Wort zum Tage, 10.01.2019

Pastoralreferentin Monika Tremel aus Nürnberg

Wechselseitigkeit

Der englische Naturforscher und Physiker Isaac Newton hat das Gesetz der Wechselwirkung entdeckt. Damit kann man zum Beispiel erklären, warum ein Flugzeug fliegt, oder welche Kraft eine Rakete entwickeln muss, wenn sie ins Weltall startet. Oder, dass die Erde und der Mond sich anziehen. Newton hat also herausgefunden, dass unterschiedliche Körper und Dinge sich gegenseitig beeinflussen.

Was Newton in der Physik entdeckt hat, das haben Psychologen für die Beziehungen der Menschen erkannt. Es gibt in unseren Beziehungen auch so etwas wie ein Prinzip der Wechselseitigkeit von Geben und Nehmen. Das gilt zum Beispiel für die Liebe zwischen zwei Menschen. Je mehr Verwöhnung Partner voneinander erfahren, desto mehr fühlen sie sich zueinander hingezogen und sind wiederum bereit, den anderen zu verwöhnen. Und da, wo Liebe und Zuneigung verblassen, da ist es wichtig, dass beide in Vorleistung gehen und in die Beziehung ungefragt investieren. In der Psychologie spricht man dann schon mal von einem Beziehungskonto. Beispiele für solche Investitionen in das Beziehungskonto sind etwa: Hilfe und Unterstützung spüren, dass man sich respektiert und fair miteinander umgeht. Beispiele für Abhebungen von diesem Konto sind zum Beispiel: auf Fehlern wird herumgeritten, man spürt Ablehnung, hört Vorwürfe oder wird im Stich gelassen; man erhält keine Antwort und wird angegriffen. Wenn im Laufe der Zeit mehr abgehoben als eingezahlt wird, dann geht die Beziehung bankrott. Deshalb ist es wichtig, dass die Partner darauf achten, dass das Beziehungskonto wieder aufgefüllt wird mit Zuneigung und Geduld, mit Langmut und Aufmerksamkeit.

Dieses Prinzip der Wechselseitigkeit gibt es nicht nur unter Partnern in einer Beziehung oder in einer Ehe, sondern zwischen allen Wesen auf der Welt, so sieht es auch der christliche Glaube. Es gibt gewissermaßen ein Beziehungskonto der Menschheit. Und auf diesem Konto, geht Gott in Vorleistung. Indem er uns das Leben schenkt. Indem er uns die Welt als Lebensraum zur Verfügung stellt. Er hat uns durch Jesus gezeigt, wie der Frieden, und die Liebe Zinsen tragen: indem wir für den Frieden arbeiten, indem wir gerecht handeln und die Armut bekämpfen.

Ich finde, in einer Welt, in der viele fragen: was bringt mir das? Oder: was bekomme ich dafür? In einer Welt, in der das Beziehungskonto zwischen uns Menschen in eine arge Schieflage geraten ist, ist diese christliche Sicht, gar keine so schlechte Idee.


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Dieser Beitrag wurde am 10.01.2019 gesendet.


Über die Autorin Dr. Monika Tremel

Dr. Monika Tremel, Jahrgang 1967, ist Pastoralreferentin in der Erzdiözese Bamberg und derzeit Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde in Nürnberg. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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