sie liegen und hält Ausschau nach dem, was es Neues gibt.

Eng verwandt mit dem Schwellentyp ist der Ritualist. Angeblich sind es häufig Frauen, die sich diesem Neujahrstyp zugehörig fühlen. Beim Ritualisten folgt der erste Tag im Jahr einem ganz bestimmten Regelwerk. Zum Beispiel das Neujahrskonzert im Fernsehen anschauen, oder ein bestimmtes Gericht zubereiten, das es nur einmal im Jahr gibt.

Schließlich gibt es noch einen fünften Neujahrstyp. Ich nenne ihn den Zeiteuphoriker. Er freut sich schon das ganze Jahr über auf den Jahresbeginn, denn mit ihm verbindet er eine besondere Gegenwartserfahrung. Die ersten Sekunden, Minuten und Stunden eines neuen Jahres sind für ihn so, wie wenn man ein neues Buch mit leeren Seiten aufschlägt, die darauf warten, gefüllt zu werden. Wer so heiter und froh gestimmt über den Beginn eines Neuen Jahres denkt, ist auch ein Freund guter Vorsätze. Er nutzt den ersten Tag zum Innehalten, liest gerne Gedichte zum Thema und bindet auch eine religiöse Bedeutung an den Jahresbeginn. Ein guter Tag für seelische Einkehr, für eine spirituelle Bestandsaufnahme.

Der Zeiteuphoriker, zu dem ich mich auch selber zähle, wendet sich auch gegen die Wiederkehr des immer Gleichen. Es ist eben nicht nur wieder ein Jahr vorbei und das Nächste beginnt, sondern der Jahresbeginn ist eine wichtige Zäsur, die mich aufmerksam macht auf neue Erfahrungen und besondere Erlebnisse. Das Beste, was mir in den ersten Stunden und Tagen des Neuen Jahres passieren kann, sind einige Momente der Ruhe.

Denn die Ruhe hilft mit, die Zeit ein wenig besser auszukosten. Ich spüre dann genauer, was passiert, wenn die Vergänglichkeit  auf meinen Wunsch nach erfüllter Zeit trifft. Menschen aller Jahrhunderte haben sich diese Frage gestellt, haben versucht, die Zeit anzuhalten, zu überlisten, zu überspringen oder in der Zeit zurück oder in die Zukunft zu reisen. Mit gefallen am besten die Gedanken des  Barockdichters Andreas Gryphius. In seinen „Betrachtungen der Zeit“ schreibt er:

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht“
(Andreas Gryphius)

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 02.01.2019 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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