Wort zum Tage, 11.01.2019

Pastoralreferentin Monika Tremel aus Nürnberg

Beten

„Wenigstens beten kann ich“. Diese Worte sind mir noch im Ohr von meinem Besuch neulich im Krankenhaus. Manuel, ein junger Student, wartet auf einen geeigneten Spender für Blutplasma. Er hat Leukämie. Auf seinem Nachttisch steht ein Foto mit einem Kreuz. Manuel geht es schlecht. Er ist geschwächt durch die Medikamente und die Chemotherapie. „Wenigstens beten kann ich und manchmal nicht mal mehr das“, so sagt er. Das Gebet scheint das Letzte zu sein, was ihm bleibt - ein Strohhalm in den Ungewissheiten der medizinischen Therapien.

Es gibt Menschen, die sagen, beten sei eine oberflächliche Beruhigung. Sie sei Illusion und eine Art der Realitätsverweigerung. Menschen müssen von vorgestern sein, dass sie meinen, beten hilft. Ja, es stimmt, Manuel ist nicht gleich gesund geworden, wie der Lahme in der Bibel, der aufstand und ging. Nein, Manuel braucht Geduld. Möglicherweise werden Wochen, gar Monate vergehen, bis er wieder bei Kräften ist. Und dennoch: ich habe gemerkt, dass das Beten ihm geholfen hat. Es war eine Art, sich die Hoffnung zu bewahren, den Funken Leben, der einem noch bleibt.

Manuel hat gesagt: wenn er die Infusion der Chemotherapie verabreicht bekommt, geht ihm so vieles durch den Kopf. Und er hat Angst. In dieser Situation waren die alten Gebete wichtig, die er schon als Kind gelernt hat und auswendig sprechen kann, ohne lange darüber nachzudenken: Das Vater-unser und das Ave-Maria.

Auch mir geht es oft so: wenn es darum geht, Ungewissheit durchzustehen. Wenn einen die Sorgen überwältigen, wenn sich keine Worte finden, dann helfen mir diese alten vorformulierten Wörter. Wenn sicher geglaubtes schwindet. Wenn die Ohnmacht zu groß wird. Dann gibt es diese vertrauten Gebete. Für mich sind sie keine leeren Floskeln. Sie verbinden mich mit Gott, der größer ist als all meine Angst. Und sie verbinden mich mit Generationen von Menschen, die diese Gebete gesprochen haben und immer noch sprechen jeden Tag, überall auf der Welt. Ja, das Gebet kann helfen. Es hält in schwierigen Situationen die leise Hoffnung aufrecht, dass das Leben weitergeht, dass ich vertrauen kann, und dass irgendwann die Hoffnung wieder aufblühen wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


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Dieser Beitrag wurde am 11.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Dr. Monika Tremel

Dr. Monika Tremel, Jahrgang 1967, ist Pastoralreferentin in der Erzdiözese Bamberg und derzeit Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde in Nürnberg. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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