Wort zum Tage, 12.01.2019

Pastoralreferentin Monika Tremel aus Nürnberg

Das Eigene bewahren

Man könnte von einem Wunder sprechen, was sich da vor nicht allzu langer Zeit in Jerusalem ereignet hat. Nach 70 Jahren wurde die Grabeskirche endlich von ihrem Gerüst befreit. Über ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, dass die Kirche wieder in ihrem ursprünglichen Glanz bestaunt werden kann. Der Kirchenraum ist nun endlich in seiner ganzen Schönheit sichtbar.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Renovierung so lange gedauert hat. Denn sechs christliche Konfessionen teilen sich diesen wichtigsten Ort der Christenheit, an dem der Überlieferung nach Jesus begraben wurde und auferstand. Und dass es zuletzt so einig unter ihnen zuging, das war nicht immer selbstverständlich. In der Vergangenheit gab es immer wieder Konflikte und Streit. Man traute einander nicht über den Weg. Aber jetzt scheint der Streit überwunden zu sein. Denn immerhin einigte man sich, was die Finanzierung und die Renovierung anging.

Die Wiedereröffnung wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst gefeiert und war deshalb ein wichtiges Zeichen. Ein Benediktinerpater meinte, Sie haben Vertrauen zueinander gewonnen. Und sie waren zuversichtlich, dass sie das auch gemeinsam schaffen können. Sie haben nicht das Eigene, sondern das Gemeinsame in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen gestellt. Sie haben den jahrelangen Zwist beiseitegelegt und so die Renovierung gemeistert. Nur so konnten die einzelnen Konfessionen das je Eigene bewahren, weil sie sich gegenseitig vertrauten.

Das Eigene bewahren, indem man dem anderen vertraut. Das ist so ziemlich das Gegenprogramm von „America first“ und „Britain first“ und wie sie alle heißen die ganzen „Firsts“, die das Eigene auf Kosten von Anderen durchsetzen wollen. Eine Haltung, die sich rund um den Globus ausbreitet und die das Zusammenleben im Großen wie im Kleinen erschwert, oder oftmals unmöglich macht. Egoismus und Intoleranz sind die Früchte, die diese Haltung hervorbringt. Aber sie lassen sich überwinden, wenn man Vertrauen fasst, wenn man innere Mauern abbaut und aufeinander zugeht. Wenn man das Eigene zurück stellen kann zugunsten des gemeinsamen Wohls, an dem alle teilhaben. Und schließlich zeigt mir das Beispiel der Grabeskirche: Wir können das, was uns wichtig ist nur bewahren, wenn wir auch das, was anderen heilig ist, achten und schützen.


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Dieser Beitrag wurde am 12.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Dr. Monika Tremel

Dr. Monika Tremel, Jahrgang 1967, ist Pastoralreferentin in der Erzdiözese Bamberg und derzeit Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde in Nürnberg. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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