Am Sonntagmorgen, 20.01.2019

von Christian Feldmann aus Regensburg

"Zieh weg aus deinem Land" Auf den Spuren des Glaubensvaters Abraham

Eine der schönsten Geschichten der hebräischen Bibel beginnt mit einem respektlosen Gelächter. Der greise Nomadenfürst Abraham sitzt in der Mittagshitze am Eingang seines Zeltes unter den Eichen von Mamre. Plötzlich sieht er drei Männer vor sich stehen. Trotz seines Alters läuft er ihnen eilfertig entgegen, wirft sich zur Erde nieder, bietet ihnen Wasser für ihre müden Füße an und eine Stärkung für den hungrigen Magen. Gastfreundschaft war unter den Wüstennomaden etwas Heiliges – und auch Lebenswichtiges. Abraham läuft zu Sara, seiner Frau, schnell, sie soll frisches Brot backen! Währenddessen führt einer der drei Männer ein sonderbares Gespräch mit Abraham, wie das Buch Genesis, das erste der Bibel, berichtet:

„In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben. – Sara hörte am Zelteingang hinter seinem Rücken zu. Abraham und Sara waren schon alt; sie waren in die Jahre gekommen. Sara lachte daher still in sich hinein und dachte: Was, mit dem Alten?“

Das klingt sehr derb im hebräischen Urtext, aber wer will es Sara verdenken? Abraham ist schließlich stattliche 99 Jahre alt – und sie selbst zählt auch schon 90 Lenze. Dennoch gilt Saras Gelächter den biblischen Autoren und später sämtlichen jüdischen Rabbinen als große Respektlosigkeit. Denn natürlich waren die drei Männer himmlische Boten, Engel, ja nach einer biblischen Lesart hat sogar Gott selbst mit Abraham gesprochen. Entsprechend humorlos reagiert er hier:

„Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara? Ist beim Herrn etwas unmöglich? Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich wieder zu dir kommen; dann wird Sara einen Sohn haben.“

Die Geschichte ist enorm wichtig, aus zwei Gründen. Zum einen zeigt sie die exemplarische Bedeutung, die Abraham in der Bibel zukommt: Er ist der Mensch, mit dem Gott, der Herr, ganz unbefangen umgeht. Er besucht ihn in seinem Zelt, schließt einen Bund mit ihm, verspricht ihm Nachkommen. Zum anderen stehen Abraham und Sara von vornherein für die ganze Menschheit: Sie sind Modellexemplare, ihr zäher Glaube und ihre skeptischen Zweifel, ihre religiöse Leidenschaft und ihre dumpfen Triebe finden sich in unserer eigenen Seelenlandschaft wieder. Abraham, der Abenteurer des Glaubens, der „Freund Gottes“, wie er in den alten Traditionen heißt, er ist eine zeitlose Gestalt.

Ein Abenteuer, ein Risiko ist sein Glaube von Anfang an gewesen. Kein Frommsein, weil sich das eben so gehört. Sondern ein Lauschen auf eine Stimme, die sonst niemand ernst nimmt. Ein verrücktes Vertrauen und eine unbändige Sehnsucht. Er hieß noch nicht Abraham, sondern Abram, und er war 75 Jahre alt, als sein Leben noch einmal ganz von vorn begann:

„Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“

Zieh weg aus deiner Heimat, mit 75 Jahren, einfach so, in ein Land, das du nicht kennst, von dem du nicht einmal weißt, wo es liegt. Wer würde sich schon auf eine so unsichere Sache einlassen? Abram tut es, ohne zu fragen, aus dem einzigen Grund, weil er Gott rückhaltlos vertraut. Und sogleich bekommen beide neue Namen: Abram wird jetzt Abraham genannt, das bedeutet „Vater vieler Völker“. Und Saraj heißt nun Sara, „Fürstin“. Es ist zunächst eine ganz gewöhnliche Geschichte: Ein Nomade beschließt eines Tages, die Gegend, in der er bisher mit seinen Herden herumgewandert ist, zu verlassen und endlich irgendwo sesshaft zu werden. Doch aus diesem ganz alltäglichen Entschluss macht die Bibel die Parabel eines religiösen Urvertrauens, eines völlig neuen Verhältnisses zwischen Gott und Mensch, aus dem Segen für die Menschheit sprießt.
Die jüdische Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide interpretiert das so:

„Es ist das erste Mal, das Gott zu einem Menschen – immerhin zu einem Geschöpf – sagt: ‚Wandle vor mir und sei ganz!‘ Das heißt, das Gängelband wird hiermit durchschnitten und Abraham bekommt stellvertretend für uns alle ein Stückchen Freiheit in Richtung Selbstentscheidung. ‚Du bist verantwortlich für dich selbst und für deine Familie.‘ – Das Große dabei ist, zu Gott ‚Du‘ sagen und mit ihm gegebenenfalls sogar hadern zu dürfen.“[i]

In Abraham verdichtet sich eine Menschheitserfahrung, eine religiöse Entwicklung, die Jahrhunderte gebraucht hat. Ist Abraham denn überhaupt eine historische Person gewesen oder nur eine Gestalt der Legende?

Die Bibelwissenschaftler sagen, irgendwo hinter den mythischen Geschichten steht durchaus eine reale Figur. Dieser historische Abraham habe zwischen 2000 und 1500 vor Christus gelebt. Geboren ist er nach dem biblischen Bericht in Ur in Mesopotamien. Als Hundertjähriger zeugte er einen Sohn mit dem viel Ironie verratenden Namen Isaak – „Gott hat gelacht“. Abraham soll 175, seine Frau Sara 127 Jahre alt geworden sein, beide wurden in der Höhle von Machpela bei Hebron beigesetzt.

Alle diese nach Historie klingenden Details sind nicht wichtig, und sie werden sich auch nie mehr exakt klären lassen. Denn die Abraham-Geschichten wurden nicht zu seinen Lebzeiten aufgeschrieben, sondern viel später, als sich das Volk Israel gedemütigt und heimatlos im Exil befand, vermutlich im sechsten Jahrhundert vor Christus. Auf der verzweifelten Suche nach nationaler Identität und nach einem neuen Lebensinhalt besann man sich auf die alten Legenden.

Plötzlich erhielt das alles einen Sinn: das Umherwandern, der Aufbruch in die Fremde, das Warten auf eine Heimat, die erst noch kommen würde. Vor allem aber die persönliche intime Beziehung zu Gott, ohne Tempel und Priesterschaft. Und das verschleppte, verstreute und erniedrigte Israel fand sich unversehens als Träger eines universalen Gottessegens wieder. Eines Segens, den es nicht engherzig nur für sich beanspruchen, sondern den anderen Völkern vermitteln sollte.

„Der Herr rief Abraham zu: ‚In dir sollen alle Völker der Erde gesegnet sein. Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne. So zahlreich werden deine Nachkommen sein.‘“

Und die Mitte von allem, der tragende Grund, auf den sich Israel verlassen kann, das ist die unverbrüchliche Treue Gottes zu seinem Bund. Und dennoch: die biblischen Zeugnisse von Abrahams unerschütterlichem Gottvertrauen treffen immer wieder auch auf Kontrastthemen: Lüge und List, Feigheit und Gemeinheit. Abraham ist eine sehr gebrochene Idealfigur. Man denke nur an die bekannteste Geschichte von Abraham, an die Opferung Isaaks – oder sollte man besser sagen: die vereitelte Opferung?

„Gott sprach zu ihm: ‚Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge als Brandopfer dar.‘“

Dass Abraham tatsächlich das Feuerholz aufschichtet, Isaak fesselt und zum Messer greift, um seinen Sohn zu schlachten, dass ihm ein Engel vom Himmel zuruft, einzuhalten und statt des jungen Mannes einen Widder zu opfern, dass Gott ihm zum Lohn für seinen furchtbaren Gehorsam einen neuen Segen zuspricht – das alles hat unter jüdischen Rabbinen und christlichen Theologen jede Menge unterschiedlicher Deutungen provoziert. War das Ganze nur ein Missverständnis? Warum hat Abraham nicht sofort protestiert, als ihm Gott zumutete, seinen Sohn umzubringen? Hat zwischen Gott und Abraham eine Art Machtkampf stattgefunden, wie der Romancier und Talmudgelehrte Elie Wiesel vermutet?

„Gott schätzt am Menschen nicht blinde Ergebenheit, sondern klare Erkenntnis, Aufrichtigkeit und keine Schmeichelei. Wie, wenn Abraham sagte: ‚Ich fordere dich heraus, Herr, ich werde mich deinem Willen unterwerfen, aber wir werden sehen, ob du bis zum Äußersten gehst, ob du es tatsächlich geschehen lässt, ob du stumm bleibst, wenn das Leben meines Sohnes, der auch dein Sohn ist, auf dem Spiele steht?‘ Und Gott gibt nach, ändert seine Ansicht, und aus diesem Zweikampf geht Abraham als Sieger hervor.“[ii]

Nicht nur die biblischen Geschichten von Abraham stecken voller Überraschungen – auch sein wechselvolles Nachwirken über die Jahrhunderte und Jahrtausende bei Juden, Christen und Muslimen. In allen drei Religionen ist er präsent geblieben als eine zentrale Gestalt des Glaubens.

Die Juden beispielsweise verehren ihn als den klassischen Pionier des Eingottglaubens. Gerade deshalb kann er als eine Pforte dienen, durch die auch die Nichtjuden, die Frommen aus anderen Völkern, Zugang zum Judentum erhalten.

Vielleicht hatten die Christen später auch deshalb so wenig Probleme, den Nichtjuden Abraham, den religiösen Kosmopoliten, für sich zu vereinnahmen. Andererseits gibt es in den Evangelien immer wieder ungeheure Provokationen, die darauf hinauslaufen, das auserwählte Volk möge sich auf seine Abstammung von Abraham nur nicht zu viel einbilden:

„Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.“

Mit diesen Worten wettert schon Johannes der Täufer gegen die Selbstgerechten, die nicht begreifen, dass es viel mehr auf die innere Haltung ankommt als auf den richtigen Stammbaum.

Aber wie kommt es, dass auch der Islam Abraham oder Ibrahim, wie er hier heißt, als „ersten wahren Muslim“ verehrt? Ganz einfach: Weil er seine polytheistische, zahllose Götter verehrende Umwelt verlassen hat, um dem einen und einzigen Gott zu dienen – eine Devise, die auch Mohammed verkündet hat. Und dennoch: Die drei Religionen haben jahrhundertelang isoliert voneinander gelebt. Jede hatte ihren eigenen Absolutheitsanspruch. Die Kirche hat die Juden ausgegrenzt, und das christliche Abendland kämpfte mit den Muslimen um den Besitz des Heiligen Landes. Da kam man gar nicht auf die Idee, ein gemeinsames Bewusstsein zu entwickeln. Diese Idee ist erst wenige Generationen alt.

Aber enorm zukunftsträchtig. Judentum, Christentum und Islam hören ja nicht auf, drei eigenständige Religionen zu sein. Aber sie kommen aus derselben Wurzel. Aus dem Glaubensvater Abraham, den Juden, Christen und Muslime gemeinsam haben. Die große Hoffnung ist, dass aus der Kraft und Tiefe dieser gemeinsamen Wurzel so etwas wie eine abrahamitische Ökumene entstehen könnte, so etwas wie ein solidarisches Empfinden füreinander. Auch ein gemeinsames Engagement in den gesellschaftlichen Konfliktfeldern: Krieg, Flüchtlingsströme, Religionsfreiheit, Unterdrückung von Minderheiten.

Nur eine naive Vision? Verwischt das Modell vom Bruderzwist im Hause Abraham nicht die nüchterne Einsicht, dass der Nahost-Konflikt eine knallharte politische Auseinandersetzung ist und mit Religion sehr wenig zu tun hat? Gibt es noch das Bewusstsein der gemeinsamen Geschichte? Und die Überzeugung: Frieden kann man nur miteinander erreichen, nicht mehr gegeneinander?

Es gibt Friedensgruppen, die beides verbinden: die spirituelle Vision von der gemeinsamen Wurzel und die nüchterne politische Arbeit. Initiativen, die ein fruchtbares Zusammenleben von Juden, Christen, Muslimen gestalten wollen.

Ein unwahrscheinlich eindrucksvolles Symbol ist die Höhle Machpela in Hebron. Hier haben Abrahams zerstrittene Söhne Isaak und Ismael gemeinsam ihren Vater begraben. Hier, wo Abraham in seinem Zelt Besuch von Gott bekam, sind nach der Tradition auch Sara, Isaak und Jakob bestattet. An dieser heiligen Stätte könnten sich die Religionen treffen.

Musik: "Passion", CD Peter Gabriel - Musik for the last Temptation of Christ


1) Ruth Lapide / Walter Flemmer: Kennen Sie Adam, den Schwächling? Ungewöhnliche Einblicke in die Bibel. Kreuz Verlag 2003, 39. 41

2) Elie Wiesel: Adam oder das Geheimnis des Anfangs. Brüderliche Urgestalten. Herder 1980, 80. 95

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 20.01.2019 gesendet.


Über den Autor Christian Feldmann

Christian Feldmann, Theologe, Buch- und Rundfunkautor, wurde 1950 in Regensburg geboren, wo er Theologie (u. a. bei Joseph Ratzinger) und Soziologie studierte. Zunächst arbeitete er als freier Journalist und Korrespondent,  u. a. für die Süddeutsche Zeitung. Er produzierte zahlreiche Features für Rundfunkanstalten in Deutschland und der Schweiz und arbeitete am „Credo“-Projekt des Bayerischen Fernsehens mit. In letzter Zeit befasste er sich mit religionswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen in der Sparte „radioWissen“ beim Bayerischen Rundfunk. Zudem hat er über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.

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